Die Notlösung Jura wurde zur Leidenschaft: Amtsgerichtsdirektor Ulrich Feyerabend spricht zum Abschied über skurrile und zu Herzen gehende Fälle.
„Wo ist der Hammer?“Warum der Siegburger Amtsgerichtsdirektor nicht Jura studieren wollte

Verspätet in den Ruhestand: Der Siegburger Amtsgerichtsdirektor Ulrich Feyerabend arbeitete fast ein Jahr länger.
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Es gibt Fälle, da hätte der Richter Ulrich Feyerabend lieber kein Recht gehabt. „Das wird sicher mal ein Kunde“, sagte er über ein Kleinkind, das mit seiner Tochter in den Kindergarten ging. Rund 15 Jahre später stand der junge Mann aus extrem schwierigem familiären Umfeld vor ihm - mit einer Akte voller Vorstrafen.
Mitgefühl zu haben und dennoch konsequent zu urteilen, das ist für den Amtsgerichtsdirektor kein Widerspruch. Kurz vor seinem Abschied blickt der 66-Jährige zurück - auf skurrile und zu Herzen gehende Verhandlungen, auf erschütternde Schicksale und Prozesse als Fernsehspektakel, auf Jugendliche als Täter und als Opfer.
Als Robenträger sah sich der Rheinländer lange nicht
Und auf seine Jahrzehnte im deutschen Justizsystem, für ihn eines der besten: „Wenn ich nicht völlig überzeugt bin von der Schuld, dann muss ich denjenigen frei sprechen - in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Unvertretbar wäre es für mich, den Falschen zu verurteilen.“
Dass die nächste Instanz im Laufe der Jahre das ein oder andere Urteil kassierte, damit könne er gut leben. So war es im Fall einer Siegburger Lehrerin, deren Hund am Rande eines Spielplatzes ein Kind gebissen hatte. Feyerabend sah eine fahrlässige Körperverletzung, das Landgericht Bonn sprach die Beklagte frei, die energisch verkündete: Dass ihr sonst so braver Hund zubeißen würde, damit habe sie im Leben nie gerechnet. Zumindest zivilrechtlich sei die Frau in der Haftung geblieben, erklärt der Amtsgerichtsdirektor. Das Opfer erhielt Schmerzensgeld.
Unser Leben wird fast unmerklich juristisch geregelt.
Als Robenträger sah sich der Rheinländer, der in Bad Godesberg aufwuchs, lange nicht. In der Oberstufe nach seinem Studienwunsch gefragt, hatte er kundgetan: „Alles außer Jura.“ Da sich der beste Freund auf Anraten seiner Mutter in Bonn einschrieb, tat er es ihm nach. „Ich wollte Zeit rausschlagen, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen.“ Die Naturwissenschaften hätten ihn eigentlich mehr interessiert.
Doch dann biss er an, fand das Fach hochspannend: „Unser Leben wird fast unmerklich juristisch geregelt.“ Im Referendariat kam er aufs Strafrecht. Zuvor habe er ein Bild von Richtern gehabt als „alte, weiße und strenge Männer, die schreien“. Im Landgericht Bonn erlebte er das glatte Gegenteil: einen Vorsitzenden, der mit den Parteien menschlich und auf Augenhöhe umging. Das sprach ihn an: „Ich war schon immer der eher vermittelnde Typ.“
Nach langer Zeit als Richter am Amts- und Landgericht Bonn, unterbrochen von drei Jahren im Justizministerium, wechselte er vor zwölf Jahren als Amtsgerichtsdirektor nach Siegburg, wurde Behördenchef mit 230 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Feyerabend setzte, anders als seine Vorgänger, auch bezüglich der Presse auf Offenheit: „Es ist wichtig, dass die Leute sehen, was hier passiert.“
Immer wieder werde er von Zuschauern gefragt: „Wo ist denn der Hammer?“ Fernsehspektakel prägten das Bild. Wenn die Menschen einfach losreden im Saal, sage er mahnend: „Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch.“
Wir sind hier nicht bei Barbara Salesch
Als eine Stelle im Jugendgericht frei wurde, übernahm Feyerabend. Seine Kommunikation mit den Jugendlichen und Heranwachsenden war von Empathie und Klarheit zugleich geprägt, er wählte einfache Worte, vermied die gedrechselte Fachsprache. Und er erlebte mehr als einmal „Angeklagte, die uns in ihr Leben eintauchen lassen“.
Wie eine junge Frau, angeklagt wegen Schwarzfahrens, eine Lappalie, zehn Minuten Verhandlungszeit hatte der Jugendrichter eingeplant. Es wurden eineinhalb Stunden. Ein Beispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Gemeinsam mit der Delinquentin strickten sie einen Plan, erste Schritte auf dem anfangs holprigen Lebensweg. Feyerabend hielt Kontakt zum Jugendamt. „Ich habe sie nie wiedergesehen.“
Eine andere Jugendliche reagierte auf keine der vielen Verurteilungen, Bewährungsstrafen und Auflagen blieben zwecklos. Erst in der Jugendhaft habe sie Halt gefunden, wollte auch nicht vorzeitig entlassen werden. „Sie ergriff die Chance, im Gefängnis ihren Schulabschluss zu machen, kam irgendwann vorbei und zeigte mir stolz ihr Zeugnis.“
Die Jugendschutzsachen, die in Siegburg verhandelt werden, gehen dem zweifachen Vater nahe
Vor kurzem habe er sie noch in der Stadt getroffen, sie schob glücklich einen Kinderwagen. Auch andere suchten nach dem Urteil weiter den Kontakt, erzählten am Telefon und auf der Straße, wie es ihnen jetzt gehe, berichtet der Richter: „Im Jugendgericht hat man das Gefühl, dass man tatsächlich eine Veränderung herbeiführen kann. Da sind wir Leitplanke und begleiten die jungen Leute ein Stück.“
Das gelinge natürlich nicht in jedem Fall. Die ganz harten Brocken, auch die gebe es. Schon in jungen Jahren alte Bekannte. Er registriere die ausufernde Gewalt, anders als früher werde auch dann noch zugetreten, wenn jemand schon am Boden liege, häufiger ein Messer gezückt. Bei einem Angeklagten sei er letztens sogar laut geworden. Anders als erwartet, stellte der Strafverteidiger keinen Befangenheitsantrag: „Der fand das gut. So habe man mit seinem Mandanten mal sprechen müssen.“
Die Jugendschutzsachen, die gehen dem zweifachen Vater - die Tochter ist 24, der Sohn 18 - immer noch nahe. Wenn Kinder und Jugendliche Opfer werden, zumeist von sexueller Gewalt, dann nehme man das mit nach Hause. Ins Gedächtnis eingebrannt habe sich ihm auch sein erster Fall: Eine junge Frau, Sozia auf einem Motorrad, kam ums Leben, weil ein betrunkener Autofahrer mit 200 Stundenkilometer ins Zweirad krachte. „Es war auf der Autobahn. Ich komme da jeden Tag vorbei.“
Mit dem Ruhestand hatte es Ulrich Feyerabend nicht eilig, er arbeitete ein Jahr länger. Eine To-do-Liste habe er nicht, einen Terminkalender brauche er weiterhin: Der Mitbegründer von „Unser Wachtberg“ arbeitet in der Gemeinderatsfraktion mit und ist stellvertretender Bürgermeister. Einen Kindheitstraum will er sich gleichwohl erfüllen: eine lange Reise nach Südamerika.

