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„Dann habe ich Mist gebaut“Obdachloser wegen Messerangriff auf 41-Jährigen in Siegburg vor Gericht

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Blick auf das Gebäude.

Der Prozess läuft in der Landgerichts-Außenstelle in Siegburg bis Ende April. (Archivbild)

Der 39-jährige gebürtige Solinger ist wegen versuchten Totschlags angeklagt. Vor Gericht spielte er die Situation mit seinem Anwalt nach.

Der Angeklagte wischte sich mit der Hand über den Mund und holte tief Luft, bevor er sein Geständnis begann: „Also, ich sage mal so ...“ Der 39-jährige Obdachlose hatte gestern viel zu erzählen. Die Staatsanwaltschaft Bonn hat ihn wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, weil er in der Nacht zum 9. Oktober vergangenen Jahres auf der Steinbahn in Siegburg einen 41-Jährigen durch einen Messerstich lebensgefährlich verletzt haben soll.

Das Opfer konnte noch selbst mit einem Handy den Notruf absetzen, wurde ins Helios-Klinikum gebracht und durch eine Notoperation gerettet. Das Küchenmesser hatte seinen Dünndarm an mehreren Stellen perforiert.

Der mutmaßliche Täter muss sich bis Ende April vor dem Bonner Schwurgericht unter Vorsitz von Johanna Wieland verantworten, das in der Landgerichts-Außenstelle in Siegburg tagt.

Gebürtiger Solinger seit Jahren alkohol- und drogenabhängig

Der Angeklagte, gebürtig aus Solingen und seit Jahren alkohol- und drogenabhängig, aber als Kampfsportler immer noch muskulös, redete nicht lange um den heißen Brei herum, sondern ließ sich zur Person und zur Sache ein: „Dann habe ich Mist gebaut“, sagte er, nachdem er von seiner Zeit in einem Heim für Schwererziehbare, von seiner abgebrochenen Maler- und Lackiererlehre, von der mehrjährigen Jugendhaft in Siegburg, von zwei gescheiterten Versuchen, von der Sucht loszukommen, und von der heute elfjährigen Tochter erzählt hatte, zu der er kaum Kontakt hat.

Dann habe ich Mist gebaut.
39-jähriger Angeklagter

Irgendwann landete er, vom Niederrhein kommend, in Siegburg, lebte zeitweise im Don-Bosco-Haus, einem Heim für Wohnungslose in der Luisenstraße, flog dort aber raus und fand bis August 2025 für ein halbes Jahr ein Bett in einer Obdachlosen-Unterkunft in der Wilhelmstraße, bis ihm auch hier gekündigt wurde, sodass er auf der Straße landete. Er richtete sich ein Nachtlager auf einem Baseballplatz an der Ecke Barbarossaplatz/Steinbahn ein, wo sich auch zwei Kumpel niedergelassen hatten.

Mit Drucksituationen, berichtete der Angeklagte, könne er nicht gut umgehen; dann müssten Betäubungsmittel helfen. Zuletzt konsumierte er nach eigenen Angaben pro Tag fünf Gramm Amphetamine und drei Gramm Marihuana und trank dazu vier bis fünf Dosen Bier-Mixgetränke – „Das war meine Hausdroge“. Die Kumpane vom Baseballplatz waren ähnlich drauf wie er.

Streit brach laut Angeklagtem wegen Handel mit Ketamin und Kinderporno aus

Mit einem, 41 Jahre alt, geriet der Angeklagte am Abend des 8. Oktober 2025 in Streit, weil der Ältere einem Mädchen Ketamin, eine gefährliche Partydroge, verkauft haben soll; die junge Frau sei danach ohnmächtig geworden. „Das würde ich nie machen“, sagte der 39-Jährige, „das hat mich wütend gemacht“. Beide, hochgradig voll mit Rauschmitteln, stritten auf dem ganzen Weg vom Bahnhof bis zum Lager; dort verabschiedete sich der Dritte gegen 22 Uhr zum Schlafen, während das spätere Opfer dem Angeklagten auf seinem Handy einen Kinderporno gezeigt haben soll. „Das war ekelhaft!“, empörte der sich gestern.

39-Jähriger spielt Szene mit Anwalt nach: Messerangriff sei Verteidigung gewesen

Der Krach eskalierte, Schläge wurden angedroht, als der 41-Jährige plötzlich ein Küchenmesser gezogen haben soll. Er habe versucht, es ihm zu entwinden – „Frau Richterin, ich zeige Ihnen mal wie“: Der Angeklagte und sein Verteidiger Marc Francoise erhoben sich, der Anwalt tat so, als hielte er eine Waffe in der rechten Hand, der Kampfsportler drückte sie beiseite, aber „dann hat der das Messer irgendwie in den Bauch gekriegt“.

Der Zechkumpan brach zusammen, der mutmaßliche Täter warf das Messer an einer nahen Bushaltestelle in einen Mülleimer, rannte zu einer Bekannten ins Stadtzentrum und legte sich dort schlafen. Am Mittag des 9. Oktober klingelte ihn die Polizei aus dem Bett. Seitdem sitzt er in Siegburg in Untersuchungshaft.