In den 70er Jahren entdeckte die gebürtige Berlinerin Ton als ideales Material, im Jahr 2000 kam die Malerei hinzu.
Retrospektive Rosemarie StufferRaues und Lockeres im Kunsthaus Troisdorf

Rosemarie Stuffers Arbeit "Spiel der Kräfte" bezieht sich auf Medien, die den Einsturz einer Disko meldeten.
Copyright: Heidrun Wirth
So vieles, vom Zeichnen bis zum Malen und Collagieren, von kleinen Perlen bis zu großen Plastiken, es scheint schier unerschöpflich und wird trotzdem immer neu ästhetisch reizvoll im Kunsthaus Troisdorf präsentiert. „Was sein muss, muss sein“ meint die Künstlerin Rosemarie Stuffer zu ihrer eindrucksvollen Retrospektive aus einem Schaffen, das sich über 50 Jahre erstreckt.
Alles begann mit dem irdenen Ton, den Rosemarie Stuffer für sich in den 70er Jahren als ideales Material entdeckt hat: „Mit dem Ton habe ich das Raue und Lockere hinzugewonnen, denn das allzu Glatte liegt mir nicht“, erklärt sie beim Rundgang durch die Räume. Unterstützt wurde sie bei der Kuratierung und schwierigen Hängung von ihrem Mann, dem Künstler Rolf Scheider und dem Kölner Konzeptkünstler Christian Abele.
Archaische dickbäuchige Wesen
Ganz zu Beginn steht, oder besser gesagt hängt, auf der Wand ein Urmenschenpaar, ein Er und eine Sie, frei wie es Platon in der griechischen Antike überliefert hat. Man glaubt es gern, dass die beiden kugeligen archaischen dickbäuchigen Wesen mit ihrer rauen Oberfläche einige Findungsschwierigkeiten hatten, „bis sich die Götter erbarmten“.
Begonnen hat die künstlerische Karriere der 1941 geborenen Rosemarie Stuffer eigentlich erst 1973 in Bensberg, wo sie, zuvor als technische Zeichnerin ausgebildet, in einem Architekturbüro arbeitete, von 1980 bis 2000 als Stadtplanerin tätig war und schließlich auch Kunstkurse belegen konnte.

Rosemarie Stuffer mit keramischen Arbeiten
Copyright: Heidrun Wirth
Bald leitete sie selber Kurse, und seit 1986 hat sie ein eigenes Atelier in Much. Sie verfügt über drei verschiedene Brennöfen, einer ist für den besonderen Rakubrand, bei dem die dickwandigen rot glühenden Plastiken bei Temperaturen bis zu 1000 Grad dem Ofen entnommen werden und unter Sauerstoffreduzierung abgekühlt werden. Dieser Prozess bleibt ablesbar und macht aus jedem Brand ein einzigartiges Exponat.
Ab 2000 kam die Malerei hinzu: „Ich wollte das erweitern, weil ich die Bewegung wiedergeben wollte.“ Gewaltigen Kräfte, die völlig unerwartet auftauchen, wie der Einsturz einer Disco, verleiteten sie 2007 zu einem jähen impulsiven Farb- und Formausbruch auf einem abstrakten Bild mit dem Titel „Spiel der Kräfte“. Auch auf die Natur in ihrer Gefährdung reagierte Rosemarie Stuffer vielfältig zeichnerisch, wie auf dem Bild „Verborgene Existenz“. Ein unauslotbares Bild besteht aus geheimnisvollen schwarz-weißen Strichbündeln.
Liebevoll gefasste Schmuckstücke
Kleinste Sammelstücke aus Samen, Wurzeln oder Gräsern werden zu liebevoll gefassten Schmuckstücken zusammengefügt, ergänzt durch kleine Keramikteile. „Damit fing das alles an“, erklärt die Künstlerin, deren Werke inzwischen in vielen öffentlichen Sammlungen zu finden sind.
Dass all dem aber ein langer, schwerer Weg vorgeschaltet war, auch das bleibt nicht verborgen. Die gebürtige Berlinerin war im Zweiten Weltkrieg 1943 als Kleinkind von einer Evakuierung nach Heideanger bei Görlitz betroffen. Später hatte sie gar nicht gemerkt, welch traumatische Spuren „die Flucht von Heideanger nach Ludwigshafen“ hinterlassen hatte. Dazu entstand erst im Jahr 2020 ihr im Eigenverlag herausgegebenes Künstlerbuch mit Texten, Zeichnungen und Dokumenten. „Ich fühle mich seitdem besser“, meint die Künstlerin, die ihr Schicksal kreativ verarbeiten konnte und die immer wieder dieses Eingespanntsein zwischen schicksalhafte Kräfte zu ihrem Thema werden lässt.
Und so steht man schließlich vor einem Lastenregal mit 52 Kleinplastiken und bewundert ihr jüngstes Werk, ein von der Decke hängendes Rollbild aus Packpapier. Und die Künstlerin, die nicht aufhören kann und will, sagt, es sei ihr wichtig, dass das Papier knittrig von oben bis unten sei. Auf diesem (wiederum rau) strukturierten Bildgrund tummeln sich unendlich viele kleine Zeichnungen, Ornamente, Linienspiele, mit Notabenen und Tiefblicken in ausgeschnittenen kleinen Fenstern in der Durchsicht auf die weiße Wand.
Die Ausstellung im Kunsthaus Troisdorf, Mülheimer Straße 23, ist bis zum 24. Mai zu sehen und samstags von 15 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11 bis 14 Uhr geöffnet.
