Was beim 1. FC Köln für und gegen den polarisierenden Trainer spricht. Verantwortliche stehen hinter Lukas Kwasniok, fordern aber die Wende.
„Situation ist uns sehr bewusst“FC-Sportchef Kessler erhöht in der Kwasniok-Diskussion den Druck

Gute Laune, viele Hoffnungen: Sportchef Thomas Kessler (r.) und Lukas Kwasniok, der am 25. Juni als FC-Trainer vorgestellt wurde.
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Offiziell hat beim 1. FC Köln keiner ein Ultimatum gestellt, doch Cheftrainer Lukas Kwasniok ist trotz seiner erst 44 Jahre bereits lange genug im Geschäft, um zu wissen, was die Stunde geschlagen hat. Erst recht nach dem desillusionierenden 0:2 zuletzt in Augsburg. Mögen zuvor auch so manche Leistungen des Bundesliga-Aufsteigers respektabel gewesen sein, so ist auch klar, dass der FC endlich wieder vermehrt punkten muss. Zehn Zähler und nur zwei Siege holten die noch so stark in die Saison gestarteten Kölnern aus den vergangenen 15 Spielen: Das ist nicht nur die Bilanz eines Abstiegskandidaten, sondern die eines Absteigers – sollte sich der Negativ-Trend fortsetzen.
Die Kritiker von Kwasniok nahmen zuletzt immer mehr zu, die Argumente für seine Weiterbeschäftigung scheinen dagegen weniger zu werden. In den kommenden drei wegweisenden Bundesligaspielen bis zur Länderspielpause, also am Samstag (18.30 Uhr) gegen Dortmund, dann beim HSV und im Derby gegen Borussia Mönchengladbach müssen Team und Trainer den Turnaround schaffen.
Die Situation ist uns sehr bewusst. Es reicht nicht, phasenweise gut zu sein. Wir wissen, was gefordert ist, und ich erwarte, dass wir das entsprechend umsetzen.
„Die Situation ist uns sehr bewusst. Wir reden intern nichts schön, weil am Ende Ergebnisse zählen. Das ist der Maßstab, an dem wir uns alle messen lassen. Entsprechend konsequent analysieren wir unsere Spiele und leiten daraus unsere Entscheidungen ab“, sagt Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler auf Anfrage. Und erhöht den Druck: „Es reicht nicht, phasenweise gut zu sein. Wir wissen, was gefordert ist, und ich erwarte, dass wir das entsprechend umsetzen.“
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Noch vertraut Kessler dem Coach. So wie der Vorstand bereits am Sonntag in Person von Ulf Sobek, dem Vizepräsident Sport, der sagte: „Lukas Kwasniok kennt Drucksituationen und hat in seiner Laufbahn mehrfach bewiesen, dass er Mannschaften stabilisieren und entwickeln kann. Ich erlebe täglich, mit welcher Intensität und Klarheit er mit seinem Trainerteam arbeitet“. Doch auch Sobek fordert nun deutlich Ergebnisse ein. Die erwartet auch Kessler – traut diese allerdings den von ihm geholten Wunschtrainer und dessen Team auch zu: „Lukas und sein Team arbeiten äußerst akribisch, die Mannschaft zieht hier täglich mit. Wir haben die Qualität, unser Saisonziel zu erreichen. Das hat Lukas der Gruppe in dieser Woche noch einmal sehr deutlich vermittelt. In Leipzig, Stuttgart und Hoffenheim waren wir absolut konkurrenzfähig. Augsburg war unter unserem Anspruch, das haben wir intern klar aufgearbeitet. Jetzt geht es darum, bei den kommenden Aufgaben – schon am Samstag gegen Dortmund – diese Qualität mit maximaler Intensität und Konsequenz über 90 Minuten auf den Platz zu bringen.“
Wir haben die Qualität, unser Saisonziel zu erreichen. Das hat Lukas der Gruppe in dieser Woche auch noch einmal sehr deutlich vermittelt.
Kessler hat Kwasniok, so auch die Meinung vieler Experten, einen Kader bereitgestellt, mit dem der Klassenerhalt gelingen muss. Man muss kein Prophet sein: Ohne die knappen Siege gegen die Kellerteams Mainz (2:1) und Wolfsburg (1:0) wäre Kwasniok wohl nicht mehr im Amt.
Während die Vereinsführung also noch an die Wende unter Kwasniok glaubt, haben etliche Fans ihr Urteil schon gefällt: Der Coach ist bei ihnen durchgefallen, sie fordern die Trennung. Doch Verantwortliche dürfen sich ganz sicher nicht von Stimmungen leiten lassen, es geht um die gezielte Abwägung, ob Kwasniok im Abstiegskampf, in dem die Konkurrenz Boden gut gemacht hat, noch der richtige Mann ist oder eben nicht. Denn ist gibt auch Argumente für den emotionalen, polarisierenden Trainer.
Was gegen Kwasniok spricht
Profifußball ist nun einmal in erster Linie ein Ergebnissport. Und da ist die jüngste Bilanz des FC und noch mehr der Trend besorgniserregend. Es ist zwar schön und gut, wenn man auf Augenhöhe mit den meisten Gegner ist, doch entscheidender ist, dass auch Aufwand und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Und das war bisher viel zu selten der Fall. In der Formtabelle seit dem zehnten und bis einschließlich des 25. Spieltags sind die Kölner Drittletzter – punktgleich mit dem Vorletzten Bremen (zehn Zähler) und nur einen Punkt vor dem abgeschlagenen Schlusslicht Heidenheim (neun).
Irritationen lösen regelmäßig die Personalentscheidungen des Trainers aus. Vieles wirkt von außen erratisch, wenig erklärbar, auf jeden Fall fluktuativ. Leistungsträger werden immer wieder oft auf ungewohnten Positionen eingesetzt. Ein Stamm ist weiter nicht zu erkennen. Das ist auch mit der Verletzungsmisere zu erklären – die wiederum selbst Fragen aufwirft. Die Häufung an Muskelverletzungen kann nicht mehr alleine mit Pech begründet werden, sondern dürfte tiefere Ursachen und möglicherweise mit Belastungssteuerung zu tun haben.
Der Umgang mit Senkrechtstarter und Ausnahmetalent Said El Mala ist gewiss kein leichter und bedarf einer klugen Moderation. Doch er wirft immer wieder Fragen auf und sorgt bei vielen Experten sogar für Unverständnis. El Mala, der um seine WM-Teilnahme bangt, erzielte zwar acht Tore, stand aber nur in zehn von 24 Bundesligaspielen in der Startelf.
Kwasniok, so scheint es, hat stets eine Unmenge an Ideen im Kopf. Entweder kann er diese seinem Team nur ungenügend vermitteln, oder er überfordert es sogar mit diesen. Die Mannschaft wirkt mental nicht gefestigt, bisweilen fragil. Selbst wenn der FC eigentlich gut im Spiel ist, so werfen die Mannschaft Rückschläge immer wieder postwendend um. In diesen Phasen fehlt es an Führung und einem klaren Plan.
Dazu kommt, dass Kwasnioks Verhalten abseits des Platzes bisweilen fragwürdig ist. Polarisiert hat der Trainer bereits seit dem Tag seiner Verpflichtung, die bereits in den Vereinsgremien nicht auf volle Zustimmung gestoßen, sondern breit diskutiert worden war. Doch was beim Trainer anfangs in der Öffentlichkeit noch als frisch, unterhaltsam und ehrlich wahrgenommen wurde, hat sich mittlerweile ins Gegenteil gekehrt. Es wurde so manche Vorahnung aus vorherigen Trainerstationen Kwasnioks bestätigt. Der Coach leistete sich schon einige verbale Patzer und auch ein paar Fehltritte, die an seiner Autorität kratzen – auch gegenüber der Mannschaft. Da halfen auch (glaubhafte) Entschuldigungen nicht sonderlich. Man hat das Gefühl, der Trainer will öffentlich immer noch einen draufsetzen.
Offensichtlich ist, dass die aktive Fanszene den Trainer und dessen Wirken kritisch sieht. Erst recht seit der Winterpause. Noch stehen sie und die anderen Anhänger hinter der Mannschaft, doch sollte sich die Krise vergrößern, könnte die Stimmung auch schnell kippen.
Was für Kwasniok spricht
Der FC spielt auch als Aufsteiger, der gar nicht den Kader einer arrivierten Bundesliga-Mannschaft haben kann, einen modernen, offensiv ausgerichteten Fußball. Kwasniok verfolgt eine klare Spielphilosophie. Hört man sich am Geißbockheim um, werden seine fachlichen Qualitäten geschätzt. Man versteht den einstigen Grundgedanken und die Hoffnung der Kölner Verantwortlichen hinter der Verpflichtung. Sie wollten einen (jüngeren) Trainer, der ein paar Jahre, bestenfalls eine kleine Ära im Klub prägen kann. Und der auch jüngeren Spielern aus der hervorragenden Nachwuchsabteilung das Vertrauen schenkt – was auch erfolgt ist.
Unstrittig ist auch die Haltung der Mannschaft. Köln gehört stets zu den laufstärksten Teams der Liga, sucht den Weg nach vorne und kommt oft zum Abschluss. Leidenschaft und Intensität, die Grundtugenden, sind stets da – auch wenn die Kölner aggressiver agieren dürften. Dies ist zwar kein Plädoyer für Unfairness, doch mit „erst“ 38 Gelben Karten und einem Platzverweis führt ausgerechnet der Aufsteiger die Fairplay-Tabelle an.
Unter dem Stich war der FC bis dato mit wenigen Ausnahmen konkurrenzfähig und gab sich so gut wie nie auf. Das wäre kaum möglich, wenn eine Mannschaft gegen ihren Trainer spielen würde. Auch wenn die Stimmung im Winter-Trainingslager an der Costa Blanca nach harten Worten und Entscheidungen des Trainers nicht gut war, so scheint grundsätzlich die Chemie zwischen den meisten Spielern und dem Trainer zu stimmen. Unzufriedene gibt es schließlich in jedem Kader.
Ein oft unterschätzter Punkt in der Pro-und-Contra-Abwägung ist zudem der Trainermarkt. Natürlich könnte Kessler erneut bei Friedhelm Funkel vorstellig werden. Die Bundesliga-Legende würde den FC wohl auch ein viertes Mal übernehmen – zum dritten Mal als Feuerwehrmann. Funkel stünde für Erfahrung, Ruhe und Menschenführung, könnte die Lage kurzfristig stabilisieren und den Klub womöglich erneut retten. Der 72-Jährige wäre aber erneut keine Dauerlösung. Dazu kommt: Der Markt an verfügbaren deutschen Trainern ist derzeit überschaubar. Namen, von denen manche Fans träumen – etwa Edin Terzić oder Marco Rose – sind schlicht unrealistisch. Ein Trainer aus dem Ausland – selbst aus dem benachbarten – bleibt stets ein Risiko, das beim Traditionsklub in der Vergangenheit nur selten aufgegangen ist.
Bekommt der FC die Kurve – was aufgrund des machbaren Restprogramms zumindest möglich erscheint – könnten die Kölner zu einem versöhnlichen Saisonabschluss gelangen. Aber selbst danach dürfte im Sommer alles neu bewertet und auf den Prüfstand gestellt werden.

