Im Interview spricht Andreas Rettig über die politischen WM-Debatten und die jüngsten Aussagen von Nationaltrainer Julian Nagelsmann.
DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig„Wir sind im Dauerstress-Modus“

Andreas Rettig, Sport-Geschäftsführer des DFB
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Herr Rettig, was wollte Julian Nagelsmann mit seinem großen „Kicker“-Interview zuletzt bezwecken?
Die Nationalmannschaft ist Deutschlands liebstes Kind. Gerade vor einer WM ist das Interesse noch einmal größer. Julians Einschätzung war ein seriöser, ehrlicher Stand der Dinge.
Viele waren von den direkten Aussagen überrascht. Wie waren die Rückmeldungen?
Haben Sie die Aussagen überrascht? Bei uns sind zumindest keine Reaktionen angekommen, die darauf schließen lassen, dass dadurch Türen bei Spielern endgültig geschlossen oder geöffnet wurden. Julians Klarheit und Offenheit sind mir deutlich lieber als nichtssagende Plattitüden. Ich schätze es, dass unser Bundestrainer Dinge unverstellt und nachvollziehbar anspricht. Das passt zu seinem authentisch emotionalen Auftreten unter anderem nach dem EM-Aus, als er gleich wieder Aufbruchsstimmung auf dem Weg zur WM erzeugt hat. Wenn er etwas sagt, findet das immer Beachtung.
Nagelsmann hat dabei auch einzelne Spieler öffentlich bewertet – etwa Anton Stach eher negativer oder Leon Goretzka deutlich positiver.
Wichtig ist, dass die Spieler selbst wissen, wo sie stehen. Darüber hinaus gehört es auch zum Aufgabenprofil eines Bundestrainers, öffentlich Einschätzungen abzugeben, zum Beispiel seine Nominierung zu erklären.
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Der Bundestrainer hat bei einigen Spielern Defizite benannt. Aber ist es nicht besser, ein Umfeld zu schaffen, in dem Spieler aufblühen?
Das ist kein Widerspruch. Atmosphäre, Wohlfühlen und eine gute Gruppenchemie sind wichtig. Ehrlicher Umgang gehört dazu: Zu wissen, dass derjenige, der mir gegenübersitzt, es wirklich so meint, wie er es sagt, ist mir lieber, als nur Aussagen für die Öffentlichkeit zu hören.
Deniz Undav wurde nur kurz erwähnt, obwohl er aktuell der treffsicherste deutsche Torjäger ist. Wie lässt sich das Leistungsprinzip nachvollziehen?
Wenn der Bundestrainer über jeden Spieler, den er im Auge hat, mehrere Sätze sagt, wird aus einem Interview schnell ein Telefonbuch. Auch kurze Einschätzungen sind Botschaften: Julian behält am Ende den Überblick über alle Optionen.
Nagelsmann hat auch gesagt, dass Said El Mala beim 1. FC Köln zu wenig spielt. El Mala wäre ja ohnehin eher als Joker eingeplant – wie sehen Sie seine Chancen auf die WM?
Eine gewisse Spielpraxis ist wichtig. Ich fand Julians Einschätzung richtig. Dabei handelte es sich wie beschrieben nicht um Kritik an seinem Trainerkollegen. Wer mehr Spielzeit braucht, muss das selbst beeinflussen. Natürlich kann man nicht sagen: Wer 20 Minuten im Verein spielt, spielt auch nur 20 Minuten bei der WM. Fitness und Spielfrische sind entscheidend. Solange die Tür offen ist, hat jeder Spieler eine Chance, und es stehen ja noch Spiele an.
Sie haben eine Vergangenheit bei Viktoria Köln. Wie bewerten Sie El Malas Entwicklung?
Sein Name ist inzwischen etabliert. Die Entwicklung ist bemerkenswert. Gleichzeitig kann ich mir bei seinen Anlagen nicht vorstellen, dass das schon das Ende des Weges ist – Potenzial ist noch vorhanden.
Hat sich Julian Nagelsmann im Amt entwickelt?
Ja. Ich kenne ihn noch aus seiner Zeit als Co-Trainer in der Landesliga beim FC Augsburg. Wenn man seine Entwicklung bis zum Bundestrainer betrachtet, muss man sagen: Er hat in dieser Rolle nochmals an Profil gewonnen. Wir genießen die Zusammenarbeit mit ihm und seinem Team.
Woran machen Sie diese Entwicklung fest?
Er sagt und tut oft genau das Richtige zum richtigen Zeitpunkt. Ein Trainer in dieser Position braucht Management-Qualitäten – er muss nicht nur die 26 Spieler führen, sondern das gesamte Umfeld, vom Koch bis zu den Physios. Gerade vor einem Turnier dieser Größenordnung sind solche Führungsqualitäten entscheidend.

Bundestrainer Julian Nagelsmann
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Welche Erwartungen haben Sie an ihn und die Mannschaft bei der WM? Was ist das Ziel?
Das kann man erst sagen, wenn der Kader feststeht. Fitness und Form der Spieler sind entscheidend. Nach der EM hat Julian spontan den WM-Titel als Ziel ausgerufen – das war in der Situation mutig und richtig, um Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Jetzt gilt es, diese positive Stimmung auf dem Platz weiterzutragen, wie wir das zum Beispiel in Italien oder beim 6:0 gegen die Slowakei gesehen haben. Grundsätzlich ist eine gute Atmosphäre entscheidend. Wie unser legendärer Trainer Dettmar Cramer sagte: „Aus einem traurigen Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“
Wie groß ist nach einigen Ereignissen überhaupt Ihre Vorfreude auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko?
Als Fußballfan und -liebhaber freue ich mich sehr auf die WM. Gleichzeitig bedrückt die weltpolitische Lage. Wir sind gefühlt im Dauerstressmodus. Das Völkerrecht wird individuell ausgelegt, die wertebasierte Weltordnung ist in Unordnung geraten.
Sie waren vor der WM 2022 einer der größten Kritiker des Turniers in Katar.
Ja, das stimmt. Ich habe sehr klar Stellung bezogen, weil bei der WM-Vergabe der Fifa Aspekte wie Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und politische Einflüsse kritisch zu sehen waren. Ich habe mich gefragt: Wie kann man solche Turniere mit gutem Gewissen vertreten?
Sie sind jetzt beim DFB im Amt. Hört man deshalb diese kritischen Töne von Ihnen nicht mehr?
Es ist nicht so, dass ich kritische Themen meide. Aber ich bin Teil einer Organisation, die verantwortlich handeln und das Beste für viele verschiedene Gruppen erreichen muss. Kritik muss immer konstruktiv und pragmatisch eingeordnet werden, damit sie Wirkung entfalten kann. Als Geschäftsführer Sport habe ich zudem eine andere Expertise und einen anderen Auftrag, als öffentlich politische Analysen vorzunehmen. Dafür sollten Sie Frau Schenderlein zum Gespräch einladen.
Fifa-Präsident Gianni Infantino sucht die Nähe zu Autokraten. Donald Trump hat er sogar den von der Fifa erfundenen Friedenspreis verliehen. Wie sehen Sie das?
Wir waren mit unserer Delegation bei der Auslosung in Washington. Mir persönlich hat das nicht alles gefallen – das habe ich auch so gesagt. Ich finde, dass insbesondere bei einer WM-Auslosung dem Fußball die Bühne gebührt. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen, in welchen Spannungsfeldern wir uns derzeit bewegen.
Wie stehen Sie zu Forderung von Oke Göttlich, dem DFB-Vizepräsidenten, nach einer Debatte über einen WM-Boykott?
Ich schätze Oke sehr. Er bringt als Vertreter der Bundesligaklubs im Präsidium eine der vielen Perspektiven ein, die der DFB in seiner Gesamtbetrachtung einnehmen muss. Fakt ist: Wir haben uns intern intensiv mit den Gastgeberländern der WM auseinandergesetzt und tun das auch weiterhin permanent. Unsere Haltung ist da klar. Es ist ihm unbenommen, persönliche Schlussfolgerungen zu ziehen, wie er mit der WM umgeht.
Die Fifa denkt über die Rückkehr russischer Teams zu internationalen Wettbewerben nach. Wie sehen Sie das?
Solange der Krieg in der Ukraine anhält, kann ich mir nicht vorstellen, freiwillig gegen russische Mannschaften zu spielen – auch nicht im Nachwuchsbereich. Die Teilnahme russischer oder belarussischer Teams an internationalen Wettbewerben mit Nationalfahnen ist für mich nicht nachvollziehbar. Wir müssen weiterhin unsere Möglichkeiten wahrnehmen, Verantwortung zu übernehmen.
Deutschland spielt in der Gruppenphase in den USA, das Camp ist in North Carolina. Wie schätzen Sie die Sicherheitslage ein, auch angesichts der Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE?
Ich habe keine Zweifel, dass Veranstalter und Ausrichter dieser WM alles unternehmen werden, um die Sicherheit der teilnehmenden Mannschaften und Fans zu gewährleisten. Ein Ereignis dieser Größe lässt keine Lücken zu.
Was bietet der DFB den deutschen Fans vor Ort?
Vom 11. Juni bis 11. Juli eröffnen wir in New York City das „German House of Soccer“. Im Mittelpunkt stehen die Übertragungen der WM-Spiele in einer Atmosphäre, die von deutscher Fußballkultur lebt. Es geht darum, Begegnungen zu schaffen und Fußballfans aus aller Welt zusammenzubringen. Neben prominenten Gästen wird es einen bunten Programmmix aus Sport, Unterhaltung und Kultur geben. Darüber hinaus haben wir wie bei jedem Turnier Fanbeauftragte und ein Fanbotschafts-Team vor Ort, das deutsche Fans in allen Belangen unterstützen.
Ist die WM auch wirtschaftlich eine Herausforderung für den DFB?
Ja, Preisgelder in Dollar und damit Wechselkursrisiken, große Entfernungen und ein längeres Turnier machen es anspruchsvoll, ebenso die steuerrechtlichen Fragen. Ohne sportlichen Erfolg wird es für viele Verbände schnell ein Verlustgeschäft.
Wann werden die WM-Prämien mit der Mannschaft geklärt?
Das Thema wird mir oft zu hoch gehängt. Unser Kapitän Joshua Kimmich ist ein harter, aber fairer Verhandlungsführer. Ich habe selten jemanden erlebt, der so sachkundig und gut vorbereitet in solche Gespräche geht – und versteht, dass wir nur verteilen können, wenn entsprechende Gelder reinkommen. Es wird auf jeden Fall vor der WM lautlos geklärt sein.
Wer sind Ihre Favoriten auf den Titel?
Alle Topnationen in der Weltrangliste haben Chancen. Einen klaren Favoriten sehe ich nicht – viel hängt von der Fitness der Schlüsselspieler ab. Ich wünsche mir zudem, dass Italien es schafft, dabei zu sein – für mich gehört Italien zur WM dazu.
Wie blicken Sie insgesamt auf Ihre bisherige Zeit beim DFB zurück?
Der Start war schwierig: beim DFB gab es damals ein finanzielles Defizit, sportliche Krisen, in manchen Bereichen Orientierungslosigkeit und Steuerverfahren. Inzwischen haben wir gemeinsam wirtschaftlich den Turnaround geschafft, Sponsoren sind zurück, und sportlich hat sich vieles stabilisiert.
Hätten Sie sich vor fünf Jahren vorstellen können, bei der Heim-EM 2024 und der WM 2026 gemeinsam mit Rudi Völler und Julian Nagelsmann die Nationalmannschaft zu leiten?
Dass ich auf der Zielgeraden meines Berufslebens nochmal diese tollen Aufgaben übertragen bekomme, macht mir großen Spaß – sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen mit Nia Künzer und Christian Wück. Rudi hat mir in der Vergangenheit ja schon besondere Spitznamen verpasst („Schweinchen Schlau“). Ich bin froh, dass ich diesen Spitznamen auch im Innenverhältnis immer wieder mit Leben füllen kann (lacht).



