Ganz schön viele Abschiede: Covestro verschwindet von der Börse. Zwei Top-Manager verlassen das Unternehmen. Nun fällt auch noch der Ausblick schwach aus.
CovestroGroße Krise in Leverkusen und Abschied von der Börse

Das Führungsduo aus CEO Markus Steilemann (l.) und Finanzvorstand Christian Baier hat seinen Abschied von Covestro erklärt.
Copyright: IMAGO/Sven Simon
Covestro beendet das Jahr 2025 mit einem deutlichen Gewinneinbruch im operativen Geschäft. Im Gegenzug weitet sich der Konzernverlust aus. Konkret brach das Ergebnis vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um fast ein Drittel (31 Prozent) ein auf nurmehr 740 Millionen Euro. Covestro rutscht damit unterm Strich mit 644 Millionen Euro in die Verlustzone. Im Vorjahr hatte das Minus noch bei 266 Millionen Euro gelegen.
„Marktimpulse bleiben aus“
Die negative Entwicklung war vom Unternehmen bereits im Herbst kommuniziert und von Analysten weitgehend so erwartet worden. Der Kunststoffhersteller leidet weiterhin flächendeckend unter Absatzproblemen und Margendruck. „Ich nehme die Nachrichten wahr, dass es in Deutschland konjunkturell einen grünen Spross geben soll“, erklärte CEO Markus Steilemann bei der Vorstellung der Zahlen. „Wir haben davon bei Covestro bislang noch nichts sehen können. Die Marktimpulse bleiben aus.“
Das sei aber längst nicht nur in Deutschland so. Die von Covestro hauptsächlich bedienten Industrien - Auto, Bau, Möbel und Elektronik - schwächeln rund um den Globus. „Die Weltregionen unterscheiden sich nur in Nuancen“, so Steilemann. Der Immobiliensektor kämpfe nach wie vor mit strukturellen Krisen, auch etwa in China. Die Folge: „Die Anlageauslastung in der deutschen Chemie insgesamt liegt auf einem mehr als 30-jährigen Tief.“ Auf einige Segmente von Covestro treffe das ebenfalls zu.
Alles zum Thema Leverkusen Chempark
- Covestro Große Krise in Leverkusen und Abschied von der Börse
- Zwei Kilometer entfernt von Leverkusen Die Klärschlammverbrennung in Merkenich ist jetzt genehmigt
- Zweite Runde Keine Einigung: Chemie-Tarifverhandlungen werden vertagt
- Zweite Runde Chemie-Tarifgespräche für 585.000 Beschäftigte fortgesetzt
- Chemieindustrie Nach arabischer Übernahme: Covestro-Chef kündigt Abschied an
- Fußball-Bundesliga Unions Sieg-Premiere gegen schlaffes Leverkusen
- Kunststoffabfall fliegt in die Dhünnaue Leverkusener Umweltamt will Autobahnabbruch prüfen
Steilemann: „Das Standing bei unseren Kunden ist intakt“
„Dennoch sind die Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und das Standing bei unseren Kunden intakt“, bekräftigt Steilemann. Covestro investiere weiter in Wachstumsmärkte. Als Beispiele nannte der Konzernchef Materiallösungen für Robotik, Kreislaufwirtschaft und Rechenzentren. Die Nähe zum Kunden, mit dem gemeinsam Lösungen entwickelt würden, sei eine wesentliche Stärke von Covestro.

Markus Steilemann hält die Wettbewerbsfähigkeit von Covestro trotz des konjunkturellen Gegenwinds für intakt.
Copyright: Carsten Koall/dpa
Fortschritte sollen weiter auf der Kostenseite erzielt werden. Bis zum Jahr 2028 seien Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe möglich durch eine konsequente Digitalisierung. Covestro will den schwierigen Marktbedingungen trotzen, indem Trends früher erkannt und schneller in Produkte umgesetzt werden. Auch aus dem Brand in einem Umspannwerk in Dormagen im Juli 2025, der das Unternehmen einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag gekostet hat, zieht Covestro Konsequenzen. Um Ausfälle zu verringen, sollen Anlagen resilienter werden. Dazu gehörten etwa redundante Strukturen bei der Versorgung und eine vorausschauende Wartung.
Covestro wird von der Börse genommen
Eine Dividendenzahlung für das vergangene Jahr entfällt. Der strategische Investor XRG, seit Abschluss der Übernahme im Dezember neuer Eigentümer von Covestro, wird das Unternehmen nach Beschluss auf der nächsten Hauptversammlung im April von der Börse nehmen. Die verbliebenen Aktionäre werden durch einen sogenannten Squeeze-out in bar für die Herausgabe ihrer Anteile abgefunden.
Viel Aufbruchstimmung kann das Management derzeit nicht vermitteln. Auch im laufenden Jahr erwartet Covestro ein Ergebnis auf dem Niveau von 2025. Die Energiekosten seien nach wie vor sehr hoch. „Dabei geht es nicht vorrangig um die Erzeugerkosten, sondern um die Gesamtkosten nach Steuern und Netzentgelten“, so Steilemann. Bei Covestro fielen knapp zwei Drittel der Energiekosten in Deutschland an, obwohl dort nur etwa 40 Prozent des Produktionsausstoßes stattfinde. Auch hier erwartet Covestro nur bedingt Chancen auf eine Entlastung. „Wir werden auch mit dem verstärkten Import von Flüssiggas nicht wieder die Energiepreise sehen, die uns auf Basis von Pipelinegas bis vor wenigen Jahren zur Verfügung standen“, so Steilemann.
Kein Stellenabbau geplant
Zusätzliche belaste der Emissonshandel die Industrie allein im laufenden Jahr mit 200 Millionen Euro. Das treffe vor allem kleine und mittelständische Unternehmen hart. „Das Industriesterben wird weitergehen in Deutschland“, prognostiziert Steilemann für den Fall, dass „fundamentale Strukturreformen“, auch über den Emissionshandel hinaus, ausbleiben. Die Belegschaft in Deutschland muss sich offenkundig aber keine unmittelbaren Sorgen um ihre Jobs machen. Covestro prüfe permanent die Struktur seiner Anlagen. Es gebe keine konkreten Planungen, davon welche aufzugeben, so Steilemann. Im vergangenen Jahr sei die Zahl der Beschäftigten im Konzern – bedingt durch kleinere Zukäufe – sogar leicht gestiegen.
Zu seiner eigenen Zukunft blieb der CEO ausweichend. Markus Steilemann, der nicht nur Covestro führt, sondern auch Präsident des Branchenverbands VCI ist, hatte Anfang der Woche angekündigt, das Unternehmen spätestens nach Ablauf seines derzeitigen Vertrages im Mai 2028 verlassen zu wollen. Er folgt damit Finanzvorstand Christian Baier, der ebenfalls auf eigenen Wunsch bereits im September des laufenden Jahres aus seinem Amt ausscheidet.
„Keine Schönwetterkapitäne“
Spekulationen, der Abschied der beiden Top-Manager stehe in Verbindung mit der Übernahme von Covestro durch den arabischen Ölkonzern Adnoc hatte das Unternehmen zurückgewiesen. Steilemann verwies stattdessen darauf, dass er zum Ende seines Vertrages 13 Jahre im Vorstand des Unternehmens gewesen sein werde, zehn davon als CEO. „Kein Tag davon war langweilig“, so Steilemann. Ob die Loslösung von der einstigen Mutter Bayer, die Pandemie oder die Energiekrise - Herausforderungen hätten ihn nie geschreckt. Das sei Manager-Alltag. „Wir sind ja keine Schönwetterkapitäne.“ Zur Transformation gehöre aber auch ein geregelter Übergang beim Spitzenpersonal. Und der sei nun frühzeitig eingeleitet. Der Friedhof sei voller Menschen, die sich für unersetzlich gehalten hätten, zitierte Steilemann den französischen Politiker Clemenceau. An der Strategie des Unternehmens ändere sich mit dem Wechsel des Personals nichts.

