Herbert Geiss handelt nicht nur mit Kostümen, sondern mit dem Kölner „Jeföhl“. 2026 will er das ins Ausland exportieren.
Deiters-Chef Herbert Geiss„Es macht Spaß, für den Clown zu arbeiten“

Mit 20 Jahren hat Herbert Geiss den mittelständischen Großhandel „Deiters“ von seinem Onkel übernommen. Heute leitet er ein Karnevals-Imperium mit 34 Filialen.
Copyright: Arton Krasniqi
„Wenn ich so nach dem Wetter gucke, geht’s wohl in Richtung Thermo-Leggings und Plüsch-Overall“, sagt Herbert Geiss. Letztes Jahr, als sich die Session bis in den März zog, habe man „schon fast die Sonnencreme im Sortiment gebraucht“. Das Wetter, Streaming- und Musikcharts, Politik, all das spielt in seinem Geschäft eine Rolle. Denn Herbert Geiss gehört mit Deiters nicht nur das größte Karnevals-Kaufhaus der Welt, das - wo sonst - in Frechen ganz nah bei Köln steht, sondern noch 33 weitere Filialen.
Deiters: Größter Kostümhandel Deutschlands
Der Kölner ist der größte Kostümhändler der Republik. Und damit die Kunden von Hamburg bis Stuttgart und von Dresden bis Trier alle auf ihre Kosten kommen, muss der Chef Jahr für Jahr neue Trends aufspüren. Ellenlange Zahlenreihen braucht er dafür nicht. Vieles hat er „im Gefühl“. Kein Wunder, Herbert Geiss kennt das Geschäft seit mehr als zwei Jahrzehnten, man wird sogar sagen können: Er hat es erfunden. Denn als er seinem Onkel das Handelshaus abkauft, vertreibt Deiters noch Tortenverzierung, die Tonröhrchen, auf die Jahrmarktsschützen an Schießbuden zielen, Trostpreise für Schausteller und Knopfblumen aus Plastik.
Und auch der Karneval war noch nicht so bunt wie heute. „Früher hat man sich vielleicht mal eine Chrysantheme ans Rever geheftet und eine rote Pappnase aufgesetzt“, sagt Geiss. „Das Kostüm war verpönt“. Heute findet der Kunde bei Deiters den Clowns-Klassiker für die Nase in dreißig Varianten. Jecke Wimpern liegen in 300-facher Ausfertigung in den Regalen. Sie alle sind gemeinsam groß geworden. Der Karneval. Deiters. Und Herbert Geiss.
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Mit 5000 Quadratmetern ist Deiters in Frechen das größte Karnevals-Kaufhaus der Welt.
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Mit 20 Jahren schon Großhändler
Der war gerade 20 Jahre alt, als er den Laden übernahm, ging noch zur Berufsschule und führte nebenher ein Unternehmen, das schon damals einen Millionenumsatz machte. Der Haken: die Geschäftspartner, häufig aus der Schaustellerbranche, zahlten oft spät und manchmal gar nicht. Also zog der junge Chef die Reißleine und stellte auf Vorkasse um. Statt im Großhandel aus dem Lager verkaufte er von nun an über die Ladentheke. „Das haben wir von Anfang an sortimentsübergreifend gemacht“, erklärt Geiss. Neben Karnevalskostümen gehören also auch Lederhosen zum Oktoberfest und Vampirzähne zu Halloween von Beginn an zum Deiters-Kosmos. Das funktionierte. Und tut es bis heute.

Auf auf der Fassade von Deiters in Frechen prangt das Firmenlogo, der Karnevalsclown.
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Pro Jahr kommt ein Laden dazu, erst in der Region, dann bundesweit. Seit 2012 nimmt das Geschäft Fahrt auf. „Seitdem wachsen wir um drei bis fünf Läden pro Jahr“, sagt Geiss. Zwanzig bis dreißig weitere Filialen könne Deutschland noch vertragen, meint er. „Wir wollen dieses Jahr aber auch ins Ausland.“ Amsterdam ist im Gespräch, vielleicht Wien. „Ich bin überzeugt, dass wir weltweit funktionieren.“
Am Ende entscheidet die Frage: „Wie jeck ist diese Stadt?“ - und eben das Bauchgefühl. Das hat sich immer wieder als richtig erwiesen. Zum Beispiel als Deiters in Berlin am Alexanderplatz eröffnet hat und Herbert Geiss den Karneval in den Norden mitbringen musste. Drei Jahre hat er Karnevalsumzüge in Berlin veranstaltet, um die Hauptstädter auf den Geschmack zu bringen. 200 Kölner Jecken wurden eigens eingeflogen, um den Preußen das Feiern beizubringen. Jetzt läuft der Laden.
Deiters veranstaltet Deutschlands größte Halloween-Party in der Kölner Lanxess-Arena
Auch daran, dass Halloween heute bundesweit im Party-Kalender vermerkt ist, hat Deiters seinen Anteil. Mehrere Jahre lang hat das Unternehmen in der Kölner Lanxess-Arena die größte Halloween-Party Deutschlands veranstaltet und damit den Trend zur Gruselparty immer populärer gemacht.
Geiss bringt es auch fertig, dass Leute sich als Kleiner Feigling verkleiden, als Ahoj-Matrose oder als Haribo-Tüte und – aus Sicht des Lizenzpartners – als lebende Werbefigur in den Innenstädten unterwegs sind. „Geht nur, wenn man sich mit den Kostümen viel Mühe gibt“, sagt Geiss. Haribos bunte Pico-Balla-Mischung hat Deiters als Jogginganzug interpretiert, das TropiFrutti-Kleid umwallen gelb-glitzernde Fransen im Tropenrock-Look. Alles exklusive Kollektionen, gibt’s nur bei Deiters.
„Wenn's nachher wie Hulle aussieht, macht das auch keinen Spaß“
Auch deshalb ist dem 43-Jährigen vor der Billig-Konkurrenz aus Fernost nicht bang. Dieses Jahr bekam jeder der 30 Angestellten der Deiters-Verwaltung in Frechen eine besondere Aufgabe: Kauft euch ein Kostüm bei Temu. Für euch selbst, mit zwei, drei Zubehörteilen. Was am Ende in Frechen ankam, überzeugt Geiss nicht. „Das ist kein Wettbewerb für uns“, urteilt er. Die Lieferung dauert viel zu lange, die Qualität ist häufig schlecht. Reklamationen sind kaum möglich, Umtausch so gut wie ausgeschlossen. „Wenn's nachher wie Hulle aussieht, macht das auch keinen Spaß“, sagt Geiss.
Dass Deiters-Kreationen dreist kopiert werden, ärgert ihn trotzdem. Dass die Verkäufer aus Fernost am Zoll vorbei versenden und keine Mehrwertsteuer abführen oder sich nicht an Sicherheitsstandards halten, kommt dazu. „Wir müssen jedes Kinderkostüm auf Strangulierungsgefahr prüfen, Schadstoffe, Entflammbarkeit“, berichtet Geiss. „Das Problem betrifft auch nicht nur uns. Der Kölner Mottoschal ist nicht nur schön und hält warm, fünf Euro vom Erlös gehen auch an soziale Zwecke.“ Geld, das die Billigheimer von Temu nicht spenden. Da müsse der Staat bessere Regularien finden.
Der Karneval fängt bei Deiters an
Geiss will mit seinen Kostümen ohnehin in eine ganz andere Richtung. Geplant ist eine Linie mit hochwertigen Kostümen. „Aufwändigere Schnitte, schwerere Stoffe, hier mal eine Litze mehr, bessere Knöpfe, in Richtung Theaterqualität“, skizziert Geiss seine Pläne. Die meisten Stücke würden auch in Zukunft wohl in der derzeitigen Preisspanne von unter zehn bis 120 Euro bleiben. Aber für ein hochwertiges Kostüm mit gut verarbeitetem Gehrock kann Geiss sich auch Preise bis 200 Euro vorstellen.

Zehntausende Artikel umfasst das Deiters-Sortiment. Einige Produktionen sind exklusiv.
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Ob für die Straße oder für die noble Prunksitzung, der Karneval fängt bei Deiters an, glaubt er, in der Filiale. „Hier kommt man in Stimmung fürs Fest“ Gruppen von Freunden kämen gemeinsam zum Anprobieren, hier und da flimmern Schminktipps auf Laden-Screens. In der Do-it- Yourself-Ecke können Verkleidungen mit Aufnähern, Textildrucken, Klebesteinchen oder Alternativ-Knöpfen gepimpt werden. „Da gibt es viele Möglichkeiten, das Kostüm von der Stange zu deinem eigenen zu machen“, sagt Geiss.
Online-Handel macht weniger als ein Zehntel vom Umsatz aus
Der Online-Handel macht weniger als ein Zehntel des Deiters-Umsatzes aus. Das sei ok. Bei H&M und Zara sei der Anteil auch nicht größer, erzählt der Chef. Er selbst mag es lieber persönlich. Statt Social-Media-Likes zu sammeln, hilft er an der Kasse aus und kommt mit den Kunden ins Gespräch. E-Mails beantwortet er mit einem Anruf. „Da bin ich oldschool“, sagt er. Das gilt nicht nur für den Umgang mit Technik. Geiss, Kaufmann in vierter Generation, pflegt die Tugenden seines Berufsstandes. „Das sind Verhaltensformen, die hat man mir in die Wiege gelegt“, sagt er. „Seriös, vernünftig, zielstrebig“, zählt er auf. Fleiß gehört sicher auch dazu. Geiss ist von morgens um acht bis Abends um dieselbe Uhrzeit im Büro, sechs Tage die Woche. Meist im Anzug mit Krawatte und Einstecktuch.

Herbert Geiss in der Hauptverwaltung von Deiters. Fast immer sieht man ihn dort im Anzug mit Krawatte und Einstecktuch.
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„Seriös“, das meint auch „solide“. Auf Rabattschlachten und Schlussverkauf lässt Geiss sich nicht ein. „Wir verkaufen Kostüme, keine Rabatte.“ Die Expansion wird nicht auf Pump finanziert, sondern aus dem laufenden Geschäft. „Wir wollen nicht auf biegen und brechen größer werden“, erklärt er. „Sondern weil das echt Spaß macht, was wir hier tun. Wir erschließen neue Standorte, wir schaffen Arbeitsplätze, wir vergrößern unsere Möglichkeiten im Einkauf. Es macht einfach Spaß, für den Clown zu arbeiten.“ Den Clown, damit meint er das Deiters-Logo mit dem breiten Grinsen, der weiß getupften roten Schleife und der Blume am Hut, das als Maskottchen schon mal vor Deiters Filialen in der Fußgängerzone Kunden wirbt.
Den Cousin Robert Geiss kennt er nur aus dem Fernsehen
Wer für den „Clown arbeitet“, der konnte sich auch in der Pandemie auf den Chef verlassen. Natürlich gab es auch bei Deiters Kurzarbeit. Der Karneval fiel zwei Jahre lang aus. Die Läden blieben geschlossen. Gehen musste aber niemand. Das Kurzarbeitergeld wurde von der Firma aufgestockt. Auch das vielleicht ein Ausdruck der Firmenphilosophie, die auf Verlässlichkeit und Vertrauen setzt.
Auf die Frage, ob er manchmal froh sei, dass sein Laden Deiters heißt, nicht Geiss, muss der Karnevalskönig schmunzeln. Er weiß, worauf die Frage hinaus will. „Man kann sich die Familie nicht aussuchen“, sagt er. Den prominenten Cousin Robert Geiss sieht auch er nur im Fernsehen. Das sei aber „nit schlimm“. Will sagen: Die Familienzweige haben keinen Streit. Man ist einfach unterschiedliche Wege gegangen. Während die Brüder Robert und Michael mit „Uncle Sam“ Fitnessbekleidung vertrieben haben, übernahm Herbert vom Vater der beiden den Familienbetrieb. Keine der beiden Seiten musste ihre Entscheidung bereuen.

97 Prozent des Sortiments sind in allen Deiters Filialen gleich. Der Kölner trägt aus Verbundenheit zu seinem Stadtwappen aber gerne rot-weiß. Dazu finden sich in den Läden der Region extra Kollektionen.
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150 Angestellte in der Region Köln
In vielem wirkt Herbert Geiss geradezu wie ein Gegenentwurf zu seinen Cousins. Anders als sie, die ihr Firma zwischenzeitlich verkauft haben und ausgewandert sind, der eine nach Mallorca, der andere nach Monaco, ist Herbert Geiss nicht nur der Firma, sondern auch der Heimat treu geblieben. „Deiters gehört zu Köln. Wir sind stolz auf die Region.“ 150 der insgesamt 700 Angestellten arbeiten allein in den Filialen in der Stadt und in Frechen. Der achtjährige Sohn geht hier zu Schule. Die Tochter ist vor gut einem Jahr hier geboren. „Wir haben nicht vor, woanders hinzugehen“, sagt Herbert Geiss. Auslandsexpansion hin oder her.
Und was würde fehlen, wenn es den Laden, den er geschaffen hat, wenn es Deiters nicht gäbe? Geiss muss nicht überlegen: „Die Welt wäre nicht so bunt, nicht so lustig.“

