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„Da entsteht eine gewisse Panik“Seit Beginn des Iran-Kriegs steigt Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen in Köln

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Solarteure aus dem Rheinland stellen eine erhöhte Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen fest. Von einem Anstieg um 100 Prozent berichten ein Kölner und ein Overather Betrieb.

Solarteure aus dem Rheinland stellen eine erhöhte Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen fest. Von einem Anstieg um 100 Prozent berichten ein Kölner und ein Overather Betrieb.

Immer mehr Privatkunden interessieren sich für Solarstrom, auch, weil sie beim Thema Energie unabhängig sein wollen – das könnte sich auch preislich bemerkbar machen.

Seit dem Kriegsausbruch im Iran wollen immer mehr Menschen Photovoltaik-Anlagen auf ihrem Dach installieren. Nordrhein-westfälische Solarteure spüren eine merkliche Zunahme bei der Nachfrage, schreibt der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) NRW auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Demnach „erreichen die Unternehmen einerseits viel mehr Erstanfragen als gewöhnlich. Andererseits hat auch der Verkauf von PV-Anlagen angezogen.“

Das merkt man in Köln und der Region ebenfalls. In den vergangenen zwei bis drei Wochen habe sich die Nachfrage im Vergleich zum Vorjahreszeitraum fast verdoppelt, berichtet Simon Rocholl. Er ist Geschäftsführer von Hamacher Solar, einem 70-Mann-Betrieb mit Sitz in Overath. „Wir spüren eine gewisse Unsicherheit auf dem Markt, gerade unter den Privatkunden. Die Leute machen sich Sorgen, sie wollen energetische Unabhängigkeit für ihr Zuhause.“

Nachfrage nach PV-Anlagen hat sich bei Kölner Solarteuren verdoppelt

Unabhängigkeit von den allgemeinen Strompreisen, eine autarkeVersorgung – das vermutet auch der Interessenverband LEE NRW hinter der aktuellen Tendenz. „Viele gehen nach der Erfahrung des russischen Angriffskrieges und jetzt des Iran-Kriegs davon aus, dass die nächste Krise mit Auswirkungen auf die Preise von Strom und Gas nur noch eine Frage der Zeit ist“, so das LEE NRW. Einige machten jetzt Nägel mit Köpfen.

Luftbildaufnahme auf ein dunkles Dach, das mit Solarpanelen gedeckt wird.

Baustelle der Firma Hamacher aus Overath

Etwas anders klingt es bei Martin Raudsep, der sich gerade eine PV-Anlage auf seinem Haus in Weidenpesch installieren ließ. „Das hat ökologische Gründe“, sagt er. „Aber natürlich bin ich auch der Meinung, dass man weg muss von den fossilen Rohstoffen und hin zu erneuerbaren Energien. Die aktuellen Ereignisse bestätigen einen darin, das Richtige getan zu haben.“

Während Raudsep den Kauf von PV-Anlage und Wärmepumpe langfristig geplant hat, entscheiden sich andere Kunden dieser Tage für Spontankäufe. „Sie reagieren viel emotionaler, manchmal blindäugig und angstgetrieben“, erzählt Tim Hartmann vom Betrieb Solis Sonnenenergie aus Rodenkirchen. Auch seine Auftragsbücher seien bemerkenswert voll. Den Grund sieht er im Kriegsausbruch – aber nicht nur. 

Wirtschaftsministerin Reiche will Solar-Förderung abschaffen

Denn auch die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche kurbeln die Nachfrage plötzlich an. Die CDU-Politikerin will die Förderung privater Photovoltaik-Anlagen auf Hausdächern abschaffen. Bislang erhalten Hausbesitzer eine fixe Vergütung für die Einspeisung von Strom ins Netz, bis zu 12 Cent pro Kilowattstunde, über einen Zeitraum von 20 Jahren. Doch vor allem kleine Anlagen seien inzwischen „aufgrund gesunkener Kosten oft bereits ohne zusätzliche Förderung wirtschaftlich, sofern sie hohe Eigenverbrauchsanteile realisieren können“, heißt es im Arbeitsentwurf des Ministeriums. Und weiter: „Stromeinspeisung soll sich zukünftig immer an der Nachfrage und den Preissignalen des Marktes orientieren.“ Konkret ist geplant, dass Anlagenbetreiber Händler beauftragen, die überschüssige Energie direkt an der Strombörse zu verkaufen. An die Stelle fixer Vergütungen sollen also Einnahmen treten, deren Höhe je nach Angebot und Nachfrage schwankt. 

„Dadurch wird einfach eine enorme Verunsicherung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt geschaffen“, kritisiert der LEE NRW. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Neuanlagen könnten sich demnach verschlechtern. Langfristig, das befürchtet auch Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des bundesweiten Branchenverbandes BSW-Solar, „würde die Abschaffung der EEG-Vergütung und der Zwang zur Direktvermarktung die Bürger-Energiewende zum Erliegen bringen“. Kurzfristig aber stößt sie schnelle Kaufentscheidungen an, so scheint es. 

Preise für Photovoltaik-Anlagen könnten steigen

Kunden wollen sich noch die feste Einspeisevergütung sichern, erklärt Tim Hartmann, genauso wie Simon Rocholl: „Da entsteht so eine gewisse Panik, die Interessenten wünschen schnelle Bautermine oder wollen zwischengequetscht werden“, sagt der Overather. Er selbst sehe die Situation etwas entspannter. Trotzdem rechne er in Richtung Sommer mit einer Zuspitzung der Lage.

Auf dem Hof der Firma stehen mehrere gelabelte Autos des Unternehmens Solis Sonnenenergie. Die Mitarbeiter stehen in der Mitte zum Gruppenfoto in zwei Reihen aufgereiht.

Die Firma Solis Sonnenenergie aus Rodenkirchen plant und baut Solaranlagen in der Gegend rund um Köln.

Ohnehin gehen Marktbeobachter davon aus, dass Modulpreise für Ware aus China – weltweit größter Lieferant von Photovoltaikprodukten – durch den Wegfall von Exportvergünstigungen und teure Rohstoffkosten steigen könnten. Hinzu kommt die geopolitische Lage: „Nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs sind die Preise auch explodiert, erst die Energiepreise, dann die Preise für Photovoltaik-Anlagen. Gerade entsteht eine ähnliche Dynamik, noch steckt sie in ihren Anfängen“, prognostiziert Rocholl. 

Das Kölner Energieversorgungsunternehmen Rhein-Energie kann die Entwicklungen nicht bestätigen. „Unser Tochterunternehmen Rhein-Netz meldet derzeit keine steigenden Zahlen an Netzanschlussanträgen für PV, Wallboxen oder Wärmepumpen“, schreibt ein Sprecher. Das könne aber auch an einem gewissen Zeitversatz liegen, denn die Leute würden sich erst bei Anbietern informieren, also Solarfirmen, Installateuren oder Elektrikern – und das tun sie, zumindest Privatkunden.  

Unter Firmenkunden stellen Hartmann und Rocholl dieser Tage derweil kein steigendes Interesse fest. „Sie sind ein stabiles Geschäftsfeld, aber reagieren etwas träger und schauen genauer hin“, sagt der Chef des Rodenkirchener Solar-Betriebs. Teilweise fehle auch schlicht das Budget für eine PV-Anlage.