Europas Verteidigungsindustrie setzt auf falsche Technologien und zu viele unterschiedliche Systeme, kritisiert Top-Ökonom Schularick. So will er das ändern.
Top-Ökonom Schularick„Europa produziert Liebhaberstücke statt moderner Waffensysteme“

Feuerkraft und Panzerung wie hier beim Leopard 1A5 sind in Zukunft weniger entscheidend als die Vernetzung mit Satellitenbildern und Drohnen, glauben Experten.
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Europa gibt nicht nur zu wenig für Verteidigung aus, sondern investiert vor allem an der falschen Stelle, bemängelt Top-Ökonom Moritz Schularick. Der Präsident des Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) hat dazu eine Studie vorgelegt. Während die USA 13 bis 14 Prozent ihres Militäretats in Forschung und Entwicklung steckten, liege der Anteil in Europa bei weniger als 2,5 Prozent. „Mehr als 95 Prozent der Ausgaben aus dem Sondervermögen der Bundeswehr flossen bislang in klassische, häufig bemannte Systeme“, so Schularick. Für autonome Systeme, Rechenzentren und Satelliten blieb der vergleichsweise kleine Rest.

Moritz Schularick hat die ökonomische Effizienz des Rüstungssektors untersucht. Sein Fazit: „Die Europäer bekommen wenig Sicherheit je eingesetztem Euro.“
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Deutschland verfüge zwar über Kapital und Technologien, nicht aber über „ausreichend junge Leute, die gerne im Schützengraben liegen möchten“. Deshalb müsse der Fokus der Verteidigungsanstrengungen verlagert werden. Zehn Prozent der Rüstungsausgaben für Forschung und Entwicklung, lautet sein Vorschlag.
NRW richtet Anlaufstelle für Industrie und Start-ups ein
„Wann machen wir das Update für unsere Verteidigungsökonomie?“, fragte Schularick auf einer Rüstungsveranstaltung in Düsseldorf, auch an die anwesende NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubar gerichtet. Die hatte zum Kongress geladen, um die neue Clusterorganisation Defence.NRW vorzustellen. Bis 2029 gibt das Land 2,4 Millionen Euro, um Wissen und Ansprechpartner für die Industrie zur Verfügung zu stellen. Damit sollen Mittelstand, Forschungseinrichtungen und Start-ups besser vernetzt und der Einstieg in die Herstellung von Rüstungsgütern erleichtert werden.
Sicherheitspolitik werde nicht nur in Berlin gemacht, erklärte Neubaur dazu. „Am Ende entscheidet auch der Bürgermeister vor Ort darüber, wie schnell Genehmigungen für ein Rüstungsvorhaben vorliegen und produziert werden kann“, so die Ministerin.
Fragmentierte Rüstungsindustrie
Schularick kritisiert in seiner Studie weiter, in Europa würden „teure Liebhaberstücke in Manufakturarbeit produziert“. Deutschland, das 15.000 Autos im Jahr fertige, schaffe es derzeit kaum, im selben Zeitraum 40 Panzer zu bauen. Grund dafür sei das fragmentierte Rüstungswesen in der EU. Während die USA einen einzigen Kampfpanzer einsetzen, sind es europaweit 14. Zwei 155-mm-Haubitzen der Amerikaner stehen 23 Systeme in Europa gegenüber und drei Torpedotypen jenseits des Atlantiks 24 verschiedene in der EU.
Die Folge laut Schularick: Der Produktionshochlauf stockt. Während Europa auch vier Jahre nach Kriegsbeginn in der Ukraine in der Lage ist, jährlich gerade einmal zwei Millionen Artilleriegranaten zu bauen, habe Russland seine Kapazitäten von einem ähnlichen Ausgangsniveau auf rund sieben Millionen Granaten ausgebaut. Und das, obwohl Europas Wirtschaftsleistung zehnmal so groß sei wie die Russlands.
Kapazitäten statt Stückzahlen
Rüstungsgüter der kommenden Generation müssten in Europa gemeinsam finanziert und beschafft werden. Darüber hinaus rät Schularick, Kapazitäten auszuschreiben, statt Rüstungsgüter in bestimmten Stückzahlen zu beschaffen. Klassische Beschaffungsverträge „bieten Unternehmen, die unter Nachfrageunsicherheit operieren, keine Anreize, in zusätzliche Anlagen zu investieren.“

