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Kölns geheimer UrwaldHier leben kleine „Drachen“ – und kaum jemand weiß davon

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Eine Wasserstelle im Worringer Bruch.

Eine Wasserstelle im Worringer Bruch.

Der Schwanzlurch mit seinem gezackten Rückenkamm ist die größte Besonderheit in dem Naturschutzgebiet im Kölner Norden.

Im Worringer Bruch gibt es nur wenige Wege für menschliche Füße. Das ist gewollt. Hier liegt Kölns größter Urwald. Der Mensch soll lediglich vom Rand aus einen Blick hineinwerfen in das natürliche Chaos. Bäume und Sträucher wachsen, wie sie wollen. Massenhaft Totholz in verschiedenen Verfallsstadien bietet Lebensraum für eine große Variation an Arten. Und das aufgrund der Nähe zum Rhein stark schwankende Grundwasser lässt von Zeit zu Zeit Wasserflächen entstehen, die Lebensgrundlage für unter anderem den seltenen Kammmolch sind.  

Urwald ist ein großes Wort. Gedanklich sind wir schnell am Amazonas oder in der sibirischen Taiga. Vielleicht auch in den Karpaten oder in unwegsamen Teilen Skandinaviens. Echter Urwald wächst seit eh und je ohne Einfluss des Menschen. Da kann der Worringer Bruch im Norden Kölns, zwischen Blumenberg und Worringen gelegen, nicht mithalten. In Deutschland gibt es keine großen, gänzlich unberührten Urwaldflächen mehr, Wälder werden hierzulande seit Jahrhunderten vom Menschen genutzt und gestutzt.

Kölns Oberförster Michael Hundt (l.) und Stadtförster Daniel Zocher, der für den linksrheinischen städtischen Wald verantwortlich ist.

Kölns Oberförster Michael Hundt (l.) und Stadtförster Daniel Zocher, der für den linksrheinischen städtischen Wald verantwortlich ist.

Deshalb setzt die Stadt Köln das Wort „Urwald“ auch in Anführungszeichen, wenn sie damit die Wildnis in Worringen beschreibt. Am Freitag waren Bürgerinnen und Bürger anlässlich des Internationalen Tag des Waldes am Samstag (21. März) eingeladen, den Worringer Bruch mit Michael Hundt, dem Leiter des städtischen Forstbetriebs, zu erkunden. Wir sind ein paar Tage vorher mit ihm und seinem Kollegen Daniel Zocker, Stadtförster für den linksrheinischen Kölner Wald, durch Kölns größten Urwald spaziert und haben viel gelernt.  

Der Worringer Bruch war ein Mäanderbogen des Rheins, bis sich der Fluss vor rund 8000 Jahren einen kürzeren Weg suchte

Der Worringer Bruch war einst ein Mäanderbogen des Rheins, der vor rund 8000 Jahren einer natürlichen Begradigung zum Opfer fiel. Bei einem Hochwasser nahm der Fluss den schnelleren Weg und grub sich  ein neues Bett. Heute strömt der Rhein rund drei Kilometer östlich in Richtung Niederlande und der Worringer Bruch ist ein nahezu komplett verlandetes Feuchtgebiet, eine Aue.

Am südöstlichen Rand des Worringer Bruchs gibt es eine 18,6 Hektar große Naturwaldzelle, die seit 1980 sich selbst überlassen wird. Das gesamte, etwa 164 Hektar umfassende Gebiet, wurde 1991 unter Naturschutz gestellt. „Aber bis um die Jahrtausendwende ist der Wald hier noch relativ normal bewirtschaftet worden, trotz des Naturschutzes“, sagt Kölns Oberförster Michael Hundt: „Wir haben vor allem die großen Pappelwälder langsam umgebaut.“

Viel Totholz ermöglicht im Worringer Bruch eine große Biodiversität.

Viel Totholz ermöglicht im Worringer Bruch eine große Biodiversität.

Diese stammten aus den 1950er Jahren. Damals habe man Bäume gesucht, die möglichst schnell verwertbares Holz liefern, erklärt Hundt: „Am Niederrhein auf den feuchten, nährstoffreichen Böden waren die Pappeln besser als Fichten.“ Heute stehen im Worringer Bruch wieder mehr Eschen, Eichen und Traubenkirschen. Dort, wo es besonders feucht ist, prägen Weiden und ihre aus umgefallenen Baumstämmen wachsenden Sprösslinge das Bild.    

Seit 2001 ist der städtische Forstbetrieb Köln FSC-zertifiziert – große Jubiläums-Party im April am Gut Leidenhausen

2001 ließ sich der städtische Forstbetrieb vom Forest Stewardship Council (FSC) zertifizieren. Die internationale, unabhängige Organisation setzt Standards für eine verantwortungsvolle Waldwirtschaft. Dafür habe man sogenannte Referenzflächen ausweisen müssen, sagt Kölns Oberförster Michael Hundt: „Dort verzichtet man auf die Bewirtschaftung, um einen Anhaltspunkt zu haben, wie sich die Waldflächen natürlich entwickeln.“ Am 21. April wird dieses Jubiläum am Gut Leidenhausen groß gefeiert. 

Damals wuchs auch die nicht bewirtschaftete Fläche im Worringer Bruch. Und 2018 beschloss der Rat der Stadt Köln ein weiteres Naturwald-Projekt. „Wir haben 16 Prozent aller städtischen Waldflächen aus der Bewirtschaftung genommen und als sogenannte Naturwaldentwicklungsflächen ausgewiesen“, sagt Hundt: „Deswegen haben wir jetzt hier im Worringer Bruch Kölns größten zusammenhängenden nicht bewirtschafteten Wald.“ Kölns größten Urwald also. In der Naturwaldzelle gebe es Käfer, für die kein deutscher Name existiert, so selten seien diese hierzulande, sagt Hundt.  

Die Kammmolch-Population im Worringer Bruch ist eine der größten in Deutschland

Die größte Besonderheit im Worringer Bruch ist die vom Grundwasserstand abhängige temporäre Wasserfläche. „Sie fällt immer wieder trocken, deshalb gibt es hier dauerhaft keine Fische“, erklärt Kölns Oberförster. Das ist gut für den streng geschützten Kammmolch, dessen Population im Worringer Bruch eine der größten in Deutschland darstellt. Zur Paarungszeit tragen die Männchen einen gezackten Rückenkamm, sie werden mehr als zehn Zentimeter lang und sehen aus wie kleine Drachen.

An einem Gewässer mit Fischen überlebt der Kammmolch nicht, da seine Larven schneller gefressen würden, als sie sich entwickeln könnten. In Gewässern, die nur temporär auftreten, breiten sich jedoch keine Fische aus. „Der Kammmolch kann sich bis zu zehn, 15 Jahre in der Laubstreu verstecken und warten, bis es wieder nass wird“, sagt Hundt: „Dann freut er sich über das Wasser und marschiert los, um sich zu paaren.“ An diesem Tag im März ist vom Senfweg aus allerdings weit und breit kein Kammmolch zu entdecken.

Ein Kammmolch-Pärchen

Ein Kammmolch-Pärchen

Die beste Zeit, um die kleinen Schwanzlurche zu beobachten, sei im Sommer, wenn die Jungtiere das Wasser verlassen, sagt Hundt. Dafür muss sich die Wasserfläche allerdings lang genug halten, und das ist im Zuge des Klimawandels bei immer wärmeren und trockeneren Sommern ein Problem. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Kölner Kammmolche nur zweimal reproduziert. „Das ist nicht toll, aber das ist auch noch kein Drama“, sagt Hundt: „In den 70er Jahren war es hier auch mal für 15 Jahre trocken, und der Kammmolch hat es überstanden.“

Michael Hundt hat 1993 als Förster in Köln seine Arbeit aufgenommen. Dass die aktuell laufenden Naturwaldumgestaltungen zu langsam vorankommen, um mit dem fortschreitenden Klimawandel mitzuhalten, bereitet ihm Sorgen. Aber zumindest kann er sich in Köln auf eine baumfreundliche Bevölkerung verlassen. „Die Bereitschaft, für Baumpflanzungen zu spenden, übersteigt die Verfügbarkeit an freien Flächen“, sagt Hundt. Dennoch habe die städtische Kölner Waldfläche in den vergangenen zehn Jahren durch Zukäufe und Anpflanzungen um insgesamt 100 Hektar zugenommen.