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Interview

Ralf Schmitz
„Ich beobachte Menschen, die andere kopieren – Kopie aber bleibt Kopie“

6 min

Am 6. März kommt Ralf Schmitz mit seiner Tour in die Arena. Wir haben mit ihm über seine Schnelligkeit auf der Bühne, über Köln und Comedy gesprochen.

Die Improvisation ist Ihr Steckenpferd. Wieviel ist bei Ihren Auftritten spontan, wieviel vorgeschrieben?

Bei einer Bühnenshow ist es halb, halb. Etwas weniger als die Hälfte ist mitgebracht, etwas mehr ist improvisiert. Bei der aktuellen Show „Schmitzfindigkeiten“ bringe ich gerne schon etwas mit, aber am lautesten schlägt das Herz bei der Improvisation.

Impro-Shows haftet oft das Vorurteil an, dass man mitmachen muss. Das kann so manchen verschrecken, weil man sich als Zuschauer aus seiner Komfortzone begeben muss.

Niemand wird gegen seinen Willen auf die Bühne geholt, niemand unter Druck gesetzt, so nach dem Motto, wenn du jetzt nicht kommst, ist das doof. Wenn ich sehe, da hat jemand wirklich echte Schweißperlen auf der Stirn, dann verschone ich den. Wenn ich aber merke, da braucht jemand nur einen kleinen Schubs, dann versuche ich es nochmal. Aber um Himmels willen: Es kommen ja mittlerweile ein paar Tausend Leute und da rufe ich, wenn es hochkommt, drei, vier, fünf auf die Bühne.

Am 6. März kommen Sie mit Ihrem Programm „Schmitzfindigkeiten“ in die Lanxess-Arena, wo es, wie Sie bereits angedeutet haben, um die Spitzfindigkeiten im Alltag geht. Wie kamen sie darauf?

Spitzfindigkeiten sind, wenn man kleine Sachen am Anderen zu genau nimmt. Und das finde ich falsch, deswegen schaue ich mir das sehr genau an und lache mich über mich selbst kaputt, gemeinsam mit den Zuschauern und Zuschauerinnen. Ich befrage das Publikum, erzähle aber auch von mir, wo ich pingelig war oder was ich blöd fand. So etwas wie: Du isst Butter unter Nutella?

Wenn ja, dann raus hier. Also Fett mit Schokogeschmack und darunter noch mehr Fett. Das hat sich mir nie erschlossen. Mittlerweile bin ich sehr milde gestimmt und finde es völlig okay. Das Programm ist quasi selbsttherapeutisch. Ich liefere den Teppich, sodass sich die Leute darin finden und sagen: Ja, das stimmt, es ist Quatsch, sich darüber aufzuregen, wenden wir uns lieber positiven Dingen zu.

Ralf Schmitz in der Arena in Köln: Comedian wirbt für mehr Toleranz

Sie werben also für mehr Toleranz im Alltag?

Ja. Die kleinen spitzfindigen Sachen, die wir am Anderen schwierig finden, machen zusammengenommen ja den Menschen aus. Wären sie weg, würden sie einem fehlen. Dann heißt es vielleicht: Früher hat mein Mann immer Butter unter Nutella gegessen. Das fand ich immer blöd, aber jetzt esse ich es selbst so. Die Spitzfindigkeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch das Programm.

Auf der Bühne herrscht bei Ihnen schnelles Tempo. Ist das nicht manchmal auch stressig für Sie?

Ich erlebe mich ja als normal schnell, und die anderen als eher langsam, was ja logisch ist, weil ich Improvisation bei jedem meiner Auftritte automatisch trainiere.

Sind Sie im Alltag auch so ein schneller Typ?

Zügig, ja. Aber keine Sorge, ich bin durchaus in der Lage, auch mal im Gespräch mit einem Freund, den gerade seine Freundin verlassen hat, zuzuhören und ein gutes Gespräch zu führen. Wenn du in der Improvisation nicht zuhörst, kannst du die Szene nicht spielen, weil du nicht weißt, worum es geht. Bloß weil man schnell ist, heißt das nicht, dass man weniger zuhört. Das Zügige hilft im Gegenteil, dass man den Gedanken für die Improvisation vielleicht drei Sekunden früher hat als die anderen. Diesen Vorsprung kann ich sehr gut nutzen auf der Bühne.

13.01.2026 Köln. Komiker Ralf Schmitz. Foto: Alexander Schwaiger

Ralf Schmitz kam zum Interview ins Neven-Dumont-Haus.

Ralf Schmitz braucht in seiner Freizeit Ausgleich zum Tempo auf der Bühne

Was brauchen Sie im Alltag als Ausgleich für das Zügige?

Ich brauche auch Ruhe, so ist es nicht. Ich mache die unterschiedlichsten, aber auch normalsten Sachen. Fahrradfahren, schwimmen, Freunde treffen, lesen, reisen, obwohl ich beruflich viel unterwegs bin.

Sie kommen gebürtig aus Leverkusen, in der Arena in Köln aufzutreten, ist dann wie ein Heimspiel, oder?

Es ist wie ein inneres Wärmegefühl, zu Hause zu spielen. Das ist das kleine i-Tüpfelchen obendrauf. Also ich spiele wahnsinnig gerne in München und Hamburg, überhaupt in vielen Städten. Auch in Hannover, obwohl alle denken, in Hannover ist alles ein bisschen reduziert, ein bisschen zurückhaltend. Das Gegenteil ist der Fall. Aber zuhause ist eben zuhause. Das Tolle ist, dass da immer wieder jemand im Publikum ist, den ich kenne.

Sie sind seit Jahrzehnten erfolgreich auf der Comedy-Bühne unterwegs, hatten Tausende Auftritte. Ist das Lampenfieber komplett verfolgen?

Premiere ist für mich die Hölle. Hinterher dann nicht mehr, die zweite Vorstellung ist schon hunderttausendmal besser. Beim neuen Programm weiß ich ja nicht, ob es funktioniert. Der größte Horror wäre, was bislang noch nie vorgekommen ist, dass zwei Stunden gar nicht funktionieren. Dann stehst du zwei Stunden auf der Bühne und alles ist Grütze. 

Wenn Sie zehn, 20 Jahre zurückblicken: Gibt es etwas, bei dem Sie denken: Oh Gott, was habe ich da gemacht?

Ja klar, denke ich das. Meine allererste Show war so vollgepackt, das war unfassbar. Damals wollte ich auf keinen Fall zu wenig haben. Ich hatte drei Stunden Programm und ich musste einiges rausschmeißen und einzelne Nummern haben auch nicht geklappt. Irgendwann entwickelt man dann ein Gefühl dafür, wie viele Nummern gut sind und wie viel Platz fürs Publikum man braucht.

Inwieweit hat sich Ihr Programm verändert?

Ich war nie besonders zynisch oder politisch unterwegs. Ich bin ein großer Freund vom Abschalten, gerade in schwierigen Zeiten, den Menschen die Möglichkeit zu geben, wirklich auf Pause zu drücken, in ihrem vielleicht gerade sehr umkämpften Leben, in turbulenten Zeiten. Sie kaufen nicht umsonst ein Ticket für eine Comedy-Show. Insofern musste ich meine Comedy nicht so anpassen. Mein Erfolgsmodell war und ist der Alltag und die Flucht aus dem Alltag. Durch die Improvisation darf ich das nehmen, was den Leuten gerade auf der Zunge und auf dem Herzen liegt. So bleibt das Ganze automatisch aktuell.

Heutzutage haben Comedians viel mehr Möglichkeiten, aufzustreben und gesehen zu werden, allein schon durch Social Media. Diese Option hatten Sie damals nicht. Hätten Sie gern in der heutigen Zeit angefangen?

Nein, ich fand meine Zeit super. Man musste sich anders Gehör verschaffen, damit Leute sagen, ja, der ist talentiert. Das hat wunderbar geklappt. Durch die Flut an Möglichkeiten, auch immer weiterzuklicken, ist es vielleicht sogar schwieriger geworden, eine langfristige Verbindung aufzubauen, weil immer direkt der nächste Komiker, die nächste Komikerin um die Ecke kommt, die ich weiter swipen kann. Man muss irgendwas finden, womit man sich abhebt.

Damals hatte ich das Gefühl, dass ich meine Komik, die ich so rauslassen musste, einfach auf die Bühne bringen kann. Ich beobachte Menschen, die das kopieren, was andere machen, weil sie denken, dass das erfolgreich ist. Aber eine Kopie ist immer nur eine Kopie. Sich selbst zu finden, ist vielleicht in der Flut von heute auch schwierig. Auf der anderen Seite: Wenn du was Besonderes, eine tolle Art hast, komisch zu sein, dann wirst du heute eher wahrgenommen. Das ist der Vorteil.

Ralf Schmitz: Comedy soll alles dürfen, egal wie böse der Witz ist

Gibt es jemanden aus der Comedy-Szene, den sie vielversprechend und gut finden?

Bastian Bielendorfer finde ich zum Beispiel gut, wir sind uns ein paar Mal über den Weg gelaufen. Und Lutz van der Horst, aber der ist ja schon länger dabei. Ricky Gervais zum Beispiel aus Großbritannien finde ich mega gut, den habe ich schon mehrfach in einer Show gesehen, der ist unfassbar zynisch-böse. Das, was ich eben nicht bin. Er kämpft dafür, dass er sagt: Die Komik darf das.

Welche Vorstellung von Comedy steckt dahinter?

Ein Ansatz in der Comedy ist es, schwierige Sachverhalte zu entdämonisieren, sie in ein neues Licht zu rücken. Nicht das Ignorierenwollen, sondern das genaue Hingucken ist der eigentliche Kern von Komik. Sich im Zweifel lustig zu machen, ist manchmal sogar erforderlich, damit man die Distanz dazu teils verliert, teils sogar herstellen kann, um damit umzugehen. Das verfolgt er sehr rigoros, das ist auch für mich manchmal sehr hart. So, dass ich mich frage: Heidewitzka, das ist ein Scherz? Ich kann sagen: Junge, das muss jetzt wirklich nicht sein. Aber es geht nicht darum, und das finde ich entscheidend, zu sagen, dass du das nicht mehr machen darfst.

Hätten Sie zum Schluss noch einen kleinen Witz für uns?

Ein Witz, den ich sehr mag – was soll ich machen, ich liebe diese Anti-Witze: Was liegt am Strand und man versteht kein Wort? Ne Nuschel.


Zur Person: Ralf Schmitz, Jahrgang 1974, ist 51 Jahre alt und gebürtig aus Leverkusen. Er absolvierte Schauspielausbildung und gehörte vier Jahre lang dem Ensemble der Springmaus in Bonn. Improvisation lernte er bei Bill Mockridge. Seit den 2000er ist er im Fernsehen zu sehen. Der Durchbruch kam mit der der Sendung „Die Dreisten Drei“. Weitere TV-Formate mit Schmitz waren „Schillerstraße“ und „Genial daneben“. Als Moderator trat er bei der der RTL-Show „Take Me Out“ oder auf Sat.1 „Halbpension mit Schmitz“. (gam)