Wie die katholische Kirche die Bibel manipuliert und welche Folgen das hat, erklärt die Theologin und Buchautorin Annette Jantzen.
frank&freiIgnorierte Frauen der Bibel – „Übrig bleibt ein biedermeierliches Hausfrauen-Ideal“

Die katholische Theologin und Buchautorin Annette Jantzen
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Frau Jantzen, am Ende Ihres neuen Buchs über Frauengeschichten in der Bibel und deren Wiedergabe im Gottesdienst schreiben Sie: „Lest was anderes, Schwestern!“ Was sollen sie denn lesen?
Man könnte ja mal mit den Erzählungen anfangen, die zurzeit fehlen. Das ist ein großes, unausgeschöpftes Reservoir. Allein im Alten Testament kommen gut 60 Frauengestalten mit ihren Geschichten vor. Zweien von ihnen, Ester und Ruth, sind in der Bibel eigene Bücher gewidmet. Gerade Ruth ist eine wunderschöne Lektüre. Aus dem Gottesdienst kennen Katholikinnen und Katholiken sie aber gar nicht. Da lässt die Leseordnung an den Sonntagen nämlich ganze zwei Frauen aus dem Alten Testament auftreten, eine dritte kommt nur vor, weil ein Mann sie zum Brotbacken auffordert. An den Werktagen erwähnen die Lesungen immerhin 20 Frauen. Insgesamt sind es damit nur etwas mehr als ein Drittel
Gestrichen, gekürzt, beschnitten – das ist Ihr zentraler Vorwurf. Haben Sie dafür ein besonders sprechendes Beispiel?
Eines? Es gibt jede Menge davon! Ich nenne mal drei besonders schlimme Fälle. Als Hagar, die Sklavin im Nomadenhaushalt des Erzvaters Abraham ist, vor ihrer Herrin Sara in die Wüste flieht, hat sie eine Gottesbegegnung und nennt Gott in der Folge beim Namen: „Du bist die Gottheit, die mich sieht.“ Das ist ein buchstäblich unerhörter, nicht zu überbietender Vorgang.
Übrig bleibt ein biedermeierliches Hausfrauen-Ideal
Warum?
Selbst Mose fragt nur nach Gottes Namen, nennt ihn aber nicht. Eine Frau, Hagar, ist in der Bibel der einzige Mensch, der „beim Namen nennt“, wer Gott ist und wie Gott ist – das erste Stück Theologie, wenn man so will. Man kann das eigentlich gar nicht hoch genug hängen. Aber die Lesung setzt genau hier den Rotstift an. Das ist richtig bitter.
Sie sprachen von weiteren Beispielen…
Es gibt im Zweiten Buch der Könige eine Erzählung, die – sehr spannend - von der Buchwerdung der Bibel handelt: Zur Zeit des jüdischen Königs Joschija wird am Tempel ein altes Buch mit der Weisung Gottes entdeckt. Für die Echtheitsprüfung braucht Joschija jetzt dringend ein Gotteswort. Um es einzuholen, schickt er seinen Staatsschreiber und den Hohepriester los – und diese gehen nicht zu Jeremia, der zu dieser Zeit auch in Jerusalem wirkt, sondern zur Prophetin Hulda. Sie gilt offensichtlich als eine unhinterfragte Autorität. In der Leseordnung fehlt sie komplett. Das dritte Beispiel ist eine so dreiste Manipulation, dass man fast lachen könnte, wenn es nicht so ärgerlich wäre: Im „Lob der guten Frau“, einem Lehrgedicht aus dem Buch der Sprichwörter, wurden alle Eigenschaften und Verhaltensweisen gestrichen, die mit weiblicher Tatkraft, Geistesgegenwart, Autorität und machtvoller Erscheinung zu tun haben. Übrig bleibt ein biedermeierliches Hausfrauen-Ideal: Die „gute Frau“ ist die, die Tag und Nacht fleißig ist, emsig webt und spinnt.
Männer finden Männer wichtig
Wenn man das so hört, würden Sie von Zensur durch die Hintertür sprechen?
„Zensur“ unterstellt eine gewisse Absicht. Das habe ich nicht ausdrücklich zu ergründen versucht. Ich beschreibe, was in der Bibel steht, und was in der Leseordnung davon übrig geblieben ist. Und dabei kommt ein riesiger blinder Fleck zum Vorschein.
Wessen blinder Fleck?
An der Erstellung der für die ganze katholische Kirche verbindlichen Leseordnung waren 40 Kardinäle und Bischöfe und 150 Theologie-Professoren beteiligt. Es gab keine einzige Frau darunter. Und Männer finden Männer wichtig.
Durch die Streichungen im Bibeltext sind Frauen aus dem Blick geraten
Die Bibel ist weltweit das Buch mit der höchsten Auflage, den größten Verkaufszahlen. Alle können sie lesen – und sich selbst das ganze Bild machen.
Stimmt, alle könnten das. Es gibt ja zum Glück keine Leseverbote mehr. Aber es gibt die öffentlich reproduzierte Erinnerung. Was im Gottesdienst vorkommt und was nicht, das prägt die Wahrnehmung.
Bei den paar Prozent Katholikinnen und Katholiken, die noch regelmäßig in die Messe gehen?
Die Prägung setzt sich trotzdem fort – über die Menschen, hier meistens Männer, die in der katholischen Kirche das Sagen haben. Sie leiten die Gottesdienste, orientieren daran ihre Frömmigkeit. Was in den biblischen Lesungen fehlt, merken sie dann nicht. So wird Religion aber zu einer Männerangelegenheit. Und umso weniger selbstverständlich ist es dann, Frauen als wichtige, gleichberechtigte Akteurinnen anzuerkennen. Durch die Streichungen im Bibeltext sind Frauen aus dem Blick geraten. Das hat Folgen – bis hinein in die Kirchenstrukturen heute.
Es ist nicht einzusehen, warum explizit frauenfeindliche Inhalte im Gottesdienst vorgetragen werden sollen
In vielen der weggelassenen biblischen Frauengeschichten geht es um teils drastisch geschilderte sexualisierte Gewalt. Wollten Sie das wirklich im Gottesdienst vorgelesen haben?
Man kommt der Wirklichkeit nicht durch Verschweigen bei. Wenn man Texte, die zu schockierend wirken, weglässt, sorgt man damit zugleich für einen Verständnisrahmen: Das, was noch vorgelesen wird, gilt automatisch als nicht schockierend, als zustimmungsfähig. Da scheint dann auch keine Kritik mehr angebracht. Dabei wäre sie auch bei vielen Texten notwendig, die Teil der Leseordnung sind. Da ist übrigens immer noch genug von Gewalt gegen Frauen die Rede.
Sie haben vor geraumer Zeit selbst vorgeschlagen, einen biblischen Text im Gottesdienst nicht mehr zu lesen: die berühmte Stelle aus dem Epheserbrief im Neuen Testament, wo es – in der Übersetzung Martin Luthers - heißt: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist.“ Machen Sie hier nicht denselben Fehler, nur mit anderem Vorzeichen: Was nicht passt, lassen wir weg!
Den Schuh würde ich mir anziehen, wenn im Gottesdienst wirklich die ganze Bibel gelesen würde. Dann wäre es tatsächlich Zensur, einzelne Stellen wegzulassen. Faktisch kommt aber überhaupt nur ein Drittel aller Bibeltexte jemals vor, und dabei fallen, wie erwähnt, zwei Drittel aller Frauengeschichten weg. Bei diesem unfairen Verhältnis ist nicht einzusehen, warum explizit frauenfeindliche Inhalte, mit denen noch heute Frauen zum Schweigen gebracht werden, im Gottesdienst vorgetragen werden sollen.
Die Leseordnung, Sie haben es erwähnt, hat verbindlichen Charakter. Was schlagen Sie denn jetzt praktisch vor? Pastoralen Ungehorsam – jeder liest, was er oder sie für richtig hält?
Ein erster Schritt wäre es, die Kürzungen innerhalb der Lesungen zu revidieren. Dann kommt der biblische Text ohne die teils manipulativen Streichungen so zum Vortrag, wie er in der Bibel steht. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit - für den Umgang mit der „heiligen Schrift“. Und in einem zweiten Schritt plädiere ich tatsächlich dafür, das Repertoire der biblischen Lesungen drastisch zu erweitern. Ich versichere Ihnen: Da gibt es noch so vieles zu entdecken!
Diskussion zum Buch bei „frank&frei“
Annette Jantzen: Die ignorierten Frauen der Bibel. Was im Gottesdienst nicht gelesen wird, Herder Verlag, 304 Seiten, 24 Euro.
Ist die Bibel ein Männerbuch? Gottesdienstbesucherinnen und -besucher könnten das glauben. Denn die Bibeltexte, die dort zum Vortrag kommen, handeln überwiegend von Männern und ihren Wegen mit Gott. Was die Bibel von Frauen und ihren Begegnungen mit Gott erzählt, von Prophetinnen und anderen weisen Frauen, das wird im Gottesdienst gar nicht, verkürzend und manchmal sogar verfälschend gelesen. Was steckt dahinter? Welche Absichten verfolgt die katholische Leseordnung? Und was sind die Folgen – für die Gläubigen in den Gemeinden und nicht zuletzt für die Kirche? Ist sie unrettbar sexistisch? Darüber diskutiert DuMont-Chefkorrespondent Joachim Frank bei „frank & frei“, der Talkreihe des „Kölner Stadt-Anzeiger“, mit Annette Jantzen und dem Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer. Als Priester gehört die Leseordnung im Gottesdienst zu seinem „täglich Brot“. Welchen Geschmack hat er daran? Und welche Veränderungen der Rezeptur hält er für möglich?
Mittwoch, 25. Februar, 19 Uhr, in der Karl-Rahner-Akademie, Jabachstraße 4-8, 50676 Köln.
Eintritt: 14 Euro (ermäßigt 7 Euro), für Inhaber der KStA-Abocard 10,50 Euro. Anmeldung per Telefon 0221/801078-0 oder online hier. www.karl-rahner-akademie.de

