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Kommentar

Jelunge oder nit?
Die Tops und Flops der Session

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6 min
Eine kurze Session geht mit diesem Aschermittwoch zu Ende.

Eine kurze Session geht mit diesem Aschermittwoch zu Ende.

Die Session war kurz – sechs Wochen blieben für den Sitzungskarneval. Doch wie war sie, die jecke Zeit? Die wichtigsten Punkte im Check.

Rosenmontagszug: Nass, glücklich – und zu spät

Prinz Niklas I. kam erst im Dunkeln an der Zeughausstraße an. Mit seinen Händen formt er vom Prinzenwagen herab ein Herz.

Prinz Niklas I. kam erst im Dunkeln an der Zeughausstraße an. Mit seinen Händen formt er vom Prinzenwagen herab ein Herz.

Im Februar wird es schneller dunkel als im März. Das ist nicht nur eine alte Zugleiter-Weisheit. Marc Michelske hatte genau deshalb den Rosenmontagszug verkürzt, damit der Prinz auf dem letzten Wagen noch im Hellen das Ziel erreicht. Daraus wurde jedoch nichts, Niklas Jüngling stieg mit zwei Stunden Verspätung vom Wagen. Dass gleich mehrere, laut Festkomitee TÜV-geprüfte Zugmaschinen Probleme bereiteten, wurmt auch die Organisatoren. „Unsere Traktoren und unsere Wagen sind alle auf ihre Verkehrstauglichkeit hin geprüft. Das ist aber natürlich keine Garantie gegen Pannen bei teilweise 50 oder 60 Jahre alten Zugmaschinen“, heißt es beim Festkomitee auf Anfrage.  Jeder Zwischenfall koste Zeit und letztlich auch Geld: „Einsatzkräfte von Sanitätsdiensten und Sicherheitsfirmen müssen etwa länger bezahlt werden, das summiert sich schnell auf mehrere Zehntausend Euro.“ Man wolle in den kommenden Tagen die Ursachen genau analysieren und prüfen, wie man solche Vorfälle künftig noch mehr reduzieren könne.

Bands: Auf der Suche nach der Nische

Druckluft-Sänger Florian Hertel auf der Bühne bei einem Auftritt im Januar in der Stadthalle in Mülheim.

Druckluft-Sänger Florian Hertel auf der Bühne bei einem Auftritt im Januar in der Stadthalle in Mülheim.

Köln kann zu Recht stolz sein auf seine kölsche Musik-Szene. Stets präsentieren sich bei den Vorstellabenden neue Gruppen. Und fast jedes Jahr gibt es eine andere Band, die für Aufsehen sorgt. Dieses Jahr war es Druckluft, die mit der „Karnevalsmaus“ den Sessionshit schlechthin gelandet hat. Dagegen blieb es um die etablierten, seit Jahrzehnten erfolgsverwöhnten Bands eher ruhig, allen voran um die Bläck Fööss. Dass zuletzt immer mehr ambitionierte Pop- und Rockbands auf kölsche Tön umschwenken, erhöht zwar die Quantität, musikalisch gesehen aber ist es enttäuschend, wenn andere Musiker nur versuchen, wie Kasalla oder Cat Ballou zu klingen. Fakt ist: Viele junge Bands sind auf der Suche nach einer Nische. Druckluft haben nun genau jene besetzt, die einst die Brasspop-Kombo Querbeat inne hatte.

Redner: Vieles beim Alten

Das Herrengedeck mit (v.l.) JP Weber, Volker Weininger („Sitzungspräsident“) und Martin Schopps

Das Herrengedeck mit (v.l.) JP Weber, Volker Weininger („Sitzungspräsident“) und Martin Schopps

Während es bei den Bands immer wieder Überraschungen gibt, bleibt bei den Rednern alles bei „den Alten“. Dabei wünschen sich viele etablierte Künstler, deren Auftrittszahlen an der obersten Belastungsgrenze sind, auch mal neue Gesichter. So hatten es Guido Cantz, Volker Weininger und Martin Schopps beim „Redner-Gipfel” im „Kölner Stadt-Anzeiger“ selbst formuliert. Gemeinsam mit Marc Metzger und Bernd Stelter bleiben die „Big Five“ unangefochten die Könige in der Bütt und räumten auch in dieser Session allesamt ab.

Kai Kramosta als Handwerker Peters, Djavid oder Ne Spätzünder alias Frank Friederichs haben es in den großen Kölner Sälen schwer. Vielen Literaten ist da mehr Mut zu wünschen, neuen Gesichtern nicht erst kurz vor Mitternacht eine Chance zu geben. Andererseits ist es ein offenes Geheimnis, dass das Publikum im traditionellen Sitzungskarneval nach wie vor ein recht konservatives ist. Das will die Gesichter, die es kennt.

Sitzungen: Ablenkung vom Alltag boomt

18.500 jecke Besucher Anfang Februar – Rekord für die „Lachende Kölnarena“

18.500 jecke Besucher Anfang Februar – Rekord für die „Lachende Kölnarena“

240.000 Menschen feierten bei den 15 Veranstaltungen der „Lachenden Kölnarena“ mit, 18.500 Jecke sorgten Anfang Februar für einen Besucherrekord in der Lanxess-Arena. Auch der traditionelle Sitzungskarneval boomt, die Säle waren fast ausnahmslos voll. Das Verlangen nach Ablenkung vom Alltag und dem Weltgeschehen, das zunehmend als belastend empfunden wird, lassen sich die Jecken immer mehr kosten.

Prunk- und Kostümsitzungen in den großen Sälen kosten im Durchschnitt locker 50 Euro, oftmals noch mehr. Die Drei-Euro-Schallgrenze für ein Glas Kölsch (0,2 Liter) ist in fast allen Sälen der Stadt durchbrochen, auch für alkoholfreie Getränke werden stolze Preise aufgerufen. Begründet wird all dies einmal mehr mit seit Corona rasant gestiegenen Kosten für die Veranstalter. Fakt ist aber, dass die Schere zwischen „Ärm un Rich“ weiter auseinandergeht. Karneval in Gürzenich und Co. muss man sich leisten können.

Säle: Alternativen in Planung

Ken Reise alias Julia Voyage wurde im Pullman-Hotel von der Präsidentin der Goldmarie, Tanja Spiegel, zur Ehren-Goldmarie ernannt.

Ken Reise alias Julia Voyage wurde im Pullman-Hotel von der Präsidentin der Goldmarie, Tanja Spiegel, zur Ehren-Goldmarie ernannt.

Die Ankündigung, dass das Pullman-Hotel Ende dieses Jahres schließt, war für zahlreiche Karnevalsgesellschaften ein Schock. Die Verträge für rund 30 Veranstaltungen Anfang 2027 waren längst geschlossen – plötzlich standen die Vereine ohne Saal da. Das schwedische Unternehmen Pandox AB, das das Gebäude aufgekauft hat, äußert sich bislang nicht zu den Zukunftsplänen. Sollte eine andere Hotelkette in das Gebäude ziehen, rechnen Insider mit einer Sanierung, die eineinhalb bis zwei Jahre dauern könnte.

Insofern haben sich viele Gesellschaften bereits nach Alternativen umgeschaut. Die gute Nachricht: Es gibt noch Kapazitäten. So werden Sitzungen, die einst im Pullmann-Hotel beheimatet waren, in der nächsten Session in der Flora, in der Messe sowie im Sartory stattfinden. Auch mit Betreibern weiterer  Locations finden Gespräche statt.

Prinzenproklamation: Überraschend und emotional

Ludwig Sebus wurde mit dem höchsten Verdienstorden des Festkomitees von Christoph Kuckelkorn ausgezeichnet.

Ludwig Sebus wurde mit dem höchsten Verdienstorden des Festkomitees von Christoph Kuckelkorn ausgezeichnet.

Musikalisch vielfältig, mehrfach emotional, unterhaltsam, überraschend und gleichzeitig inhaltlich stringent – so war die Prinzenproklamation Anfang des Jahres, die einige Besucher im Foyer als „eine der besten Pripros der vergangenen Jahre“ bezeichneten. Druckluft und Cat Ballou sorgten für Aktualität und Modernität, der Männer-Gesang-Verein stand für die traditionellere Musik, so hatte jeder und jede die Chance, sich musikalisch wiederzufinden. Das „Herrengedeck“, bestehend aus „Sitzungspräsident“ Volker Weininger, Martin Schopps und JP Weber, schaffte es scheinbar mühelos, wirklich den kompletten Raum zum Lachen zu bringen.

Ludwig Sebus’ Auftritt ging ebenso direkt ans Herz wie die Überraschung für Christoph Kuckelkorn. Der hört als FK-Präsident nach dieser Session auf und bekam bei seiner letzten Pripro im Amt ein ganz besonderes Krätzchen geschenkt: das seines 2024 verstorbenen Vaters Fro. OB Torsten Burmester legte eine sehr ordentliche erste Prinzenproklamations-Rede hin, widerstand der Versuchung, es op kölsch zu probieren, kam humorvoll und locker rüber. Und als großes Plus: Die Programmmacher haben es geschafft, das Sessionsmotto „Alaaf, mer dun et för Kölle“ immer wieder gekonnt einzuweben.

Dreigestirn: Nah dran an den Menschen

Das Dreigestirn war das bisher jüngste (Archiv)

Dass jedes Kölner Dreigestirn immer mit seinem Vorgänger-Trio verglichen wird, liegt in der Natur der Sache. Dass das nicht lupenrein fair ist, weil – Gottlob – jedes anders ist und ja auch bitte sein soll, ebenso. In dieser Session hatte es Köln mal wieder mit einem Dreigestirn zu tun, in dem der Prinz die absolut prägende Figur war. Niklas I. konnte sehr unterhaltsam und mitreißend reden, seine Begeisterung ob des Amtes war sicht- und spürbar und übertrug sich. Und er hatte mit Bauer Clemens und Jungfrau Aenne zwei sehr stabile Begleiter an seiner Seite, die eine ruhigere Zufriedenheit ausstrahlten.

An der Stelle sei doch ein winziger Blick zurück gestattet: In der Session 2024/2025 war die Jungfrau die prägende Figur, und das Trifolium war – schon weil sie aus der queeren Gesellschaft Stattgarde Colonia Ahoj kamen – gesellschaftspolitischer unterwegs. Niklas Jüngling, Clemens von Blanckart und Stefan Blatt verstanden es als zentralen Teil ihres Ehrenamts, allen Menschen Karneval, Frohsinn und Leichtigkeit zu bringen. Sie haben sich viel Zeit genommen, immer wieder betont, dass es sie emotional extrem anfasst, in Seniorenheimen, Krankenhäusern oder im Hospiz zu sein. Und sie haben sich kein bisschen geschämt, zu sagen, dass sie nach diesen Terminen manchmal im Auto sitzen und kurz weinen müssen. Gut so.

Motto: Vom Ich zum Wir

Die Präsentation des Mottos im Rosenmontagszug 2025.

Die Präsentation des Mottos im Rosenmontagszug 2025.

„Alaaf – mer dun et för Kölle“ beinhaltete genau das, wovon der Karneval lebt, wovon aber auch eine Stadt lebt: Es braucht Menschen, die sich einbringen, die bereit sind, Zeit und Mühe zu investieren. Im Verein, in Karnevalsgesellschaften, aber auch im alltäglichen Leben in einer Stadt. „Mer dun et för Kölle“ ist die Antithese zu gelebter Wurschtigkeit, zum Ich-bin-eine-Insel-Gefühl, das vom Einzelnen ausgeht und nicht von der Gruppe. Eine Gemeinschaft funktioniert einfach immer besser, wenn die Summe ihrer Teile sich mit ihr identifiziert, wenn sie sich mitverantwortlich fühlt. Gut gewählt!