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Emotions-AchterbahnVon Aschermittwochsblues bis Pinkelpanik: Unser ABC der Karnevalsgefühle

7 min
B wie Bützangst: kommt von der Tradition ungefragten Bützens, gerne garniert mit  Sätzen wie „Dat Schönste wat mer han im Karneval“.

B wie Bützangst: rührt von der Tradition ungefragten Bützens her, gerne garniert mit  Sätzen wie „Dat Schönste wat mer han im Karneval“.

Im Karneval spielt unser Emotions-Barometer verrückt. Wir haben die wichtigsten Jeföhle zusammengefasst. Welches haben wir vergessen?

Aschermittwochsblues

An diesem Tag ist alles vorbei. Das Schunkeln, das Singen, das Trinken und mehr. Jeder Jeck geht mit der einsetzenden Tristesse anders um. Katholiken rennen in die Kirche, kommen mit dem Aschenkreuz auf der Stirn wieder heraus. Es ist das Zeichen der Umkehr, Buße und Vergänglichkeit. Für sie beginnt die Fastenzeit, für alle Ungläubigen und Unersättlichen die Fahrt in den Skiurlaub: Auf den Hütten, da gibts koa Sünd – dafür die Lieder von Kasalla, Brings und Höhnern.

Bütz-Angst

Jede Marie kennt das: Aus der Tiefe des Raumes steuert zielgerichtet ein Präsident oder Normalo auf sie zu, faselt was von „Dat Schönste wat mer han im Karneval“ ... Und noch bevor er zum Bützen ansetzt, riecht sie die Zwiebelmett-Fahne (siehe Mett-Ekel). Getoppt wird das nur noch von Bartträgern, die zuvor zu gierig die Currywurst samt Soße verschlungen haben.

Currywurst-Koma

Als Herbert Grönemeyer in Köln lebte, sang er folgende Warnung: „Ker scharf is die Wurst, Mensch dat gibtn Durst, die Currywurst“. Erfahrene Jecken wissen, wie Recht er damit hat. Denn: „Bisse dann richtig blau, wird dir ganz schön flau“ – von Currywurst. So lecker sie auch sein mag, so gefährlich kann es mit ihr enden – im Fachjargon auch Currywurst-Koma genannt. Im Gürzenich und anderen Sitzungssälen ist sie heiß begehrt. Allerdings gibt es auch Jecken, die sich mit in Fett ausgebackenem Gebäck vollstopfen – das „Berliner-Koma“.

Dreigestirn-Sehnsucht

Jede KG, die das Dreigestirn in dieser Session nicht stellt, hat Sehnsucht danach, irgendwann einmal dranzukommen. Auch wenn dieses irgendwann unendlich dehnbar ist. Noch viel mehr gilt das für die vielen Wiever mit Dreigestirns-Sehnsucht, die niemals Prinzin sein werden, wenn alles so weiter geht wie vorher.

Aschermittwoch ist alles vorbei. Zeit für einen handfesten Aschermittwochs-Blues.

Aschermittwoch ist alles vorbei. Zeit für einen handfesten Aschermittwochs-Blues.

Einsing-Euphorie

Kurzes, intensives, fast religiöses Warmwerden bei „Loss mer singe“ und anderen Veranstaltungen. Stimmt ein auf die Tage zwischen Weiberfastnacht und Veilchendienstag und wappnet ganz hervorragend für Kneipen- und Straßenkarneval. Weil es unendlich viel mehr Spaß macht, wenn man „Oben unten“ souveränst mitsingen und -tanzen kann und den Text von „Sing mich noh Hus“ mitsingen und – weinen kann.

Funkemariechen- Vergötterung

Die ehrliche Bewunderung für Beine, die Dinge können, die physikalisch fragwürdig sind. Aber natürlich noch sehr viel mehr!

Glitzer-Kapitulation

Die Einsicht, dass der Staubsauger bis Ostern nicht den Hauch einer Chance hat gegen Konfetti, Glitzer, Resten von Federboas und sonstige winzige bis größere Kostüm-Accessoires anzukommen, weil die eigenen vier Wände voll damit sind. Und gleichzeitig sorgt die Tatsache, dass man noch Tage und Wochen und manchmal Monate später noch Konfetti und Glitzer und materialisierten Frohsinn in den hintersten Ecken findet, dafür, dass sich die jecke Nach-Sentimentalität richtig lange hält. Auch schön irgendwie.

Helau-Abscheu

Sagt man nicht. Also hier nicht. Unter keinen Umständen. Was soll das überhaupt bedeuten? So sprechen, nichts für ungut, nur Menschen, die vom Karneval überhaupt keine Ahnung haben. Naserümpfen ist noch die freundlichste aller Antworten drauf. Unsere Abscheu gilt selbstredend auch für die anderen Rufe in NRW: Halt Pohl (Mönchengladbach), Wupp-di-ka (Wuppertal), Hasi Palau (Paderborn), Breetlook (Krefeld-Hüls) oder Quak Quak Helau (Kleve-Kellen).

Glitzer-Overload im Kostüm - und später dann im Teppich und in sämtlichen Ritzen der Wohnung. Für immer.

Glitzer-Overload im Kostüm - und später dann im Teppich und in sämtlichen Ritzen der Wohnung. Für immer.

Imi-Integrationsglück

Wenn Zugezogene das erste selbstbewusste Alaaf aussprechen, ihr noch zaghaftes Schunkel-Debüt gegeben haben und es Lob für das selbstgebastelte Kostüm gab.

Jeck

Es ist das ultimative, das kölscheste Wort aller Gefühle, das auch einen besondern Menschenschlag definiert. Ein Wort, das für ungebremsten Frohsinn steht. Jeck – das muss man fühlen, das muss man (er)leben.

Karnevalskisten- Euphorie

Welch ein Hochgefühl Anfang Januar. Der Weihnachtbaum fliegt raus, und dann gehts ab in den Keller. Das erste Alaaf vorm Regal mit den Karnevalskisten. Mit Tschingderassabum und Schwung die Treppe rauf und das Wohnzimmer verwüsten. Alles muss raus, sortiert, ergänzt und neu kombiniert werden. Da jubelt selbst die Nähmaschine.

Lindwurm-Aggression

Irgendwelche Medienvertreter benötigten offenbar vor Jahren ein Synonym für den Rosenmontagszug und kamen auf ein Wort, das schon beim Lesen Magen-Darm auslösen kann: Lindwurm. Laut Wikipedia steht dieser für ein schlangen- oder drachenartiges Fabelwesen, da im althochdeutschen „lint“ für Schlange steht. Das hat mit dem Zoch so viel zu tun wie Düsseldorf mit Kölsch.

Mett-Ekel und Mett-Geilheit

Zwei sehr komplementäre Gefühle, beide gleichermaßen im Karneval vertreten. Man liebt Mett mit Zwiebeln, oder man hasst es. Dazwischen kann es nichts geben.

„Nur noch ein Kölsch“- und „Nie wieder Kölsch“-Schwur

Wie Mett-Ekel und Mett-Geilheit gehört auch dieses Paar komplementär zusammen und kann nicht auseinandergerissen werden. (Der bekannte Vorsatz, der spätestens am nächsten Tag vergessen ist.)

Pinkelpanik: Welche Frau kennt sie nicht an Karneval?

Pinkelpanik: Welche Frau kennt sie nicht an Karneval?

Ohrwurm-itis

Von Aschermittwoch bis zum 11.11. bleiben die meisten Jecken verschont. Aber dann ist sie da: „Karnevalsmaus“ zum Beispiel – buddelt sich in den Gehörgang und findet nicht wieder heraus. Nicht nur HNO-Ärzte sprechen hier von einer Ohrwurm-itis. Chronisch erkrankt ist, wer „Stadt mit K“ hört und sofort „schalalalala“ rufen muss. Solchen Patienten hilft nur noch eine Schocktherapie: täglich zwei Stunden Free-Jazz hören.

Pinkelpanik

Kommt auf, wenn man im Zoch mitläuft und vorher weiß, dass man jetzt rund fünf Stunden besser nicht zur Toilette müssen sollte. Kommt auch auf in einer sehr, sehr vollen Kneipe, in der man den Top-Platz auf der Bank verlieren würde, wenn man das WC aufsuchte.

Quatschkopf-Gefahr

Auch im Karneval ist man nicht gefeit vor Schwätzern, bei steigendem Kölschkonsum steigt auch die Gefahr, einem zu begegnen – oder selbst einer zu werden.

Raderdoll

Ein Zustand, den die Kölschen eigentlich immer in sich tragen, nur wissen sie es das Jahr über mehr oder minder gut zu verstecken. Doch an Karneval platzt es aus uns heraus. Jetzt dürfen wir völlig verrückt sein: Konfetti schmeißen, mit dem Kölsch durch die Stadt trecke, bützen, schunkeln, tanzen, feiern. Die ganze Stadt darf endlich wieder raderdoll sein. Mir sin su schön naturbeklopp, dafür danken die Domstürmer sogar dem leeve Godd.

Schlangenfreundschaft

Zusammen eine schwierige Situation durchzustehen, verbindet. Wenn also in der Kneipenschlange Thorsten und Leah vor und Matthias und Kevin hinter einem stehen, ist man gemeinsam ungeduldig, teilt das mitgebrachte Bier, singt sich gemeinsam warm und hat Freunde gefunden. Für einen Abend (toll) oder länger (noch toller).

Traditions- Tyrannei

Es gibt Jecken, die lieben ihr Brauchtum so sehr, dass sie keinen Spaß verstehen. Die Rede ist von den kölschen Traditions-Taliban, die es in jeder Karnevalsgesellschaft gibt. Mit einem „Weil-das-schon-immer-so-war“ versuchen sie jede Neuerung im Keim zu ersticken. Dabei vergessen sie, dass jede Tradition einst auch ein Novum war. Zum Beispiel der Geisterzoch, der erstmals 1992 durch Köln ging oder das Funken-Biwak auf dem Neumarkt – eingeführt wurde es „erst“ 1974.

Unterhak-Reflex

In dem Moment, wenn man in der Kneipe, im Wohnzimmer bei Freunden, auf der Bierbank im Festzelt steht und die ersten Zeilen eines Liedes ertönen, das langsam ist, das von der Liebe zu Köln handelt und zu den Menschen in dieser Stadt, da übernimmt eine närrische Macht die Steuerung des Körpers. Der Unterhak-Reflex setzt ein, beim Nachbarn, rechts und links, schräg vorn und dahinter, jetzt wird geschunkelt. Passiert bei Jecken ganz automatisch und ist schöner als jede Umarmung.

Verpflegungsverantwortung

Muss jeder übernehmen, der an Karneval unterwegs ist. Denn dass man nicht mit leerem Magen losziehen darf, ist die oberste aller Grundregeln. Wer zu viel Kölsch trinkt...oder Schnaps.... oder Sekt...wir ersparen uns an der Stelle die Details!

Wurfdisziplin

Ganz wichtig, wenn man im Zoch mitläuft, weil man sich die Kamelle gut einteilen muss. Sonst ist nach einer Stunde nichts mehr da. Und: Die richtige Wurftechnik ist ein Muss, am besten ist ein sanfter Bogen. So muss keiner mit einer Toffifee-Platzwunde am Kopf nach Hause.

Xylophon-Ekstase

Das X ist der wohl schwierigste Buchstabe im Alphabet. Aber im kölschen Karneval sind auch schwierige Buchstaben gar kein Problem. Denn wozu gibt es Xylophon? Xylophon-Ekstase also: Wenn vom Straßenrand aus betrachtet jede Musik, wirklich jede, tanzbar wirkt. Weil der Zoch kütt. Mit dem Xylophon drin!

Yolo

„Yolo“ steht eigentlich für „Du lebst nur einmal“ auf Englisch. Gibt es aber – natürlich – auch auf Kölsch. Da heißt es zum Beispiel „Drink doch ene mit“ und ist ein Song von den Bläck Fööss.

Zündschnur

Zündschnur, kurz: der Moment, an dem sich zwei Jecken finden, oft innerhalb von Millisekunden und wissen: Das ist für heute Abend mein Mariechen. Oder mein Räuber, Pirat oder was auch immer. Aber auch der Moment, in dem der Nubbel anfängt zu brennen und alles, was man mit Mariechen, Räubern etc. erlebt hat, vor Gott rechtfertigt. Damit man dann geläutert, gereinigt und bereit ist für A = Aschermittwochblues!


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