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Was man bei Karnevalsliedern alles zu hören glaubtEin Leben in der Dachrinne

6 min
loss mer singe
kneipentour
auftakt im lapidarium
karneval
köln
 foto: stefan worring
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Loss mer singe: Wer weiß schon, welche lustigen Textzeilen diese Herren im Kneipenkarneval hervorgebracht haben? Foto: Stefan Worring 

„Mensch, Du kennst ja alle Texte!“ Wer Du glaubst, dieser Satz, von wem auch immer er kommen mag, sei der Ritterschlag im kölschen Kneipenkarneval – Vorsicht! Ich spreche da aus Erfahrung.

Es mag sich vielleicht so anhören, doch selbst nach fast 30 Jahren Sangeserfahrung mit kölschem Liedgut können zwischen dem, was man zu hören glaubt und den sich daraus ergebenden Lauten Welten liegen. Welten, die teilweise erst nach Jahren plötzlich und unerwartet zusammenbrechen.

Ne Imi bliev ne Imi! Daran können selbst zehn Semester an der Akademie för uns kölsche Sproch nichts ändern. Das Schicksal, hier nicht geboren zu sein, also „he nit jebore ze sin“, hat aber auch seine guten Seiten. Versetzt es einen doch in die Lage, sich einen ganz eigenen kölschen Kosmos zu schaffen. Eine Fantasiewelt, die Muttersprachlern für immer verschlossen sein wird.

Hereinspaziert: Folgen Sie mir in ein Kölle mit den absonderlichen Lebensgewohnheiten der Eingeborenen, die nur Imis zugänglich sind. Einzige Voraussetzung: Sie dürfen den Wahrheitsgehalt dessen, was Bläck Fööss, Höhner, Klüngelköpp und andere Ikonen kölschen Liedguts im Laufe vieler Jahrzehnte Liebenswertes über das Millionendorf gesungen haben, niemals in Zweifel ziehen.

Ich kann nit treu sin, läv en d’r Dachrinn
Die Höhner über ungewöhliche Wohnformen in den 1970er Jahren

Ein Beispiel: In meinem Köln, das ich mir über die Jahre in den Karnevalskneipen voller Inbrunst zusammengesungen habe, gibt es ungewöhnliche Formen des Wohnens. Zum Beispiel Menschen, die in Dachrinnen leben. Nicht alle, sondern nur jene, die schon das ein oder andere Fisternöllchen, also eine heimliche Liebschaft oder eine flüchtige Beziehung hatten. Also fast alle.

Das singen die Höhner in ihrem Klassiker mit dem Titel „Ich ben ne Räuber“ („Ich kann nit treu sin, läv en d’r Daach rin.“) Das Lied aus der Feder von Peter Horn stammt aus dem Jahr 1979, einer Zeit, in der es in Köln noch keine Wohnungsnot gab. Umso erstaunlicher, dass Dachrinnen als Unterkunft damals offenbar sehr beliebt waren.

04.01.2023, Köln: Auftaktveranstaltung der Kneipentour von "Loss mer Singe" im Lapidarium.

Foto: Michael Bause

„Nur Amore un Sunnesching und Jepäck is hin.“ Kölsche Urlaubsfreuden auf Mallorca. Foto: Michael Bause

Zwei Jahre fühlte ich mich durch BAP und deren Frontmann Wolfgang Niedecken sogar noch bestärkt. Singt er doch in „Verdamp lang her“ etwas von Kölnern, die ständig zwischendurch den Hof fegen müssen. Zumindest habe ich die Textzeile „Un övverhaup, wat ich Hof fege wollt“ immer so verstanden oder lauthals gesungen habe.

Ich fand es einfach logisch, dass sich der Kölner bei den beengten Wohnverhältnissen in einer Dachrinne mal die Beine vertreten muss.

Wenn man hinuntersteigt, landet man bei Mietshäusern häufig in einem Innenhof. Beine vertreten beim Hof fegen? Warum denn nicht? Wenn man schon in den Tag hineinlebt und sich um nix kümmern muss. Dass Wolfgang Niedecken in Wahrheit nicht den Hof fegt, sondern irgendetwas sucht und einfach nicht finden kann („Un övverhaup, wat ich wo finge wollt“), ist mir damals nicht in den Sinn gekommen.

<i>Heidewitzka, Herr Kapitän</i>! Mem Mülleimer Böötche fahre mer su gään
Karl Berbuer Klassiker über die Abfallentsorgung in den 1930er Jahren

Also. Es muss Ende der 1970er Jahre eine Zeit gegeben haben, in der die Kölner in der Dachrinne gehaust haben. Bei der Müllentsorgung waren sie hingegen schon früh sehr fortschrittlich. Abfalltonnen in gefegten Höfen gab es in den 1930er Jahren nämlich noch nicht. Die platzierte man auf dem Mülleimer Böötche, dessen Kapitän Heide Witzka hieß. Heide Witzka war vermutlich die einzige Frau war, die eine unglaubliche Karriere hingelegt hat. So unglaublich, dass sie in dem Gassenhauer konsequent als „Herr Kapitän“ bezeichnet wird. Gegendert wurde damals noch nicht. Das konnte der Komponist Karl Bebuer ja nicht wissen. Aber das nur am Rande.

Bleiben wir am Wasser. Dieser Verhörer ist mit besonders peinlich. Weil er eine Hymne betrifft, bei der es einem kalt und heiß den Rücken runterläuft und die offenbar jeder versteht. Nur ich nicht. Wie, glaubte ich, singen AnnenMayKantereit bei „Tommi“ doch so schön? „Ich will mal wieder am Rhein steh’n, Kaltgetränk und ein Tee.“ Selbst die rauchige Stimme von Henning May hat mich nicht darauf gebracht, dass er sich womöglich einfach nur „eine dreh’n“ will. Was vermutlich daran liegt, dass ich nie geraucht habe.

Ne schöne Jrooß an all die, die auf Elba sind
Urlaubsgrüße von BAP

Dass die Kölner am liebsten Urlaub auf Elba machen, davon singt Wolfgang Niedecken („Ne schöne Jrooß an all die, die unfehlbar sin“). Das hat mich zunächst stutzig gemacht hat, aber am Ende zählt es zu den liebenswertesten Eigenschaften der Kölschen, dass sie von zuhause Postkarten folgenden Inhalts an die Liebsten schicken, die sich in Urlaub befinden: „Ne schöne Jrooß an all die, die auf Elba sind.“ Unfehlbar auf Elba. Kann doch mal passieren.

Das gibt es in keiner anderen Stadt auf der Welt und erklärt, warum die Kölschen in gefühlt jedem zweiten Lied „Heimweh noh Kölle“ verspüren, sobald sie auch nur die Stadtgrenze überquert haben. Bis auf einen, und das ist ausgerechnet Willi Ostermann, von dem die Klüngelköpp ihrem Lied „Wer einmal Kölle sing Heimat nennt“ behaupten, er habe Pech gehabt, als er zu Fuß zurückkehren wollte. So glaubte ich zumindest zu hören. Willi Ostermann im Exil. Der arme Kerl. Dabei hat er nicht Pech, sondern „rääch“ jehatt, also recht gehabt, als er sich auf den Heimweg machte.

Nur Amore un Sunnesching und Jepäck is hin
Mallorca-Erlebnisse der Paveier

Natürlich machen nicht alle Kölner Urlaub auf Elba. Ein paar sind auch auf Mallorca. „Met alle Mann am Ballermann. Nur Amore un Sunnesching, un kei Bett jesinn.“ So beschreiben die Paveier das typische kölsche Urlaubsvergnügen. Das mit dem Bett habe ich irgendwann auch verstanden. Ist doch logisch. Warum sollte jemand, der das ganze Jahr über in Köln in der Dachrinne lebt, ausgerechnet im Urlaub ins Hotel gehen? Das kann er sich doch gar nicht leisten.

Die Erkenntnis kam mir aber erst nach vielen Jahren, in denen ich lauthals wahlweise „Jepäck is hin“ oder „Jebäck is hin“ gegrölt habe. Irgendetwas, dachte ich damals, geht auf Reisen kaputt immer kaputt. Mallorquinisches Gebäck ist da sehr empfindlich.

Echte Fründe stonn zesamme, su wie eine Fott om Pott
Klo-Version des Höhner-Klassikers „Echte Fründe"

Geradezu verzweifelt bin ich an den Höhnern. „Echte Fründe stonn zesamme, su wie eine Jott und Pott“. Das ist er einzige Fall, bei dem gedacht habe, diesmal musst Du Dich verhört haben. Wo ist der Sinn? Auf der Suche gelangte ich schließlich zu der Erkenntnis, es müsse „Fott om Pott“ heißen. Eine viel engere Verbindung als einen Popo auf einem Toilettendeckel kann es doch gar nicht geben.

„Jott und Pott“, so weiß ich seit kurzem, steht für eine andere untrennbare Einheit, die von Gott und Topf. Damit sollen das Heilige und das Weltliche gemeint sein.  Weil vom Glauben allein der Mensch nicht leben kann. Höchstens abfallen.

Und die schläächte Zäng von der Mitbewohnerin
Karnevalsversion für Zahnmediziner von Querbeat

Der Rest meiner Verhörer, mit denen ich bisher aufgeflogen bin, ist mir aus heutiger Perspektive nur noch peinlich. In meiner Version der Höhner-Karawane zieht sie weiter und der Sultan hält durch. Mit jedem Refrain immer weiter durch. Doosch, als Durst, hat er keinen. Dabei gibt es in Kölle sogar Getränkemärkte, die so heißen.

Entschuldigen muss ich mich auch bei der Wohngemeinschaft von Querbeat, in der 20 Leute in einem viel zu kleinen Zimmern hausen. „Küchenparty, kaale Pizza, wärmer Wing. Und die schläächte Zäng von der Mitbewohnerin.“ Die junge Frau hat in Wahrheit keine Zahnprobleme, sondern nur eine schlechte Playlist. Und nein, „ich han dat Mädche och nit als Elster jebütz“, wie die Paveier behaupten. Als Vogel war ich noch nie verkleidet. Als Eetster, also Erster, wie es korrekt heißt, leider auch nicht. Dafür bin ich zu alt.