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„Maach dat de fott küss, Du Fijur!“
Köln platzt aus allen Nähten – Über die neue Bevölkerungsstatistik

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3 min
Reisende versuchen auf einem überfülltem Bahnsteig im Hauptbahnhof in einen Regionalzug zu steigen. Nach dem Start des 9-Euro-Tickets wird zum Ende des langen Pfingstwochenendes am Montag in Nordrhein-Westfalen eine starke Rückreisewelle erwartet. +++ dpa-Bildfunk +++

Voll, voller, Köln. Reisende versuchen auf einem überfülltem Bahnsteig im Hauptbahnhof in eine S-Bahn zu steigen. Foto: dpa

Warum 1,1 Millionen Einwohner für Kölle kein Grund zum Feiern sind. Unser satirischer Wochenrückblick.

Wer war das? Wer ist diese Nummer 2481, die uns im vergangenen Jahr zur 1,1 Millionen-Einwohner-Stadt gemacht hat. Bestimmt einer von diesen Wanderungsplus-Gesellen, die aus was für Gründen auch immer nach Kölle gekommen sind. Zum Studium, zum Karneval und einfach hängengeblieben. Weiß der Nubbel, warum. Bitte melde Dich, Nummer 2481.

Ich will wissen, warum um Himmelswillen es Dich in eine Stadt zieht, die eh schon aus allen Nähten platzt. Und wie Du es überhaupt geschafft hast, Dich durch die Staus über die Zoobrücke zu kämpfen. Oder warum Du nicht auf dem Absatz umgedreht bist, auf dem S-Bahnsteig im Hauptbahnhof, nachdem Du allein zehn Minuten gebraucht hast, um ihn zu verlassen, ohne ins Gleisbett zu hüpfen. Dabei sind auf dem Bahnsteig schon vor Jahren alle Automaten abgeräumt worden, um mehr Platz zu schaffen.

Du weißt schon, was Dich hier erwartet? Hier ist grundsätzlich alles und immer ausverkauft. Da kannst Du machen, was Du willst. Die lit.Cologne, die Stunksitzung, der FC, die Kinos, der Lommi in Deutz, alle Brauhäuser – und bald auch der Dom. Ja. Dort werden sie demnächst Eintritt nehmen. Für Leute wie Dich. Und am Hauptbahnhof werden wieder Bahnsteigkarten eingeführt. Natürlich nicht aus Pappe, sondern digital, auf dem Smartphone. Wenn Du einmal Wuppertal-Oberbarmen gebucht hast, bedeutet das: Gleis eins. Und für den Rest des Bahnhofs Betretungsverbot.

Marathon-Startgeld nach Schuhgröße gestaffelt

Selbst dem Köln-Marathon rennen sie die Bude ein. Schon gehört? Ab 2027 wird das Startgeld nach der Schuhgröße berechnet. 48 zahlt mehr als 38. Damit alle Füße beim Start auf dem Ottoplatz überhaupt Platz finden.

So sieht es aus. Wir sind schon so weit, dass wir die Boatpeople, die mit den Kreuzfahrtschiffen über den Rhein einfallen, nicht mehr an Land lassen. Aus Notwehr. Wir wollen keine Rollkoffer, die uns das Konrad-Adenauer-Ufer verstopfen. Dafür sorgt das Amt für Mobilität durch die Anlage verwahrloster Blumenbeete, an denen kein Reisebus vorbeikommt.

Sagen wir es frei heraus, Nummer 2481. Solltest Du eine Wohnung suchen, werden die anderen 2480, die auch unbedingt in der – wie unser Stadionsprecher es immer herausbrüllt – schönsten Stadt Deutschlands leben möchten, vor der gleichen Haustüre stehen und auf einen Makler warten, der sich die Hände vor lauter Geld zählen schon zerrieben hat. Bei den vielen Briefumschlägen, die man ihm zugesteckt hat, um sich den entscheidenden Vorteil zu verschaffen.

Also, mein Freund! Oder meine Freundin! Maach dat de fott küss, Du Fijur! Kauf Dir eine Bahnsteigkarte, hab‘ Ober-Erbarmen mit uns, fahr‘ nach Wuppertal, steig‘ aus und such‘ Dir am Berliner Platz eine Bleibe. Dort, wo der Leerstand zuhause ist. Das klingt nach Hauptstadt und ist ungefähr so schön wie Marzahn oder der Kölnberg. Und tröste Dich damit, was auf meiner Kaffeetasse steht, die ich vor Jahren aus dem Ruhrpott mit nach Köln genommen habe: Anderswo is‘ auch scheiße.