Befindet sich ein Drogenkonsumraum zu weit entfernt vom Treffpunkt der Szene, sinkt die Akzeptanz für das Angebot, sagen Experten.
Drogenpolitik in KölnStudie sieht Risiken beim Standort des Suchthilfezentrums

Das erste Kölner Suchthilfezentrum soll auf einer als Spielplatz ausgewiesenen Fläche am Perlengraben entstehen. Anwohner protestieren gegen den Standort.
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Im Pantaleonsviertel soll nach dem Willen der Stadt Köln das erste Suchthilfezentrum entstehen. Geplant ist der Bau auf einer Fläche am Perlengraben, die bislang als Spielplatz ausgewiesen ist. In der kommenden Woche soll der Stadtrat darüber entscheiden. Doch vor allem unter direkt betroffenen Anwohnern regt sich weiter erheblicher Widerstand. Sie befürchten, dass rund um die Einrichtung ein sogenannter Angstraum entstehen und sich der Drogenhandel hierhin verlagern könnte.
500 Meter als kritische Schwelle
Kritik gibt es zudem an der Standortwahl selbst. Nach bisherigen Planungen hatte die Stadt, wie berichtet, zunächst nach einer Fläche in unmittelbarer Nähe zum Neumarkt gesucht, dem zentralen Treffpunkt der Drogenszene. Später jedoch schwenkte die Stadtverwaltung auf den weiter entfernten Perlengraben um. Genau diese Distanz könnte sich noch als problematisch erweisen.
Darauf weist eine Sicherheitsstudie hin, die von der Stadt in Auftrag gegeben wurde. Ihr zufolge ist die Entfernung zum Szene-Treffpunkt entscheidend für die Akzeptanz des Angebots unter Schwerstabhängigen. Nach der Studie gelten 500 Meter als kritische Schwelle, 1000 Meter als Obergrenze. Jenseits dieser Distanz sinkt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass die suchtkranken Menschen das Angebot nutzen. Zwischen Neumarkt und Perlengraben liegen jedoch rund 1200 Meter.

Das Suchthilfezentrum soll auf einer Fläche am Perlengraben entstehen.
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„Wenn der Standort des Suchthilfezentrums zu weit vom Treffpunkt der Szene am Neumarkt entfernt liegt, droht er nicht hinreichend genutzt zu werden, weil die Drogenkonsumenten auf dem Weg quasi hängen bleiben und ihre Drogen im öffentlichen Raum konsumieren“, schreibt Professor Herbert Schubert vom Büro „Sozial-Raum-Management“, der die Studie verfasst hat. Besonders Menschen mit akuter Entzugssymptomatik seien auf eine schnelle Erreichbarkeit angewiesen. Die fußläufige Entfernung werde von den meisten Konsumenten „vermutlich gerade noch akzeptiert“.
Die Stadt Köln hat auf Anfrage dieser Redaktion eingeräumt, zunächst in einem Radius von rund einem Kilometer Luftlinie rund um den Neumarkt nach einem Standort gesucht zu haben. Später legte die Stadt einen anderen Maßstab bei der Entfernung zugrunde: „Aufgrund der Erkenntnisse aus kollegialem Austausch, wie zum Beispiel mit Zürich, und der Prüfung von fußläufigen Wegen wurde für die Entfernung nicht mehr die Luftlinie, sondern die konkrete Wegeverbindung zugrunde gelegt mit rund einem Kilometer, was maximal einem bis anderthalb Kilometern entsprach“, teilte eine Stadtsprecherin mit.
Stadt: Einziger geeigneter Standort
„Der einzige geeignete Standort, der die gewünschten Kriterien erfüllt und in diesem Umkreis gefunden wurde, war der Standort am Perlengraben mit 1,2 Kilometern Abstand vom Neumarkt“, so die Stadtsprecherin. Die Entfernung sei vertretbar, da der Weg durch die vorhandene Infrastruktur, mehrere Zuwege und den öffentlichen Personennahverkehr über die Haltestellen Poststraße und Severinstraße „gut zu bewältigen“ sei.

Diese Standorte für das Suchthilfezentrum hat die Stadt Köln untersucht.
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Professor Schubert weist in seiner Studie allerdings darauf hin, dass die Schwerstabhängigen gezielt geführt werden müssten, damit sie nur auf einem ganz bestimmten Weg über die Poststraße zum Suchthilfezentrum laufen. Er schlägt deshalb ein Leitsystem mit abstrakten Piktogrammen als Bodenmarkierungen vor. Entlang der Route sollen zudem niedrigschwellige Angebote geschaffen werden, um den Weg zum Zentrum attraktiv zu machen: Streetworker sollen Getränke ausgeben, und es soll eine medizinische Hilfe zur Wundversorgung geben. Reinigungs-Teams, die aus Drogenabhängigen oder ehemals Abhängigen bestehen, sollen täglich die Wege sauber halten, um die Akzeptanz in der Nachbarschaft zu erhöhen, heißt es in der Studie. In der Gesamttendenz handele es sich beim Pantaleonsviertel derzeit um „ein nahezu problemfreies Wohnquartier“.
Angebot soll für alle offen sein
Die Stadt will daran festhalten, dass der Drogenkonsumraum im Zentrum für alle volljährigen Menschen offen sein soll, die Drogen konsumieren – also auch für Menschen, die ihren letzten Wohnsitz nicht in Köln hatten. „Ansonsten könnten drogengebrauchenden Menschen ohne Wohnsitz in Köln sich gezwungen sehen, mangels Alternative in der Öffentlichkeit zu konsumieren. Das soll vermieden werden“, teilte die Stadtsprecherin mit. In Zürich, das von der Kölner Verwaltung wiederholt als Vorbild genannt wird, sind Suchthilfeangebote auf Menschen mit Wohnsitz in der Stadt begrenzt. Damit soll verhindert werden, dass Konsumenten gezielt aus anderen Kommunen anreisen oder zuziehen.
„Die Stadt Köln behauptet öffentlich immer wieder, es gebe keinen Pull- oder Magneteffekt. Gleichzeitig heißt es in einem früheren Ordnungspartnerschaftsvertrag, Nutzungsbeschränkungen seien notwendig, um eine Sogwirkung auf Konsumenten aus anderen Städten zu reduzieren“, sagt Andreas Zittlau von der Bürgerinitiative IG Pantaleonsviertel. Er sieht darin einen Widerspruch: Aus seiner Sicht räumt die Stadt damit selbst ein, dass ein solcher Magneteffekt zumindest nicht ausgeschlossen werden kann.
Ein Interimsangebot, um die Zeit bis zur geplanten Eröffnung des Suchthilfezentrums im August 2027 zu überbrücken, ist laut der Stadt Köln nicht geplant. „Ein Interim würde den Zeitplan möglicherweise nicht unterbieten und nur Ressourcen binden, die für die Umsetzung des Suchthilfezentrums benötigt werden“, so die Stadtsprecherin.
Die Grünen in der Bezirksvertretung Innenstadt haben am Donnerstag vorgeschlagen, zur Überbrückung der Zeit bis zur Eröffnung den früheren mobilen Drogenhilfebus wieder in Betrieb zu nehmen – mit erweitertem Abend- und Nachtbetrieb bis 24 Uhr sowie an Wochenenden. Zusätzlich soll die Stadt einen mobilen Dusch- und Waschbus nach Hamburger Vorbild einrichten.
Die IG Panteleonsviertel hat für Samstag (9. Mai) um 11 Uhr zu einer Demonstration gegen das Suchthilfezentrum aufgerufen, die am Kartäuserwall 30 beginnen soll. Die Bürgerinitiative „Südi bleibt solidarisch“ hat hingegen die Umsetzung des Baubeschlusses durch den Rat gefordert.

