Der Rat hat am Donnerstag beschlossen, zukünftig doch einen Ort im Rechtsrheinischen finden zu wollen. Damit stellt er den Neumarkt als Interimstandort für das Museum Selma dar.
Neues Migrationsmuseum SelmaLand sieht neuen Standort als „langfristige Lösung“, der Kölner Rat nicht

Das Museum Selma soll in das Haus des Rautenstrauch-Joest-Museums ziehen (Archivbild).
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Das Land und der Bund sehen den neuen Standort für das Migrationsmuseum Selma am Neumarkt als langfristige Lösung – der Kölner Stadtrat nicht. Der Rat hat am Donnerstag beschlossen, zukünftig doch einen Ort im Rechtsrheinischen finden zu wollen, so wie es mit den Hallen Kalk bis Dienstag geplant war.
Ein Sprecher des Kulturministeriums NRW aber sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf Anfrage: „Die Fördermittel für die Errichtung des Museum Selma stehen aufgrund einer klaren Zweckbindung (25 Jahre) nur für eine langfristige und tragfähige Standortlösung zur Verfügung, nicht für eine Übergangsimmobilie.“
Im Beschluss des Rates heißt es hingegen: „Sobald es die Rahmenbedingungen zulassen, erfolgt der Umzug des Museums Selma in einen Standort im rechtsrheinischen Köln, der eng mit der Geschichte der Migration in Köln verbunden ist.“
Damit stellt der Rat den Neumarkt als Interimstandort für das Museum Selma dar. Noch ist völlig unklar, wann das Selma in das Museumshaus am Neumarkt zieht und wie lange es dort bleibt.
Land und Bund hatten die Förderung des Museums Selma mit zusammengenommen 44 Millionen Euro zugesagt. Es sollte in den Hallen Kalk, den ehemaligen Industriehallen von Klöckner-Humboldt-Deutz an der Dillenburger Straße, entstehen. Die gehören der Stadt Köln, sie hätte keine direkten Kosten für das Museum getragen, außer das Grundstück zu stellen.
Baubeginn hätte 2027 sein sollen, Fertigstellung 2029. Aber der Trägerverein Domid hinter dem Migrationsmuseum hatte am Dienstag überraschend mitgeteilt, wegen gestiegener Baukosten doch nicht die Hallen Kalk nutzen zu können. Statt 44 sollte der Bau dort nun 77 Millionen Euro kosten. Für die Differenz wollen weder Bund, noch Land, noch Stadt aufkommen.
Damit das Migrationsmuseum trotzdem in Köln entsteht, hatte die Stadtverwaltung eine Alternative zu Kalk gesucht und das Haus des Rautenstrauch-Joest-Museums (RJM) am Neumarkt vorgeschlagen. Es soll vor allem in die Sonderausstellungshalle im Erdgeschoss ziehen.
Kölner Rat ergänzt Plan der Verwaltung um eine Reihe von Forderungen
Der Rat stimmte am Donnerstag dem Plan der Verwaltung weitestgehend zu. Laut Stadt und Domid drohen die Fördermittel zum Ende des Jahres auszulaufen. Von den 44 Millionen Euro hat der Verein in den vergangenen Jahren vier Millionen Euro ausgegeben.
Die Ratsfraktionen änderten aber einen vielleicht entscheidenden Punkt gegenüber dem Plan der Verwaltung: Sie wollen den Mietvertrag zwischen Domid und Stadt für das Museumshaus am Neumarkt ganz bewusst nicht „langfristig“ anlegen.

Eine Begehung der Hallen Kalk (70 und 71) im Jahr 2024, in denen das neue Migrationsmuseum Selma entstehen sollte.
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Der Rat forderte auch, die ehemalige Museumshalle in Kalk weiterhin auf irgendeine Art gemeinwohlorientiert zu nutzen. Was mit ihr geschieht, ist nun unklar. Die Verwaltung soll dazu Konzepte erarbeiten, um Selma auch im rechtsrheinischen Köln sichtbar zu machen, in Ergänzung zum Neumarkt. Auch das bleibt völlig unklar.
Die Stadt soll auch konkreter darlegen, wie der Wegfall der Sonderausstellungsflächen am Neumarkt kompensiert werde und das RJM weiter pädagogische Arbeit über den „Space for Kids“ leisten könne.
Domid-Sprecher Timo Glatz sagte am Freitag: „Die Landesregierung hat deutlich gemacht, dass sie einen zügigen Planungsfortschritt wünscht.“ Das Domid prüfe jetzt die weiteren Schritte, begrüßt aber den Beschluss des Rates, der zeige, dass er „geschlossen hinter dem Museum Selma in Köln steht“.
Politik sieht mehrere Konflikte in Lösung für das Museum Selma
Die Entscheidung im Rat fiel nach zwei Tagen intensiver Diskussionen in der Kölner Politik und Kultur (wir berichteten) und einer noch direkt vor der Abstimmung beantragten Sitzungsunterbrechung für die Beratung am Donnerstagabend.
Für die Politik ergaben sich mehrere Konflikte: Schwierig ist zum einen, dass in dem Haus am Neumarkt schon das RJM, das Museum Schnütgen, ein Forum der Volkshochschule und der Museumsdienst sitzen. Sie müssen Platz abgeben.
Zweitens ist für den Rat das Aus von Selma in Kalk ein Rückschritt für die kulturelle Entwicklung Kalks und des Rechtsrheinischen. Drittens besteht die Sorge, dass das Konzept des Museums Selma selbst zu sehr leidet.
Im Selma in Kalk sollte es viel Raum für Begegnung geben und die Ausstellung allein hätte 2650 Quadratmeter Platz gehabt, nach jetzigem Plan sind es 1300 am Neumarkt. Einen zentralen Platz sollte zum Beispiel ein von den Ford-Werken restaurierter originaler Transit bekommen. Mit ihm fuhr eine türkische Familie in den 1970er und 1980er Jahren durch Deutschland, dann fuhr das Auto mehrere hunderttausend Kilometer als Sammeltaxi durch Istanbul, bevor es ins Domid-Archiv kam. Der Transit war ein beliebtes Modell bei Arbeitsmigranten, die seit 1961 – dem Jahr, in dem Ford auch den ersten Transit baute – mit dem Anwerbeabkommen aus der Türkei vor allem nach NRW kamen.

