Als „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk aß Dietmar Bär regelmäßig Currywurst. Beim Interview entscheidet er sich lieber für ein vegetarisches Restaurant in Köln.
„Tatort“-SchauspielerDietmar Bär setzt auf wurstlosen Genuss in Köln

Dietmar Bär suchte sich für den Interviewtermin das Restaurant Osho's Place in Köln aus.
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In Köln eine Currywurst mit „Freddy Schenk“ essen gehen, das war die Idee – ein wenig wie im „Tatort“, wo er früher nach jedem Fall mit seinem Kollegen an einer solchen Bude endete. Aber darauf hat Dietmar Bär, der Darsteller des Kultkommissars, keine Lust.
Stattdessen schlägt er ein Treffen im vegetarischen Restaurant Osho’s Place vor, mitten im Belgischen Viertel, wo er bestens gelaunt ankommt – der Bart ein wenig länger, als man es aus dem Fernsehkrimi kennt, und das zunächst noch unter einer BVB-Kappe versteckte Haupthaar nicht ganz so kurz geschoren wie sonst.
„Ich wollte das Klischee ein bisschen brechen“
„Ich wollte das Klischee ein bisschen brechen“, erklärt Bär seine Restaurantwahl. „Natürlich denkt man, dass Dietmar Bär alias Freddy Schenk nur Currywurst isst. Dietmar Bär hat auch viel Currywurst gegessen in seinem Ruhrgebietsleben, auch in seinem Kölner oder Berliner Leben, aber das hier ist auch ein toller Platz, um mal anders zu essen“, so der Mann, der in Dortmund geboren wurde, in Bochum die Schauspielschule besuchte und heute in Köln lebt. Er gehe schon seit mehr als 30 Jahren immer wieder hier essen.

Als „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk aß Dietmar Bär regelmäßig Currywurst - jetzt kam er mit längerem Bart und neuen kulinarischen Vorlieben zum Termin.
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Auf der Tageskarte stehen an diesem sonnigen Märztag vegetarische Spaghetti Bolognese. Statt Service am Tisch ist hier Selbstbedienung angesagt, wir gehen also rein und stellen uns an. Unerkannt oder zumindest unangesprochen auf seine „Tatort“-Rolle bestellt der Schauspieler seine Pasta mit einem Salat als Beilage, dann setzen wir uns in einen von Pflanzen umgebenen Hinterhof, in dem neben einer Buddha-Statue sanft Wasser hinunterplätschert. Eine kleine Oase mitten in der Großstadt – wäre da nicht der Baulärm im Hintergrund.
Herr Bär, hier wurden Sie bisher nicht auf Ihre Rolle angesprochen. Aber können Sie sich nach fast 30 Jahren im Kölner „Tatort“ noch ungestört durch die Stadt bewegen?
Ich weiß, man hat immer diese Vorstellung von außen, dass das nicht geht. Aber wir könnten jetzt auch durch die Fußgängerzone gehen und es würde nicht viel passieren. Das geht hervorragend. Ich sehe ganz normal aus, ich benehme mich normal – hoffe ich zumindest – und somit ist das Leben hier als Kölner Bürger gut möglich. Aber das Nicht-erkannt-werden war vielleicht in den 90ern schon ein Grund, warum ich damals nach Berlin gezogen bin. Berlin ist ein Ozean, in dieser Stadt kann man verschwinden. Das lieben auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen, da wohnen ja bestimmt 80 Prozent meiner Zunft.
Wenn Sie denn angesprochen werden: Wie oft werden Sie Freddy Schenk statt Dietmar Bär genannt?
Das passiert natürlich sehr oft, aber das hängt auch mit der exponierten Sendeform des „Tatort“ am Sonntagabend zusammen. Wenn man ein Teil davon ist, ist man eben der „Tatort“-Kommissar für die Menschen und muss dann manchmal enttäuschen, weil man im normalen Leben keine Leute verhaften oder Fälle lösen kann, sondern auf der Straße einfach nur der ganz normale Schauspieler Dietmar Bär ist. Aber ich freue mich natürlich auch darüber, weil ich daran merke, wie gern die Leute uns im „Tatort“ zuschauen.
Sie sind lange zwischen Berlin und Köln gependelt, mittlerweile leben Sie nur noch in Köln. Wie kam es dazu?
Vor drei Jahren haben meine Frau und ich nach 28 Jahren das Pendeln eingestellt und sind komplett nach Köln gezogen. Es ist ja ein großes Privileg, in zwei so tollen Städten zu wohnen, aber dann tauchten so „Erste-Welt“-Probleme auf, dass genau die Schuhe, die man anziehen will, gerade in der anderen Stadt sind (lacht). Meine Frau und ich sind dann im Lockdown 2020 in Köln gestrandet und hatten ohnehin im Kopf, uns im nächsten Lebensabschnitt für eine Stadt zu entscheiden. Den Plan haben wir dann früher umgesetzt, und es war schnell klar, dass es Köln wird.
Wegen der „Tatort“-Drehs?
Ich sage immer gern: Wir sind jetzt im Spätherbst unserer „Tatort“-Zeit. Wir machen das jetzt seit 29 Jahren, dieses Jahr wird die 100. Folge gedreht, das wird irgendwann auch mal endlich sein. Unser Grundgedanke war also die Frage, wo man danach wohnen will. Berlin ist toll, aber wir hatten unsere Zeit da und daher war die Entscheidung schnell klar. Morgens aufzustehen und dann am Rhein Fahrrad zu fahren, das kann man in der Hauptstadt nicht.
Der neue Köln-„Tatort“ trägt den Titel „Showtime“
Dietmar Bär, im Gegensatz zu seinem manchmal etwas schroffen TV-Kommissar ganz herzlich und nahbar, startet gern so in den Tag, erzählt er. „Das ist ja eine der schönen Sachen ohne K von Köln.“
Bei den bekannten K’s, die viele mit Köln verbinden – nämlich Kirche, Karneval und Kölsch –, sei er hingegen raus, sagt der 65-Jährige lachend. Ihm fehle das Karnevals-Gen – in der Karnevalszeit „flüchteten“ er und seine Frau an andere Orte.

Szene aus dem „Tatort“: Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) fragen den Puppenspieler Yassins Meret (Erkan Acar) nach seinem Alibi.
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Mit dem Karnevalsende, dem Aschermittwoch, kehrte er dieses Jahr nicht nur nach Hause zurück, sondern begann auch, auf Alkohol und Zucker zu verzichten. Und merkt schon Effekte: „Man steht anders auf, andere Energien werden frei. Das ist schon sehr angenehm.“ Auf den Möhrenkuchen, der nach dem Essen zum Kaffee kostenlos angeboten wird, verzichtet er daher und nimmt nur einen Cappuccino.
Beim Kaffee spricht er dann über seinen neuen „Tatort“-Fall, der diesen Sonntag (12. April, 20.15 Uhr) ausgestrahlt wird und den Titel „Showtime“ trägt. Der Krimi führt seinen Kommissar und den Kollegen Ballauf (Klaus J. Behrendt) hinter die Kulissen einer seit Generationen beliebten Kindersendung – fast so kultig wie der „Tatort“, könnte man meinen. Schnell merken Ballauf und Schenk, dass es dort nicht so harmonisch zugeht wie auf dem Bildschirm, der Kinderstar entpuppt sich als cholerischer Chef.
Bär berichtet von unausstehlichen Zeitgenossen und großen Publikumslieblinge
Während Bärs Figur Schenk – bis dahin ein Fan der Kindersendung – entsetzt ist über die wahre Natur des Kinderidols, findet Darsteller Bär so ein Szenario gar nicht so überraschend: „Ich kenne es, dass man jemanden am Set erlebt und abends verhält der sich wie ausgewechselt. In meiner Branche gibt es da manchmal große Ambivalenzen“, sagt er und spricht von „berühmten Beispielen in der Unterhaltungsbranche, bei denen Menschen unausstehliche Zeitgenossen waren, aber trotzdem große Publikumslieblinge.“
Dabei zieht der Schauspieler, der auch gern liest und im März etwa beim Literaturfestival lit.Cologne auftrat, einen Vergleich zu Thomas Mann, der Schauspieler mal – wohl eher despektierlich gemeint – als „Glühwürmchen“ bezeichnete. Bär aber findet die Metapher von Schauspielern als „Glühwürmchen, die tagsüber völlig unscheinbar sind, aber dann abends in der Dunkelheit – also auf der Bühne – anfangen zu leuchten, poetisch und schön.
Damit kommt er wieder auf den Krimi zu sprechen. „Ich bin sehr zufrieden damit, was aus dem Film geworden ist, weil das einfach mal ein anderes Genre bedient und auch ein bisschen was über die Branche erzählt.“ Und etwas Selbstironie fehlt dem Film und seiner Figur dabei auch nicht.
Ich vermisse sozialkritische Fernsehspiele
An einer Stelle sagt Freddy Schenk im Krimi, dass es von lustigen, pädagogisch wertvollen Kindersendungen viel mehr geben müsste „als diese ewigen Krimis“ – zu denen ja auch der „Tatort“ zählt. Wie sehen Sie als Krimi-Darsteller das?
Ich werde das oft gefragt und muss immer sagen: Ich komme aus der „Tatort“-Ecke, den gibt’s seit 1970 am Sonntag und natürlich ist seitdem unheimlich viel an Krimis dazugekommen. Ich vermisse sozialkritische Fernsehspiele, die es in den 70er-, 80er- und 90er-Jahren im WDR noch viel mehr gab. Wenn ich mich so erinnere, war meine letzte Arbeit in dieser Richtung der Film „Kehrtwende“, da ging es um häusliche Gewalt. Der Film ist von 2011 – das beantwortet vielleicht die Frage. Ich drehe neben Krimis schon gern auch andere Dinge.
Da scheint Ihre Sicht als Schauspieler dann ja auf gewisse Weise mit der mancher Krimi-Kritiker übereinzustimmen.
So sehe ich das als Schauspieler. Aber ich sehe es auch als Gewerkschaftler, und da muss ich sagen: Es sind auch Arbeitsplätze für Schauspielerinnen und Schauspieler, wenn wieder ein neues Krimiformat aufgebaut wird. Und die Menschen lieben Krimis seit Ewigkeiten. Es interessiert uns, wenn einer den anderen erschlägt. Und der Täter ist meistens nicht einer, der im Busch sitzt, sondern das sind Leute, die „Hallo Liebling“ oder „Gute Nacht, Schatz“ sagen. Das ist das Spannende daran, und diese Faszination geht natürlich weiter.

Statt Currywurst gibt es für Dietmar Bär im Osho's Place vegetarische Spaghetti Bolognese und Salat.
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Bedient wird diese Faszination auch von ihm als Freddy Schenk, der dreimal im Jahr auf dem Bildschirm ermittelt und mit Kollege Ballauf in Sachen Fallzahlen in den nächsten ein, zwei Jahren das Münchner „Tatort”-Duo überholen dürfte, das aktuell den Rekord hält: Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) waren an Ostern gerade in ihrem 100. und letzten Fall zu sehen, bei Bär klingt es nicht so, als ob nach dem 100. Kölner Fall Schluss sein wird.
Die „Wurstbraterei“ am Rhein steht heute in einem Museum
Dafür endet dieses Mittagessen: Die vegetarische Pasta ist aufgegessen, der Cappuccino ausgetrunken und das Currywurst-Klischee erfolgreich abgewendet. Und sowieso: Das Currywurst-Ritual ist seit ein paar Jahren nicht mehr im Kölner „Tatort“ zu sehen – weil die berühmte „Wurstbraterei“ am Rhein, an der sich Ballauf und Schenk immer trafen, 2020 von den Eigentümern aufgegeben wurde und jetzt im Freilichtmuseum Kommern in der Eifel steht.
Ein neues Ritual haben die Kommissare bisher nicht so richtig etabliert. Aber vielleicht essen sie in ihrem letzten Fall ja nochmal Currywurst, vielleicht sogar eine vegetarische.
Dietmar Bär und die Reporterin haben beide vegetarische Spaghetti Bolognese mit Beilagensalat (zusammen 25 Euro) gegessen. Die Reporterin trank ein Wasser dazu (3,30 Euro), hinterher gab es noch einen Cappuccino (3,50 Euro) und einen Espresso macchiato (2,70 Euro). Die Gesamtrechnung betrug somit 34,50 Euro.

