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Benjamin Grosvenor in der PhilharmonieKein Schongang für den Kölner Flügel

3 min
Benjamin Grosvenor

Der britische Pianist Benjamin Grosvenor

Unter den Vorzeichen des Fantastischen begeisterte der britische Pianist Benjamin Grosvenor in der Kölner Philharmonie unter anderem mit Ravels „Gaspard de la nuit“.

Das Fantastische ist eine zentrale Idee der Romantik, der literarischen wie der musikalischen, und hier ganz besonders der pianistischen. Benjamin Grosvenor, kurzfristig für die erkrankte Beatrice Rana eingesprungen, hatte seinen Klavierabend in der Philharmonie unter diesen Leitgedanken gestellt, der ihm ein weites Feld an Repertoire-Möglichkeiten eröffnete – mit Robert Schumanns C-Dur-Fantasie und Maurice Ravels „Gaspard de la nuit“ als Eckpfeilern. Schumanns selig-selbstverlorenen Tagträumen standen die Alpdruck-Visionen entgegen, zu denen sich Ravel durch nachtschwarze Prosagedichte des französischen Romantikers Aloysius Bertrand inspirieren ließ.

Glänzend wie das Frosting auf der Torte

Nun mag man einwenden, dass diese Hell-Dunkel-Polarität die Sache zu sehr vereinfache – zugegeben, aber in Grosvenors Spiel war sie dennoch deutlich angelegt. Seine Schumann-Interpretation zeigte sich von klaren Klangverhältnissen geprägt; die rechte Hand sang mit starker, dominanter Linie, die linke formte ebenmäßige Begleitfiguren. Wo Schumanns Klaviersatz orchestral wird, sorgte Grosvenor zuverlässig für gelösten Schwung. Auf einem saftigen, gut gefederten Bassfundament errichtete der Brite ein sinnig austariertes Klanggebäude, über dem das glockenhelle Diskant-Finish des philharmonischen Steinways glänzte wie das Frosting auf der Torte.

Vor die Fantasie hatte Grosvenor mit Schumanns „Blumenstück“ ein anmutiges, aber etwas fades Nebenwerk gesetzt, das sich eher für den Unterricht oder die Hausmusik eignet als für das Konzertpodium. Auch hier setzte sich die kantable Oberstimme markant gegen die Begleitung ab und drang mit bemerkenswerter Leuchtkraft in den Saal, aber so ganz konnte die Verwandlung der kleinen blauen Blume in ein repräsentatives Prachtbukett doch nicht überzeugen.

Das Dekadente befeuert Grosvenors Gestaltungskräfte

Grosvenors kraftvoll-kerniges Spiel war auch definitiv kein Schongang für den Flügel, der sich bereits zur Mitte der ersten Halbzeit in der eingestrichenen Oktave merklich verstimmt zeigte. Das wurde natürlich in der Pause behoben; bei Alexander Skrjabins zweiter Klaviersonate („Sonate-fantaisie“) war dann wieder alles in bester Ordnung. Man hatte den Eindruck, dass diese ins Dekadente und Überreife tendierende Klangwelt die Gestaltungskräfte des Pianisten mehr befeuerte als die deutsche Romantik; man spürte förmlich sein Behagen, die kunstvoll ineinandergreifenden, rhythmisch verschleierten Stimmen des Kopfsatzes frei zu führen und zu modellieren.

All das war aber letztlich nur Vorspiel zum großen Finale, Ravels „Gaspard de la nuit“, den man mit dieser unanfechtbaren Virtuosität, dieser äußersten Präzision bis ins letzte Detail hinein kaum je gehört hat. Die schimmernden Wasser-Reflexionen der „Ondine“, die schaurig-durchdringende Totenglocke in „Le gibet“, die bizarren Sprünge des Feuerteufels „Scarbo“ – Grosvenor führte das alles mit völliger Mühelosigkeit vor, gestochen klar in den Repetitionen, überlegen in der Klangdisposition, die bis in die ekstatische Entgrenzung hinein nie die Balance verlor. Dem nachvollziehbaren Jubel folgten noch eine duftige Moszkowski-Etüde sowie, in feinsten Sprühnebel getaucht, Ravels „Jeux d’eaux“.