Abo

Riccardo Minasi in der PhilharmonieMahlers Welt in ihrem ganzen Schrecken

3 min
Dirigent Riccardo Minasi

Dirigent und Violinist Riccardo Minasi

In der Kölner Philharmonie präsentierte der italienische Dirigent Riccardo Minasi mit dem Mahler Chamber Orchestra Mahlers Dritte.

Der Geiger und Dirigent Riccardo Minasi kommt von der historischen Aufführungspraxis her, repertoirebezogen also: aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Von dort bis zu Mahler ist es musikgeschichtlich ein weiter Weg. Kann das funktionieren? Nun ja, immerhin ist zu erwägen, dass es zwischen der musikalischen Figurenlehre der Barockzeit und Mahlers vokabularem Musikdenken – mit idiomatischen Verfestigungen bei Charakteren wie Marsch, Choral und Walzer – Korrespondenzen gibt, mögen sie auch noch so indirekt sein.

So ist es vielleicht doch kein Wunder, dass die Annäherung an Mahler auch im Fall von Barock-Adepten erfolgreich sein kann. Philippe Herreweghe ist ein Beispiel dafür, Minasi – ausweislich der Aufführung der dritten Sinfonie mit dem Mahler Chamber Orchestra in der Kölner Philharmonie am vergangenen Sonntag – ein weiteres. Die Klangvorstellung des Italieners fußt, das merkte man sofort, nicht in der Romantik. Dieser Mangel (wenn es denn einer ist) wurde indes satt ausgeglichen durch eine bemerkenswert fokussierte Schlankheit, ein Luzid-Schmerzhaftes der Formung. Die auf einer dissonierenden Leitton-Septime landende Fanfare der Trompete im ersten Satz etwa verlor hier jede Beiläufigkeit, wurde zum Ereignis im Hier und Jetzt. Die Marschpassagen kamen mit niederwalzender Brutalität, da offenbarte sich die von Mahler erschaffene Welt in ihrem ganzen Schrecken.

Minasi neigt nicht zu Exzessen der Dynamik

Minasi neigt im Ganzen sicher zu zügigen Tempi, keineswegs aber zu Exzessen der Dynamik – das Bedürfnis, Ohrenschützer aufzusetzen, dürfte sich diesmal bei den wenigsten Philharmonie-Besuchern eingestellt haben. Immer wieder – etwa im charmant intonierten zweiten Satz – lenkte das Dirigat in die kammermusikalische Reduktion, und das chaotische Auseinanderfallen der Struktur. Die Dissoziation der instrumentalen Stimmen im Dritten geriet in der Performance keineswegs chaotisch, sondern in jeder Hinsicht genau und konzis.

Der Lackmustest für jede gelingende Mahler-Deutung ist freilich die Frage, wie sie es mit der Ironie, dem Uneigentlichen des Komponisten, hält. Im Fall der Dritten stellt sie sich verschärft anlässlich der Posthorn-Episode – formal: des Trios – im dritten Satz. Wer sie banal und trivial findet, mit ihr nichts anfangen kann und beflissen über sie hinwegspielen lässt, hat da schon verloren. Ja, sie war auch diesmal – mit dem aus dem Backstage-Bereich der Philharmonie erklingenden Flügelhorn – genau das: banal und trivial, gleichsam die musikalische Version von abgesungenen und abgesunkenen Eichendorff-Versen.

Posthortepisode: Banal und trivial

Dennoch konnte die Aufführung den (freilich schwer begründbaren) Eindruck vermitteln, dass sich diese Banalität zu ihrem eigenen Jenseits hin öffnet – das vollends Banale wird gleichsam zum Einfallstor seines eigenen Gegenteils, des „ganz Anderen“. Die weitgespannten kantablen Bögen des sechsten Satzes, seine dank genauer Phrasierung nie vom Einsturz bedrohte unendliche Melodie funktionierte dann auch ohne Ironie. Da lief Minasi übrigens zu bemerkenswerter Inbrunst auf.

Das durch die MCO Academy stark aufgestockte Mahler Chamber Orchestra – Kammerorchester und Mahler schließen ja eigentlich einander aus – folgte dem Dirigat souverän und hellwach, durch alle Gruppen hindurch großartig in Tongebung und Artikulation. Überzeugend gestaltete auch die Mezzosopranistin Marianne Crebassa das „Trunkene Lied“ aus Nietzsches „Zarathustra“, der Instrumentalbegleitung des vierten Satzes gleichsam in Trance nachhorchend. Die Chorakademie des Konzerthauses Dortmund gefiel durch die jugendfrisch-direkte Ansprache im fünften Satz, dem die Knaben mit ihrem „Bimm-Bamm“ noch eine willkommen metallische Farbe beimischten.