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Concertgebouw in KölnPhänomenaler Konzertabend trotz eines Notfalls im Publikum

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Ein Mann dirigiert ein Orchester.

Der designierte Chef des Concertgebouw-Orchesters, Klaus Mäkelä, dirigiert Bruckners achte Sinfonie in der Kölner Philharmonie.

Dirigent Klaus Mäkelä und das Concertgebouw-Orchester begeisterten mit Bruckners achter Sinfonie. Im Publikum kam es zu einem medizinischen Zwischenfall.

Keine Frage, wenn die Alternative „Kunst oder Leben?“ lautet, hat die Kunst zurückzustehen – auch wenn der Augenblick dieser Forderung für die Kunst ein denkbar ungünstiger ist. Beim Konzert des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters unter seinem designierten Chef Klaus Mäkelä in der Kölner Philharmonie trat er in der triumphalen Coda des Finales aus Bruckners achter Sinfonie ein – auf dass große Teile des darob abgelenkten Publikums die gigantische Themenkombination auf der vorletzten Partiturseite wohl kaum mehr mitbekamen.

In einer der vorderen Reihen von Block B hatte eine Besucherin einen Kreislaufkollaps erlitten – woraufhin sogleich zahlreiche Helfer aktiv wurden, die die Dame aus ihrem Sitzplatz befreiten und fürsorglich auf dem Boden des Zwischengangs niederließen – bevor sie dann aus dem Saal transportiert wurde. Wie zu hören ist, geht es ihr mittlerweile wieder gut – was freilich niemand voraussehen konnte. Wo es passierte, da etablierte sich jedenfalls eine Unruhe- und Geräuschquelle, die auch die Musiker irritierte. Der Dirigent indes, hundertprozentig auf seine Sache konzentriert, schien nichts mitzubekommen, brach also auch nicht ab. Aber hätte man diesen Abbruch auf den letzten drei, vier Minuten erwarten oder gar verlangen können und sollen?

Ein erwartbar herausragender Abend

So oder so war es ein – erwartbar – herausragender Abend des Weltspitzen-Orchesters unter dem Finnen am Pult, der – woher sonst? – aus der legendären Schule des Dirigentenmachers Jorma Panula kommt und von daher einen Ansatz der Bruckner-Interpretation mitbringen mag, der sich von deutsch-österreichischen Traditionen unterscheidet. Es geht da nicht um den Weihrauchnebel aus Sankt Florian, und auch mit den programmatischen Anmutungen vom Drei-Kaiser-Treffen über deutschen Michel bis zur Todesverkündigung wird Mäkelä vielleicht nicht so viel anfangen können. Er ist vielmehr ein musikalischer Architekturbildner, der die Bausteine der Sinfonie mit einer zwingenden und konzisen Dramaturgie zum Ganzen fügt. Tatsächlich legt sich ja über die vier Sätze ein dichtes Geflecht motivisch-thematischer Verbindungen – etwa der kleinen Sekunde oder des viertönigen Quartabstiegs in ihrer strukturbildenden Kraft.

Das alles will hörbar gemacht werden – wohlgemerkt unter einem großen Bogen, ohne didaktische Detail-Pusselei. Mäkelä kriegt das trotz seines vergleichsweise jugendlichen Alters imposant hin, übrigens bei durchaus überschaubarem Körpereinsatz. Nur manchmal fordert er nachdrücklich Energie und Input ein – etwa wenn er im Scherzo von den Bässen die entsprechende Demonstration des notorischen fünftönigen Leitmotivs fordert. Das muss auch so sein, der motorische, sich nahezu in sich selbst verbeißende Drive des Hauptteils darf auf keinen Fall verloren gehen.

Das Orchester folgt dem designierten Chefdirigenten

Mäkela betont, wie gesagt, die Motiv- und Klangarchitektur des Werkes. Er fällt dabei aber keineswegs in den Modus einer distanzierten Sachlichkeit. Seine Interpretation macht die Musik allemal „sprechen“, schafft auch Raum für Assoziationen und Anmutungen. Da sind zum Beispiel die berühmten Bruckner’schen Himmelsleitern, die zum Motor großer, hier mit bannender Gewalt exekutierter  Steigerungen und Aufgipfelungen werden. Auf sie folgt in der Coda des ersten Satzes ein hier genauso eindringlich zelebrierter Zerfall – ganz anders als dann am Schluss des letzten Satzes. Das alte ideenmusikalische „Per aspera ad astra“ ist dem Dirigenten mehr als nur äußerlich geläufig, mag man es nun einer religiösen Dimension zuordnen oder nicht.

Das Orchester scheint sich auf den Neuen rundum eingelassen zu haben, es setzte seine Direktiven kongenial um. Die Performance war dabei, von ein paar Wackeleien und unzuträglichen Überlagerungen der melodieführenden ersten Violinen durch die Power des Apparats abgesehen, wieder einmal superb. Das hat natürlich auch, was sonst, mit Technik zu tun. Ihre butterweichen Einsätze muss den Hörnern mal jemand nachmachen. Die warme Dichte des Streicher-Cantabile lullt den Hörer schier ein, und wenn’s im Scherzo-Trio, in die Idylle des ländlichen Österreich geht, dann wird da suggestiv eine Lebensform beschworen, die es nie gegeben hat. Aber auch das ist große Kunst und ihre große Deutung: die Erschaffung einer Welt, die es nicht gibt.