Das Arp-Museum in Remagen widmet Günther Uecker eine Werkschau und zeigt, dass dieser mehr konnte als den Hammer schwingen.
Günther Uecker im Arp-MuseumDas Terrororchester und sein Dirigent

Günther Ueckers „Waldgarten“ ist derzeit im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen.
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn/Jan Liegeois
Für einen Hammer sieht die Welt bekanntlich nach einem Nagel aus, aber was sah ein Nagel im hämmernden Günther Uecker? Sicherlich nicht die Gelegenheit, ganz groß herauszukommen, denn der im vergangenen Jahr verstorbene Künstler verbrauchte sein bevorzugtes Arbeitsmaterial in Hunderter-Packungen. Eher verband er mit ihm die Aussicht, Teil von etwas Besonderem zu sein – und mehr als gehärtetes Metall.
Uecker entdeckte im Nagel eine Vielfalt, die sich dieser gar nicht zugetraut hätte. In seinen Nagelbildern und benagelten Skulpturen konnten die Stahlstifte das Licht verwirbeln, die Form eines Stoppelfelds annehmen, tote Baumstümpfe zum Blühen bringen, etwas Verletzliches einigeln oder als Schimmel über die Altäre der Konsumgesellschaft kriechen. Heute muss man sich mühsam in Erinnerung rufen, dass seine stacheligen Fernseher und Klaviere in den 1960er Jahren empörte Blicke auf sich zogen. Dabei waren seine „Übernagelungen“ alltäglicher, aber für Normalverbraucher oft unerschwinglicher Gebrauchsgegenstände reiner Kapitalismus: schöpferische Destruktion. Man kann es den Preisen seiner Frühwerke mittlerweile ablesen.
Auch das Arp-Museum zeigt Nägel in all ihren Erscheinungsformen
Auch in der kleinen Uecker-Werkschau im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck darf ein „TV auf Tisch“ aus dem Jahr 1963 nicht fehlen: Die Nägel ziehen sich im Entree zur Ausstellung über ein geschwungenes Tischbein und verleihen dem darauf drapierten Fernsehgerät einen in jedem Jahrzehnt unmodischen Stoppelschnitt. Gleich daneben spielt ein Mitglied aus Ueckers „Terrororchester“ auf, eine benagelte Nähmaschine, die, durch einen Fußschalter in Gang gesetzt, zur Krachmaschine wird und zugleich eine am Bindfaden aufgehängte Nadel tanzen lässt. Sein Orchester schickte Uecker im bewegten Jahr 1968 in den Kampf gegen die bürgerliche Musikstunde. Die in Remagen ausgestellte „Tanzende Nadel für Pina Bausch“ entstand erst 2019 – als doppelte Hommage an die Wuppertaler Choreografin und das eigene Frühwerk.
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Am Nagel in all seinen Erscheinungsformen kommt keine Uecker-Ausstellung vorbei, und doch versucht die Kuratorin Jutta Mattern den Düsseldorfer als ganzheitlichen Künstler vorzustellen. Sie rollt große Textilarbeiten aus, hat eine von Ueckers buddhistischen Sandmühlen installiert, widmet sich seinen Pfeilbildern, seinen zerbrochenen Holzleinwänden, zeigt einen monumentalen „Lichtbogen“ aus einer zu seinen Schweriner Kirchenfenstern entstandenen Serie – und betont das Malerische seiner geweißten Nagelbilder und Nagelreliefs. Für Mattern ist Ueckers großes Thema die „Verletzbarkeit des Menschen durch den Menschen“ – ein Uecker-Zitat, bei dem man sich fragt, ob er Hammer und Nagel dabei gedanklich aus der Hand legte.

Günther Uecker mit seiner „Geheimnisskulptur“
Copyright: Uecker-Archiv / VG Bild-Kunst, Bonn
Als „Nagelkünstler“ hauchte Uecker dem toten Material poetisches Leben ein, indem er die Nägel zu Kreisen, Spiralen oder Wellen hämmerte und ihnen mit weißer Farbe die Schwere nahm. Mitunter wiegen sich seine Nägel wie Halme im Wind, das Harte wird biegsam, es strömt und wirft malerische Schatten auf die ebenfalls geweißte Holztafel. Um die Verletzlichkeit des Materials geht es dabei eher nicht – man hört bei Uecker weder die übernagelten Gegenstände noch die in Holztafeln getriebenen Reliefs schreien. Selbst ein Himmel aus Nägeln, den Uecker als Baldachin für ein Bett schuf, hängt nicht als dunkle Wolke über dem Schlafenden. Sein „Bett zum Aufwachen“ ist eine Ikone des Arp-Museums im Bahnhof Rolandseck; Uecker schuf es 1965 für Johannes Wasmuth, als dieser aus dem verfallenen Ausflugsziel einen Künstlertreff machte.
In den 1980er Jahren schuf Uecker dann Textilwerke, die ihre erlittenen „Verletzungen“ bereits im Titel tragen. Uecker zerriss dafür Leinwandstoffe und zerbrach die Keilrahmen, um die einzelnen Stücke wieder miteinander zu verflechten, zu verknoten und manchmal auch zu vernageln. Wie Alberto Burri auf seinen Stoff- und Sackcollagen (gerne mit rostigen Nägeln) stellte Uecker hier die vernarbten Wunden einer Kunst aus, die das menschliche Leid (gebrochene Knochen, zerfetzte Leiber) auf verletzliche Stoffe überträgt – und gleichzeitig die gegen sich selbst ausgeübte Gewalt des Menschen darin aufbewahrt.
Ueckers „Pfeilbild“ ist eine abstrakte Erinnerung an den Heiligen Sebastian
Für sein 1971 entstandenes „Pfeilbild“ schoss Uecker mit Holzpfeilen auf eine weiße Leinwand – als abstrakte Erinnerung an das biblische Martyrium des Heiligen Sebastian. Dieses Thema ließ ihn lange nicht mehr los: Mit seiner „Geheimnisskulptur“ (1982), einer von Pfeilen durchbohrten Stele, um deren Körper weißer Stoff gebunden ist, ging Uecker sogar auf Reisen. Sie lässt sich zusammenrollen und in einer Hülle transportieren; in dieser Form ist sie im Arp-Museum zu sehen.
Am weitesten entfernte sich Uecker vom Klischee des „Nagelkünstlers“ vielleicht mit bemalten Stoffvorhängen wie „Große Zeichnung“ und „Brief an Peking“ – beide Werke entstanden in den 1990er Jahren. Die riesige, teils mit den Händen gemalte „Zeichnung“ ähnelt den Mustern eines Tierfells (oder der Topografie einer Landschaft), im „Brief an Peking“ stehen, durch Verschmierungen beinahe unleserlich gemacht, zentrale Passagen aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Der drei mal fünf Meter messende Brief wurde in China zugestellt, die Botschaft glich einem Schmuggelgut.
Jutta Mattern zeigt im Arp-Museum knapp 50 Werke, zu wenig, um die Vielfalt des Uecker’schen Schaffens auszuschöpfen, aber mehr als genug, um dem „Nagelkünstler“ etliche (verschattete) Facetten zurückzugeben. Am Ende des Parcours passiert man zwei weitere Krachmaschinen, eine „Tuchplastik“, die sich drehend in einen Derwisch verwandelt, und ein Beet aus Weidenruten, die tot wie Eisenstäbe in der Erde stehen, aber im Verlauf der Ausstellung austreiben werden.
Im Übergangsbau bei den Aufzügen sollte man dann noch mal den Blick nach hinten wenden: Auf einem Bildschirm läuft der Film „Die Treppe“, in dem Uecker 1964 den Bahnhof Rolandseck mit einer Nagelspur für die rheinische Kunstszene in Besitz nahm. Die Aktion gehört zum Gründungsmythos des Arp-Museums – und beweist, dass Handwerk selbst in der modernen Kunst goldenen Boden hat.
„Günther Uecker: Die Verletzlichkeit der Welt“, Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1, Remagen, Di.–So., 11–18 Uhr, 8. Februar bis 14. Juni 2026. Eröffnung: So., 11 Uhr. Katalog: 39,80 Euro

