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Kölner Filmverleih Real Fiction30 Jahre Liebe zur seltsamen Wirklichkeit

4 min
Frauen betrachten Kartons in einem Regal.

Szene aus „Die Möllner Briefe“ vom Kölner Filmverleih Real Fiction

Der Kölner Filmverleih Real Fiction wird 30 Jahre alt. Ein Blick in die große, spannende Welt des Dokumentarfilms. 

Am Anfang des Jahres 1996 ist die Welt des Kinos noch weitgehend analog. Sicher, es gibt bereits Filme mit spektakulären Digitaleffekten, „Terminator 2“ und „Jurassic Park“ etwa, und auch beim Ton kommt verstärkt der Einsatz digitaler Aufnahme- und Verarbeitungsverfahren zum Einsatz. Der fertige Film aber ist immer noch ein kilometerlanger Streifen, von dem 24 Einzelbilder pro Sekunde durch den Projektor spulen. Damit das geht, muss vom Negativ eine 35-mm-Positiv-Kopie gezogen werden, was teuer ist und aufgrund hoher finanzieller Vorleistung für einen Filmverleiher, der nicht mit Blockbuster-Produktionen operiert, ein riskantes Geschäftsumfeld darstellt. Und doch gründet sich im Februar 1996 in Köln ein Filmverleih mit einer exotischen Geschäftsidee – Dokumentarfilme ins Kino bringen. Entsprechend benennt sich der Verleih: Real Fiction.

Plötzlich wurde Dokumentarfilm auch als Genre spannend, weil er die Mittel des Kinos nutzte
Joachim Kühn, Real Fiction

Joachim Kühn ist Geschäftsführer des Verleihs seit der Gründung. Er organisierte auch die erste Real-Fiction-Premiere im Konzertsaal des Stadtgartens, die Filmdokumentation „Jean Seberg – American Actress“ von Fosco und Donatello Dubini, begleitet von Philippe Garrels Stummfilm „Les Hautes Solitudes“. „Die Anfänge eines Kölner Independent-Verleihs“, sagt Kühn, „entstanden aus aktiver Kinoarbeit, konkret aus dem Filmclub 813, bei dem ich zu den Gründungsmitgliedern zählte, und aus der von Stefan Holl initiierten Filmreihe ‚Hongkong in Action‘, wo etwa die frühen Filme von John Woo gezeigt wurden.“

Während Holl seine Ambitionen im Spätsommer des gleichen Jahres mit einem eigenen Verleih, Rapid Eye Movies, verfolgt, setzt Joachim Kühn auf dokumentarisches Kino; in den 90er Jahren erlebt dieses eine drastische Abkehr von der strengen Formgebung des Cinema Verité mit seinem puristischen Wirklichkeitsblick. „Plötzlich wurde Dokumentarfilm auch als Genre spannend, weil er die Mittel des Kinos nutzte“, beschreibt Kühn die Aufbruchstimmung jener Tage. „Ein relevanter Protagonist damals war der Amerikaner Errol Morris, der in ‚The Thin Blue Line‘ einen bis dahin ungelösten Mordfall aufrollte und das wie einen Thriller in Szene setzte. Solch ein Ansatz war zuvor verpönt.“

Joachim Kühn und Dirk Steinkühler stehen vor ihrem Kino.

Joachim Kühn (rechts) mit Geschäftspartner Dirk Steinkühler

Neue Horizonte brauchen dennoch auch selbsterhaltende Rahmenbedingungen. Die schuf man sich durch produktorientierte Vernetzung: „Wir zogen fünf bis zehn Kopien für genau so viele Kinos, wie wir sicher waren, dass sie unsere Filme auch spielen, an ihnen interessiert sich und ihnen in den entsprechenden Städten Relevanz verschaffen. Letztlich geht es um Zielgruppenarbeit: Wo gibt es interessierte Leute und wie erreicht man diese?“ Damals wie heute operiert man bei Real Fiction mit kleinen Budgets beim Einkauf und kann deshalb schon mit vergleichsweise kleinen Einnahmen Gewinne verbuchen. Mindesthürden gibt es aber auch dabei, so Kühn: „Zwei Wochen sollte ein Film mindestens in einem Kino laufen.“

Im Kern hat sich seither wenig geändert. Zwar gibt es keine Kosten mehr für Kopien und Transport, dafür verhärtete sich der Konkurrenzkampf durch immer neue Kleinstverleihunternehmen, die sich ebenfalls auf dem Markt positionieren wollen. Bei Real Fiction schaffen Joachim Kühn und sein langjähriger Partner Dirk Steinkühler ihren eigenen Markt. Der erste Schritt ist ein eigenes Kino, die Filmpalette. 1996 ruft man mit Stranger Than Fiction auch schon ein Festival für Dokumentarfilme ins Leben.

Rund 350 Filme hat Real Fiction bislang in die Kinos gebracht

Mit der Gründung der Kinogesellschaft Köln erweitert sich die unternehmerische Bandbreite. Kühn und Steinkühler bespielen das Kino im Filmhaus an der Maybachstraße, außerdem organisieren sie Open-Air-Aufführungen zwischen Saturn und Media Park und die Kölner Kinonächte, operieren als Servicefirma für Verleiharbeit, etwa in sozialen Medien. Ein weiterer Schritt wird mit dem Verleih Cologne Cine Collective vollzogen, in dem Produktion und Verleih enger und möglichst ohne Fremdgesellschafter verknüpft werden.

Rund 350 Filme hat Real Fiction bislang in die Kinos gebracht, zuletzt bis zu 15 Titel im Jahr. Zur inhaltlichen Klammer der ersten 30 Verleihjahre wurde die Grünen-Politikerin Petra Kelly. Sie war 2001 Protagonistin in Thomas Imbachs dokumentarischem Spielfilm „Happiness Is A Warm Gun“, 2025 lief bei Real Fiction „Petra Kelly – Act Now“. Den größten kommerziellen Erfolg bescherte dem Verleih im Jahr 2009 „Die Anwälte – Eine deutsche Geschichte“ von Birgit Schulz. Zur Premiere stellte sich die besondere Herausforderung, die ehemaligen, zwischenzeitlich politisch entfremdeten Otto Schily und Hans-Christian Ströbele gemeinsam zu einer Veranstaltung erscheinen zu lassen.

2010 wurde Real Fiction für besondere Leistungen bei der Verbreitung künstlerisch herausragender Filme vom Bundesministerium für Kultur und Medien mit dem Verleiherpreis ausgezeichnet. Besondere regionale Erfolge errang der Verleih 2016 mit „Am Kölnberg“ über die Hochhaussiedlung in Meschenich sowie zwei Jahre später mit „Draußen“ über Obdachlose im Kölner Stadtbild. Weit über 5000 Menschen sahen diese Filme allein in Köln. Wenn so viel mit kleinen Mitteln erreicht wird, hat das Streben nach Relevanz seinen Zweck erfüllt.