In „Vaterland“ rechnet Dieter Bongartz mit seiner Familie ab. Zehn Jahre nach seinem Tod hat der März-Verlag den Roman herausgebracht.
Literatur-WunderZehn Jahre nach dem Tod dieses Kölner Autors erscheint sein Familienroman

Dieter Bongartz leitete die Kölner Schreibschule der SK Stiftung Kultur. Hier ist er mit Jugendlichen im Literaturhaus zu sehen. Er starb im November 2015.
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Es ist ein kleines Wunder: In einer Zeit, da kaum noch wer liest und Künstliche Intelligenz den Wert von Literatur zerbröselt, als seien Gedanken bloß Nullen und Einsen, erscheint im März-Verlag ein schwieriger Roman eines vor zehn Jahren gestorbenen, weithin unbekannten Kölner Schriftstellers. Es heißt „Vaterland“ und stammt von Dieter Bongartz. Der hatte eher als Drehbuchautor und Filmemacher einen Namen, schrieb Gedichte, Kinderbücher und sozialkritische Dokumentationen und leitete die Kölner Schreibschule für Jugendliche und junge Erwachsene. Bongartz, der am 18. November 2015 in Köln starb, beschäftigte sich so zuverlässig mit Menschen, die am Rande stehen, wie er bürgerliche Vorstellungen von gutem Leben unterlief.
Konsequente Suche nach biografischen Bruchstellen verband Bongartz in seinen Arbeiten mit konsequentem Widerstand gegen Konformität. Beides offenbart sich in seinem Vermächtnis in einem zarten wie brutalen Gedankenstrom. „Vaterland“ ist eine Familienerzählung angesichts einer unheilbaren Krebserkrankung des Autors, die keinen schont. Nicht die Familie, die dem ewigen Irrtum unterliegt, dass es früher „besser, menschlicher, gesitteter, harmonischer“ zugegangen sei, vor allem nicht seinem Vater, der im Leben nach einem Kopfschuss mit halbseitiger Lähmung von der Ostfront zurückkehrt und im Roman als halbseitig gelähmter Kriegsveteran lieber verdrängt und sein Ego in vermeintlichen Heldentaten sonnt als zu reflektieren, welch menschenverachtendem Wahn er sich hingegeben hat. Und auch nicht sich selbst: Im Angesicht seines bevorstehenden Todes begreift der Erzähler, wie fremd er sich selbst gegenüber gewesen sei, dass „Ironie Feigheit bedeutet, Bequemlichkeit, Rückzug“ und er sich allzuoft vorgemacht habe, ein freier, unabhängiger Mensch zu sein (, dabei aber mit seinen linken Positionen in seiner Dogmatik und Unerbittlichkeit oft ähnlich engstirnig wie die verhassten Faschisten gewesen sein könnte).

Der Kölner Autor Dieter Bongartz wurde 62 Jahre alt. Zehn Jahre nach seinem Tod hat der März Verlag einen erstaunlichen Roman von ihm veröffentlicht.
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Auch für die Lesenden ist „Vaterland“ erst mal eine Zumutung: Da breitet ein Unbekannter das Panorama der oft beschriebenen deutschen Mitläuferfamilie aus. Da arbeitet sich ein Sohn am Nazivater ab (gähn). Tonnenschwer drücken die ersten Seiten auch, weil Bongartz Gedankenbruchstücke einflicht, Liedzeilen und groteske Bilder, Ironie und Überzeichnung mischt mit konsequenter Mehrdeutigkeit. Ein bisschen erinnert das an den deutschen Großerzähler Günter Grass, mit seinen Versatzstücken und Kommentaren auch an Bongartz‘ literarischen Leuchtstern Bertolt Brecht – bloß kennt Dieter Bongartz keiner; und die Bereitschaft, sich durch die ersten, traumatischen Seiten zu quälen, wird in Zeiten multipler Kriege und Krisen nicht größer.
Angesichts der Wiederkehr von Nationalismus und Faschismus ist dieses Buch aktueller denn je
Das ist schade für die große Mehrheit derer, die „Vaterland“ nie lesen wird. Denn die Schwere der Geschichte mit seinen traumatischen Verwirbelungen verwandelt sich schnell in einen melodischen Sog, in dem Naziverbrechen und völkische Verblendung verquickt sind mit bürgerlichen Sehnsüchten, Ego und Begierde, Hoffnung, Angst und Lechzen nach Liebe. Am Ende fließen alle Dinge ineinander – die vermeintlichen Gewissheiten lösen sich darin auf, das Schwarz und Weiß, das das Leben so oft grundiert – und aus der Mitte dieses Menschen entspringt etwas Neues, in seinem Murmeln und Glucksen, Klagen und Feststellen, Nachdenken und (Alb)träumen so noch nicht Gehörtes.
Angesichts der eigenen Krebsdiagnose hat Dieter Bongartz die Zutaten aus NS-Geschichte, Familienbiografie und Menschlichem, Allzumenschlichem in ein Dokument verwandelt, das angesichts der Wiederkehr von Nationalismus und Faschismus aktueller ist als noch vor zehn Jahren, als der Autor mit 62 Jahren an Krebs starb.
Dass die Nachwelt davon erfährt, ist auch dem Zufall geschuldet: Richard Stoiber, Chef des im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichneten März Verlags, schrieb als Teenager in der von Bongartz geleiteten Kölner Schreibschule, einem von der SK-Stiftung Kultur finanzierten Zusammenschluss schreibbegeisterter Jugendlicher, die sich alle zwei Monate für ein Wochenende in Köln zum Schreiben traf. „Lustigerweise hatte Dieter Bongartz mich schon einmal gefilmt, als ich ein Baby war. Da hat er eine Dokumentation über Meschenich gedreht – die zwei Welten am Kölnberg und im bürgerlichen Teil Meschenichs“, erzählt der Verleger. In einem der bürgerlichen Einfamilienhäuser des vergessenen Stadtteils war Stoiber großgeworden. Die Schreibschule sei eine „prägende Erfahrung“ gewesen, „fast eine Sensation“ – auch, weil Dieter Bongartz „uns mit seinem unglaublichen Literaturwissen und seiner Menschenkenntnis beeindruckt hat“.
Beim Lesen wurde mir schnell klar, wie brillant das Buch ist, wie souverän der Umgang mit Sprache, so dass der Text selbst in den assoziativsten Gedankenströmen nie auseinanderfällt
Kurz vor seinem Tod überreichte Bongartz Stoiber, der jetzt Lektor beim Matthes&Seitz-Verlag war, das Vaterland-Manuskript, Stoiber konnte es aber nicht unterbringen. Jahre später, als er die einstmalige Agentin von Bongartz traf, erinnerte Richard Stoiber wieder an die Familiengeschichte. Über Bongartz‘ Schwiegersohn Patrick Findeis, der inzwischen die Kölner Schreibschule leitete, erhielt er das Manuskript noch einmal. „Beim Lesen wurde mir schnell klar, wie brillant es ist, wie souverän der Umgang mit Sprache, sodass der Text selbst in den assoziativsten Gedankenströmen nie auseinanderfällt – und, dass wir es zu seinem zehnten Todestag veröffentlichen wollen“, sagt Stoiber.
Bislang ist es dem Roman ergangen wie vielen Büchern unbekannter Autoren: Die Feuilletons haben es nicht aufgegriffen, es ist ein Ladenhüter geblieben. „Das ist vielleicht der Vorteil eines Verlags, der immer prekär gearbeitet hat“, sagt Richard Stoiber. „Wir machen solche Bücher dann trotzdem, wenn wir von ihnen überzeugt sind.“
Dieter Bongartz, Vaterland, Roman einer Familie, März Verlag, 2025

