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Louise Stomps in KölnVersteinerung als letzte Zuflucht vor dem Leben

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Louise Stomps arbeitet mit Hammer und Holzspachtel an ihrer letzten Skulptur „Der Aussteiger“.

Louise Stomps bei der Arbeit an ihrer letzten Skulptur »Der Aussteiger« – jetzt im Kölner Kollwitz-Museum zu sehen. 

Die Bildhauerin Louise Stomps war lange vergessen. Im Kölner Kollwitz-Museum ist jetzt ihr eigenwilliges Werk zu sehen. 

Louise Stomps zog sich gleich zwei Mal im Leben aus der Welt zurück. Das erste Mal war im Jahr 1936, kurz nachdem das NS-Regime die Arbeiten von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach aus der Jubiläumsausstellung der Berliner Akademie der Künste verbannt hatte. 1960 floh sie dann aus West-Berlin, um sich in der oberbayerischen Abgeschiedenheit eine alte Wassermühle herzurichten. Auch diese zweite Emigration war, obwohl keine politische Entscheidung, eine Heimkehr in die Innerlichkeit. Vielleicht war es Stomps ganz recht, dass die Welt sie vergessen hatte, als sie 1988 im Alter von 87 Jahren starb.

In Bayern war Stomps die Großstadt-Oma auf dem Motorrad

Als Stomps ihr Leben als Einsiedlerin begann, tauschte sie, im Alter von 60 Jahren, eine Randexistenz als moderne Künstlerin gegen das Leben als bunter Hund in der Provinz. Nach Kriegsende hatte die Karriere der Bildhauerin kurz Schwung aufgenommen, mit mehreren Ausstellungen, dem Kunstpreis der Stadt Berlin und dem Ankauf einer Eichenholzskulptur für die heutige Nationalgalerie. Aber bald darauf war sie der Berliner Kunstszene schon wieder abhandengekommen; zum 65. Geburtstag gratulierte man ihr mit einjähriger Verspätung, wie ein zerknirschter Kurator eingestand. In Oberbayern sorgte sie dagegen verlässlich für Aufsehen: als zugezogene Großstadt-Oma, die auf dem Motorrad herumfuhr, um Bauern gefällte Bäume abzukaufen.

Was Louise Stomps aus diesen Bäumen machte, ist nun im Kölner Kollwitz-Museum zu sehen – und immer noch eine Entdeckung. Der deutschen Kunstgeschichte war Stomps so gründlich abhandengekommen, dass es erst 2021 in der Berlinischen Galerie die erste Retrospektive ihrer Werke gab. Im Jahr zuvor habe es bereits erste Kontakte zum Kollwitz-Museum gegeben, sagt deren Direktorin Katharina Koselleck. Aber gut Ding und vor allem eine Museumsrenovierung wollen Weile haben, und so feiert Stomps erst jetzt ihre Kölner Premiere. Mit 88 Exponaten, die neben der verkleinerten Kollwitz-Dauerausstellung zu sehen sind, und immerhin als zweite große posthume Schau der lange vergessenen Künstlerin.

Ein Mensch in Form einer Steinbank.

Louise Stomps: Kauernde (1946/47)

Als deren Blickfang hat Lynn Busch, die Kuratorin, drei dürre, jeweils drei Meter hohe Figuren in die Mitte des Museums gestellt: Asket, Pilger und Einsamer. Sie erinnern an die Spindelfiguren Alberto Giacomettis, verdanken ihre Gestalt aber vor allem dem schlanken Holz der Telegrafenmasten, aus dem sie geformt wurden. In Berlin der Nachkriegsjahre hatte Stomps ihre Figuren noch aus Steinblöcken gehauen, die auch als Menschen Blöcke blieben. All die kauernden, knieenden oder hockenden Gestalten haben sich zu festen, gedrungenen Bündeln zusammengerollt. So suchen Menschen vor den Pfeilen des Schicksals Schutz, indem sie sich kleinmachen. Bei Stomps erscheint die Versteinerung als letzte Zuflucht vor dem Leben, wenn nicht als das Leben selbst.

Vermutlich sollten diese Schutzsuchenden die Leiden des Weltkriegs und der NS-Verbrechen reflektieren. Allerdings weiß man nicht, inwiefern sie sich von Stomps’ Kriegsarbeiten unterscheiden; die Künstlerin wurde „ausgebombt“ und beinahe ihr gesamtes Frühwerk dabei zerstört. Zurückgekehrt aus der inneren Emigration suchte sie nach der „Urform des Menschen“, die sie in einer „Kauernden“ in Form einer Steinbank mit stilisiertem Kopf, verschränkten Armen und angelegten Beinen fand. Stomps ging es um Verdichtung und Vereinfachung – beides entdeckte sie bereits im Ausgangsmaterial, das sie so wenig wie möglich bearbeitete.

Die Liebe ist bei Louise Stomps eine vierfüßige Kreatur

Die erhaltenen Holzskulpturen aus den 1930er Jahren, vor allem Paare, sind noch deutlich figürlicher, wurden aber schon buchstäblich aus demselben Holz geschnitzt. Eine Frau schmiegt sich so eng an einen Mann, dass sie mit ihm verschmilzt – die Liebe ist hier eine vierfüßige Kreatur. Gleich daneben hält eine Frau ihr Neugeborenes an die Wange; das Kind stützt seinen Kopf auf den ihren, als wäre es eine verrutschte Krone.

Bei der Berliner Wiederentdeckung Louise Stomps‘ wurden die Ähnlichkeiten zu den Wegbereitern der modernen Skulptur betont: das Dürre bei Giacometti, das Blockhafte bei Aristide Maillol, und später, als Stomps‘ Skulpturen abstrakter wurden, das Organische bei Hans Arp und Henry Moore. Selbst in der Berliner oder oberbayerischen Abgeschiedenheit konnte sich niemand diesen Einflüssen entziehen. Aber Stomps fand im Stimmengewirr der modernen Bildhauerei eine eigene Sprache, einen unverwechselbaren Dialekt. Ihr Entwurf für ein Berliner Denkmal des unbekannten politischen Gefangenen zeigt eine stark vereinfachte, kaum noch wahrnehmbare menschliche Figur, die einen Arm, so dick wie eine Geschwulst, erhebt. Eine Menschengruppe mit dem Titel „Hiroshima“ erinnert mit ihren glatt polierten Gliedmaßen an die Bilder verbrannter Menschen, und ein kunstvoll gewundener Laokoon aus der griechischen Mythologie ist mehr Schlange als Mensch.

In ihrem Spätwerk arbeitete Stomps bevorzugt mit Eichenholz aus dem Inn, das teilweise seit Jahrzehnten im Flusswasser gelegen hatte. Weil dieses Material besonders schwer zu formen war, folgte die Künstlerin den Besonderheiten des Holzes und schuf poröse Abstraktionen, deren Titel sich hilfesuchend ans Konkrete klammern: Muschel, Schatten, Wandlung, Laokoon. Sie nannte es „Aussöhnen mit der Natur“. Und um Versöhnung geht es wohl in Stomps‘ gesamtem Werk: mit der Natur, den Menschen und dem Leid, das Menschen einander zufügen.


„Louise Stomps – Konturen des Inneren“, Kollwitz-Museum, Neumarkt 18–24, Köln, Di.–So. 11–18 Uhr, 27. März bis 28. Juni 2026