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Museum MorsbroichDie Natur stirbt und irgendwo bimmelt eine Kirche

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Das Bild zeigt die Großaufnahme einer Blüte.

Eine Aufnahme von Herlinde Koelbl aus dem Zyklus „Metamorphosen“

Das Leverkusener Museum Morsbroich feiert sein 75-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur. 

Im August vor bald fünf Jahren war Jörg van den Berg in Leverkusen angetreten, um frische Luft in das muffig gewordene Museumskonzept zu bringen. „So wie es ist, kann es nicht bleiben“, sagte er dieser Zeitung, „wir müssen aus dem alten System ausbrechen, das immer nur die glücklichen Wenigen bespaßt.“ Bürgernah, offen, anregend und damit im besten Sinne gegenwärtig solle das Museum Morsbroich unter seiner Leitung sein. Als Sofortmaßnahmen rief er eine Gesprächsreihe ins Leben, setzte sich so oft es ging in die Ausstellung – und sperrte bis dahin verschlossene Türen auf.

Jetzt feiert das Leverkusener Museum sein 75-jähriges Bestehen – und an schönen Tagen weht der frische Wind buchstäblich durch das barocke Museumsschloss. Einen der schmucken Ausstellungsräume verwandelte der Künstler Sebastian Gräfe in eine meteorologische Station, in der man das Wetter an täglich neu arrangierten Objekten ablesen kann: dem Öffnungsgrad von Fenstern und Klappladen, einem Klemmbrett mit Wetterkarte oder einer Garderobe, an der die aufgehängte Jacke die Temperatur und der eingesteckte Regenschirm die Regenwahrscheinlichkeit anzeigt. Von Zeit zu Zeit lässt Gräfe über die Haussprechanlage das lokale, nationale und globale Wetter verkünden.

Das Museum Morsbroich als Wetterhäuschen – warum nicht?

Das Morsbroicher Lustschloss als Wetterhäuschen? So ähnlich hat sich das Fritz Emslander, van den Bergs Stellvertreter als Direktor, durchaus gedacht. Für die Jubiläumsausstellung „Chained to the Rhythm – Von Mensch und Natur“ holt Emslander all das ins Haus, was sonst im Museum mit Mühe (und aus guten konservatorischen Gründen) draußen gehalten wird: Licht, Luft, Tiere, überhaupt die Natur mit ihrer (selbst)zerstörerischen Neigung zum Werden und Vergehen. All das, damit der größte natürliche Störfaktor im Museum, der Mensch, dieses in möglichst großer Zahl besucht.

Um diese oft beschriebene Dialektik der Aufklärung geht es auch Emslander: Der moderne Mensch vergisst oder verdrängt, dass er zur Natur gehört, sich also selbst unterwirft und zerstört, wenn er Landschaften planiert oder Museen gegen äußere Einflüsse wie schwankende Luftfeuchtigkeit abschottet. Natürlich löst man diesen Selbstwiderspruch nicht auf, indem man gelegentlich die Fenster öffnet. Und auch nicht, indem man, wie Jason Dodge, vor Ausstellungsbeginn einige Tiere ins Strohbett koten und den Streichelzoogeruch in den Räumen hängen lässt. Aber darum geht es Emslander auch nicht: Er möchte den Widerspruch inszenieren.

Ein kahler Baum steht vor einer Hauswand.

Dieter Kiesslings „Baum“ (1994) ist im Museum Morsbroich zu sehen.

Das gelingt ihm in jedem der 14 Räume, auch weil das Museum Morsbroich durch sein Vorleben als adliges Jagd- und Lustschloss alles mitbringt, was es dazu braucht: viele Fenster, einen Park drumherum, einen Wald in nächster Nähe. Mithilfe der zahlreichen, im Schlossgarten verteilten Skulpturen suppt die Kunst ohnehin ins Museum herein – Gabriela Oberkofler nimmt dies zum Anlass, den Wald zum Kunstwerk zu stilisieren. Vor Ort gesammelte Zweige hängt sie an Bindfäden an die Decke, als würden sie an ihren Bruchstellen aus dem Boden wachsen – die Natur als stillstehendes Mobile. An den Wänden kleben Tapeten mit Motiven aus Tier- und Pflanzenwelt, und in Schälchen sind unsere Sinnesorgane als Schnitzereien drapiert. Letzteres ist vielleicht zu viel des Guten. Auch ohne diesen Wink mit Nase, Zunge, Ohr und Finger haben wir verstanden, dass wir den Kontakt mit der Natur erst wieder lernen müssen.

Gleich drei Arbeiten der Ausstellungen lassen das Licht für sich arbeiten. Johanna von Monkiewitsch hatte in der Morsbroicher „Gegen den Himmel“-Ausstellung vor einem guten Jahr eine Leinwand auf den Schlossbalkon gesetzt und ausbleichen lassen. Das Ergebnis erinnert an die Farbfeldmalerei Mark Rothkos und ist in einem abgedunkelten Raum zu sehen – jeder weitere Lichtstrahl könnte es verfälschen. Enya Burger macht sich den gleichen Effekt zunutze, hilft aber mit Kunstlicht nach; drei Wochen nach Eröffnung ist ihr mit Pflanzenfarbstoffen hergestellter Druck kaum noch zu erkennen. Timo Klos macht die Vergänglichkeit durch Licht zum Thema einer Bilderserie, in der die Erinnerung an eine Liebe wie auf einem alten Polaroid verwischt.

Bei Bill Viola sind Mensch und Natur asynchron

Bei Rubin Henkel und Niklas Bolten wird die Natur zum Komponisten und ein selbstspielendes Klavier zum Verstärker der Biosphäre. Dafür haben die Künstler die elektroakustischen Impulse heimischer Pflanzen belauscht und in Klänge übersetzt. Wie diese Notation genau funktioniert, erschließt sich dem Besucher zwar nicht. Aber es genügt zu wissen, dass die Leverkusener Farne offenbar den legendären Avantgarde-Musiker John Cage als ihresgleichen akzeptieren.

Ganz hält Emslander das Prinzip des porösen Museums nicht durch. Er zeigt auch einige Werke, die unser Verhältnis zur Natur lediglich zum Thema haben, statt sie am Geist des Ortes darzustellen. Darunter Klassiker wie Bill Violas frühe Videoarbeit „Reflecting Pool“: Ein Mann springt in ein Becken im Wald und steht in der Luft still, während sich die Natur weiterbewegt. Die Tricktechnik des Videos ist hoffnungslos veraltet, aber die Botschaft weiterhin aktuell: Mensch und Natur sind asynchron. Auch Herlinde Koelbls Blumenstillleben bestechen gerade durch ihre scheinbare Künstlichkeit. Auf den Großaufnahmen wirken die Blüten und Blätter teils bizarr, teils fleischlich und immer wie etwas zu opulent geratene Sterblichkeitssymbole.

Bezaubernd in ihrer kargen Poesie sind die Fundstücke von Dieter Kiessling. In seinem Video „Pole“ sieht und hört man, wie der Wind auf einem Drahtseil spielt, indem er es an einen Fahnenmast schlägt, während Wolken vor blauem Himmel vorüberziehen und irgendwo eine Kirche bimmelt. Grandios ist der laublose Baum vor einer kahlen Hauswand, dessen Samen eine Laune der Natur an diese Stelle geweht hatte. Die Umgebung ist so trist, wie Mietskasernen eben sind. Aber das Haus ist eine Leinwand für den Baum, der, wenn er Laub trägt, vom Wind geschaukelt, Muster in die Mauer wischt.


„Chained to the Rhythm – Von Mensch und Natur“, Museum Morsbroich, Gustav-Heinemann-Str. 80, Leverkusen, Di. – So. 11–17 Uhr, bis 7. Juni 2026.