Sebastian Baumgarten inszeniert Gert Ledigs Luftkrieg-Roman „Vergeltung“ als Live-Hörspiel. Eine der besten Premieren der Kölner Spielzeit. Unsere Kritik.
Schauspiel KölnBombenangriff verschreckt Zuschauer – dabei ist es nur ein Hörspiel

Am Ende von Sebastian Baumgartens Inszenierung „Vergeltung“ am Schauspiel Köln stehen die Toten wieder auf.
Copyright: Thomas Aurin
„Noch sind sie um uns, die Toten“, schreibt W. G. Sebald im Essayband „Campo Santo“, „aber manchmal glaube ich, dass sie vielleicht bald verschwinden werden.“ Der deutsche Autor im englischen Exil fürchtete, dass auf das vormalige Verdrängen von Holocaust und Kriegserfahrung zukünftiges Vergessen folgen könnte.
Als der Satz 2003 erschien, war Sebald selbst zu den Toten gestoßen. Einige Jahre zuvor hatte er in seiner Vorlesung „Luftkrieg und Literatur“ den deutschen Nachkriegsautoren vorgeworfen, sich nicht mit der Erfahrung der alliierten Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt zu haben, mit Ausnahme Alexander Kluges.
Eine hitzige Debatte folgte. Als Sebald seinen Vortrag kurze Zeit später veröffentlichte, fügte er ihm eine weitere Ausnahme hinzu: Gert Ledigs kurzen Roman „Vergeltung“, der in stakkatohafter Montage von einem Bombenangriff auf eine deutsche Stadt berichtet, von den Piloten in den Cockpits der fliegenden Festungen in 4000 Metern Höhe bis tief unter die Erde, zu den im Luftschutzkeller Kauernden oder den Verschütteten.
Man denkt an den Bomberangriff, der Köln im Mai 1942 in Trümmern legte
Der Ort bleibt ungenannt, in Köln, wo bis heute zweimal in der Woche eine Fliegerbombe entschärft werden muss, denkt man zwangsläufig an den Tausend-Bomber-Angriff, der die Stadt in der Nacht zum 31. Mai 1942 in Trümmern legte.
Als Ledigs Roman 1956 erschien, wurde er von der Kritik fast einhellig verrissen: „verödet“ sei die Sprache, „widerwärtig“ der Inhalt, vom „fatalen Geruch der nackten Sensation“ unkte ein Vorgänger in dieser Zeitung. Im Wirtschaftswunderland wollte man vom Grauen des Krieges gegen die Zivilbevölkerung nichts wissen – und noch weniger von der Verrohung derselben. „Vergeltung“ wurde schnell vergessen, erst 1999 legte Suhrkamp das verkannte Buch neu auf. Es hatte von seiner Wirkmächtigkeit nichts verloren.
Der Regisseur Sebastian Baumgarten hat das Kölner Publikum vor elf Jahren mit einer Adaption von Dantes „Göttlicher Komödie“ schon einmal in die Hölle geführt. Aber das hier ist schlimmer als jede Verdammnis. Ledigs schmucklos-drastische Darstellungen malen ein kaum erträgliches Schreckensbild, dagegen wirken die ersten 20 Minuten von Spielbergs „Saving Private Ryan“ nachgerade ballettös. Weshalb Baumgarten denn auch klugerweise von jeder Bebilderung Abstand nahm.

Das Ensemble spricht hinter der Bühne den Text live ein.
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In der ersten Depot-1-Premiere der Spielzeit, Kay Voges' „Imaginal“, durfte man sich am Ensemble sattsehen, gesprochen wurde kein Wort. In „Vergeltung“, der letzten Depot-1-Premiere vor dem Umzug an den Offenbachplatz, hört man nur die Stimmen der Spielenden, aber man sieht sie nicht, nur ab und an wird ein Live-Bild der hinter der Bühne im Kreis aufgestellten Sprecherinnen und Sprecher übertragen. Die Spielfläche, von Jeep van Lieshout und Christian Meyer als leicht ins Abstrakte gekippte U-Bahn-Station entworfen, bleibt über weite Strecken dunkel – bis auf einige ominös funkelnde Rotlichter, als gehörten wir selbst zu den Verschütteten. Ledigs Sätze hallen dank dieser Bildverweigerung donnergleich in uns nach, unterstützt von der dräuenden Ambient-Musik des Düsseldorfer Elektronikers Stefan Schneider und den Trommelschlägen des Live-Schlagzeugers Fiete nachholt.
Das ist manchmal schwer erträglich, vor allem in den von Nikolaus Benda und Rebekka Biener gesprochenen Szenen zweier unter den Trümmern Zusammengeworfener: Ihre gemeinsamen Kräfte reichten vielleicht, sich aus dem Schutt zu befreien. Stattdessen vergewaltigt der ältere Witwer das junge Mädchen und schneidet sich anschließend die Pulsadern auf. Ist dies das Ende der Zivilisation, oder ist sie, wie W. G. Sebald sagt, selber aus Feuer und Rauch gewoben?
Einige Zuschauer ergreifen im Verlauf der knapp zweistündigen Aufführung die Flucht und müssen sich dazu zögerlich im schwarzen Saal vorantasten. Aber wer sich auf diese künstlerische Nötigung einlässt, wird mit einem großen Abend belohnt, dem besten im Schauspiel Köln nach der Eröffnungspremiere des Neu-Intendanten.
Wenn auf der Bühne zwischendrin doch noch Licht aufflackert, stürzen wir in die Gegenwart, Videobilder zeigen Passanten am Neumarkt, dazu fassen die sterbenden und mordenden Protagonisten des Bombenangriffs ihre bürgerlich-biederen Biografien zusammen. Unter dem Pflaster verkehrt sich der städtische Alltag in seine Upside-Down-Version: enthemmte Haie-Fans feiern auf dem Bahnsteig neben ausländisch aussehenden Menschen, die versuchen, sich möglichst unsichtbar zu machen; ein Mann im schwarzen Hoodie flieht vor Kontrolleuren, eine Jugendbande stellt zwei Frauen nach. Es ist Alltag, der jederzeit in Gewalt umkippen könnte, Kriegsalltag.
„Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden“, zitiert das Programmheft Fritz Bauer, den Generalstaatsanwalt, der die Frankfurter Auschwitzprozesse in Gang setzte. Die Toten und ihre Taten sind so wenig verschwunden wie die Blindgänger unter den Geröllschichten. Im letzten Tableau vivant des Abends kriechen sie als Zombies aus dem Schacht, hinken, schlurfen über den Bahnsteig, kommen direkt auf uns zu. Unaufhaltsam, schreibt Gert Ledig, verrichtete die Vergeltung ihre Arbeit.
Vor 70 Jahren hatte er als einer der Wenigen die Worte gefunden, das Grauen zu fassen, ohne es zu bannen. Und Sebastian Baumgarten ist die ideale Umsetzung dieses Stoffes gelungen. So unangenehm nah ist er uns selten gekommen, der Krieg.
