Bewegendes „wir helfen“-Benefizkonzert des Gürzenich-Orchesters in der Kölner Philharmonie.
„wir helfen“Ein Brahms-Requiem für den guten Zweck

Isabella NevenDuMont und Christian Hümmeler bedanken sich im Namen von "wir helfen". Beim Gürzenich-Benefizkonzert in der Philharmonie wurden 15.000 Euro für den karitativen Verein eingenommen.
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Gleich zu Beginn überreichte Gürzenich-Direktor Stefan Englert einen Scheck – beziehungsweise dessen großformatige symbolische Nachbildung – über 15.000 Euro an Isabella Neven DuMont, stellvertretende DuMont-Aufsichtsratsvorsitzende und stellvertretende Vorsitzende von „wir helfen e.V.“, sowie an Christian Hümmeler, stellvertretender Chefredakteur des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Das war der Spendenerlös aus dem Eintrittskartenverkauf für das jüngste Gürzenich-Benefizkonzert, mit dem der stadtkölnische Klangkörper erneut die „Stadt-Anzeiger“-Aktion zugunsten benachteiligter Kinder und Jugendlicher in der Region unterstützt. Er tut dies seit 2015 alljährlich.
Die Vereinsarbeit ist entschieden dem Schicksal der Lebenden gewidmet, das Konzert in der ausverkauften Philharmonie hingegen hatte – fastenzeitlich angemessen – Sterben und Tod zum thematischen Schwerpunkt. Auf der Agenda stand Johannes Brahms’ „Deutsches Requiem“, das, obwohl der Komponist nicht gerade ein unangefochten Glaubender war, die letzten Dinge mit jener erschütternden Intensität aufsucht, wie es sonst nur noch in den Bach-Passionen sowie den Totenmessen von Mozart und Verdi der Fall ist. Es malt übrigens wie jene nicht durchweg schwarz in schwarz, sondern gestaltet mit hoher Dringlichkeit und zugleich völlig unsentimental jene heikle Verbindung von Trauer und Trost, die die Programmmacher dazu bewogen haben mag, das Ganze unter den scheinbar paradoxen Titel „Zuversicht“ zu stellen.
Andrés Orozco-Estrada hat ohnehin ein starkes Brahms-Faible
Damit das Werk die in ihm steckenden Wirkungsmöglichkeiten entfalten kann, bedarf es freilich seitens der Ausführenden einer großen Sensibilität für Sound- und Farbwechsel, für Übergänge, für Auf- und Abbrüche, für den Reiz variierender Wiederkehr, kurzum: eine Dramaturgie der Kontraste, die sich aber gleichsam auf der Innenseite des Geschehens entfaltet und zwar nicht Dramatik, wohl aber plakative Opernhaftigkeit meidet. Gürzenich-Kapellmeister Andrés Orozco-Estrada, der von Naturell und vielleicht auch Wiener Sozialisation her ganz offenkundig ein starkes Brahms-Faible hat, bediente am Pult diese Anforderungen vorbildlich – indem er sich, ohne an einem ideologischen Überbau zu arbeiten, genau an den durch die Partitur, also durch Musik und Text vermittelten klangrednerischen Gehalt hielt.
Ein Beispiel dafür war der Anlauf zur forte-Repetition des unerbittlichen Unisono-Chorrefrains „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“: Der Dirigent überließ die Crescendo-Walze nicht allein bequem der Pauke, sondern erweckte gleich zu ihrem Beginn die Hörner zu latent beunruhigendem rhythmischem Leben. Bei den triumphalen Schlussfugen des dritten und sechsten Satzes (mit ihren übrigens fast identischen, jeweils aus Sekund- und Terzfolgen geformten Themen) erwies er sich als guter Formarchitekt, die fälligen Steigerungen kamen mit großer Konsequenz und ohne Einbrüche. „Wie lieblich sind deine Wohnungen“ wiederum kam mit einer wunderbar entspannten, nahezu tänzerischen Gelöstheit.
Orozco-Estrada hatte freilich auch großartige Kräfte zur Hand. Die von Nico Köhs (dem Leiter des Philharmonischen Chores Köln) einstudierten Profis von WDR-Rundfunkchor und NDR-Vokalensemble lieferten eine souveräne Leistung ab – mit intensiver Körperlichkeit der Tonformung und Artikulation, untadeliger Intonationssicherheit in den A-Cappella-Stellen, dichten, substanzreichen leisten Stellen und einer gelassenen Höhenbrillanz. Da musste man um die hohen As und Bs der Soprane nicht bangen. Intensiv, nachdrücklich, gestisch reich versahen auch die Vokalsolisten Christina Landshamer (Sopran) und Michael Nagy (Bariton) ihre Partien. Landshamers Vibrato war vielleicht etwas zu stark, in einem so unmittelbar zu Herzen gehenden Satz wie „Ihr habt nun Traurigkeit“ ist weniger tendenziell immer mehr.
Das Gürzenich-Orchester zeigte sich am Sonntagmorgen in Bestform, gleich der Anfang mit den sich allmählich auseinanderentfaltenden Motivlinien stellte einen warmen, dunklen Grundklang hin, wie man ihn sich, als einen im besten Sinne romantischen, anders nicht hätte wünschen mögen. Auch die großen Aufgipfelungen gerieten nicht grell oder metallisch, brachen nicht aus der in sich gut differenzierten Fülle aus. Großer Beifall nach der Ergriffenheit einer langen Schweigeminute am Schluss.

