Auch ein Jahrzehnt nach den Terrorakten in Brüssel ringen Hinterbliebene wie der frühere Polizist Pascal Corneillie weiterhin mit den Konsequenzen.
Zehn Jahre nach Anschlägen in Brüssel„Ein normales Leben ist fast nicht mehr möglich“

Die offizielle Zahl der Todesopfer der Anschläge liegt bei 35. (Archivbild)
Copyright: Markus Lenhardt/dpa
„Ein normales Leben ist fast nicht mehr möglich“, äußert Pascal Corneillie ein Jahrzehnt nach den Terrorakten in der belgischen Hauptstadt. „Die Bilder, die Gerüche, das Schreien und Weinen von Kindern, deine Dutzenden Freunde und Bekannten, die dort schwer verletzt oder tot liegen, schrecklich verstümmelt – das lässt einen nicht los.“ Der frühere Grenzschutzbeamte berichtet, man befinde sich stattdessen permanent in einem Verteidigungszustand.
Am 22. März 2016 verrichtete Corneillie seinen Dienst als Grenzschutzbeamter am Airport von Brüssel, als im Abflugbereich ein Sprengsatz detonierte. Laut Meldungen der „dpa“ kam es wenig später zu einer weiteren Detonation. Ein dritter Sprengsatz explodierte nicht.
Bilanz der Anschläge: 35 Todesopfer und über 300 Verletzte
Rund 60 Minuten danach explodierte ein weiterer Sprengsatz in der U-Bahn-Station Maelbeek, die sich im Europaviertel von Brüssel befindet. Die Attacken forderten insgesamt 32 Todesopfer, hinzu kamen die drei Selbstmordattentäter der Terrororganisation Islamischer Staat (IS). Die Zahl der Verletzten belief sich auf über 300 Personen. Die offizielle Opferzahl wurde auf 35 korrigiert, da nachträglich drei weitere Personen infolge von Krankheit oder Suizid an den Spätfolgen der Attentate verstarben.

Auch an der Metrostation Maelbeek - dort wird an der Unterführung das Wort «remember» an die Wand projiziert - fand ein Anschlag statt. (Archivbild)
Copyright: Markus Lenhardt/dpa
Der mittlerweile 60-jährige Corneillie erklärt, er habe nicht einmal eine Ausbildung zum Ersthelfer besessen. „Mein Körper hat sehr stark auf das reagiert, was ich gesehen habe und was ich tun musste.“ Eine posttraumatische Belastungsstörung sei die Konsequenz gewesen. „Die ganze Familie wird Zeuge davon, dass man sich verändert“, so der Belgier.
Einordnung in eine Serie islamistischer Terrorakte
Die Attentate in der belgischen Hauptstadt waren Teil einer Reihe von islamistischen Terrorakten. Bereits im November 2015 kamen bei konzertierten Attacken von Terroristen in Paris 130 Personen ums Leben. Ein Angreifer ermordete im Dezember 2016 zwölf Besucher eines Berliner Weihnachtsmarktes.
Die Konsequenzen der Taten blieben auch in den Folgejahren in Brüssel präsent. Das Stadtbild war von stark bewaffneten Sicherheitskräften, darunter Soldaten und Polizisten, geprägt. Ein Jahrzehnt nach den Angriffen bewerten die staatlichen Stellen die Gefährdungssituation mit der Stufe drei von vier als „ernst“.

Bei den Anschlägen am Flughafen und einer U-Bahn-Station in Brüssel töteten drei islamistische Selbstmordattentäter mehr als 30 Menschen, mehr als 300 wurden verletzt. (Archivbild)
Copyright: Christophe Petit Tesson/EPA/dpa
Zusätzlich zu erhöhten Sicherheitsmaßnahmen initiierte Belgien auch Programme zur Prävention und Deradikalisierung. Speziell in Molenbeek, einem Stadtteil von Brüssel, der als Zufluchtsort für radikale Islamisten galt, zielten Projekte zur Bildung und sozialen Eingliederung darauf ab, strukturelle Missstände wie mangelnde Jobaussichten und soziale Ausgrenzung zu adressieren. Aus diesem Viertel stammten Drahtzieher diverser Attentate, zu denen auch Salah Abdeslam zählt. Er wird als Hauptfigur der Pariser Attacken angesehen und war ebenso in die Brüsseler Anschläge involviert.
Juristische Aufarbeitung nach sieben Jahren abgeschlossen
In einem als Mammutprozess bezeichneten Verfahren mussten sich Abdeslam sowie neun Mitangeklagte für die Attentate verantworten; der Prozess fand 2023 seinen Abschluss. Die Urteile reichten von jahrzehntelangen Freiheitsstrafen bis hin zu lebenslanger Haft. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für den Prozess, an dem über 900 Nebenkläger beteiligt waren, war außerordentlich groß.
Organisationen, die Opfer vertreten, beanstandeten mehrfach die unzureichende Hilfe seitens des staatlichen Apparats sowie die chronisch überforderte Justiz in Belgien. Bestürzung löste außerdem die Tatsache aus, dass einige der Täter den Sicherheitsorganen schon vor den Anschlägen bekannt gewesen und observiert worden waren.
Gefühl der Verlassenheit bei den Opfern
Während des Gerichtsverfahrens zeigten sich Hinterbliebene und Überlebende mit T-Shirts, die Aufdrucke wie „Ignorierte Kinder“ trugen. Die Vereinigung Life4Brussels ließ verlauten, dass der Zorn der Betroffenen sich nicht ausschließlich gegen die Täter richte, „sondern auch gegen den belgischen Staat, der dazu beigetragen hat, ihre Not zu vergrößern“.
Ebenso empfindet der frühere Polizist Corneillie, dass er alleingelassen wird. „Allein dafür, dass wir am Flughafen Leben gerettet und Initiativen ergriffen haben, lässt man uns ohne Hilfe“, äußert er. Er kritisiert, dass Versicherungsgesellschaften die Vorkommnisse bagatellisieren und Betroffene gezwungen seien, sich alles eigenständig zu erkämpfen.
Der zehnte Jahrestag symbolisiert für Corneillie den Wunsch, das Geschehene abzuschließen. „Wieder leben, ja – aber mit einer anderen Perspektive, die Dinge relativieren. Wieder leben, wie eine andere Person. Wieder lernen zu atmen.“ (red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
