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Parteitag in MarlNRW-AfD steuert auf Schlammschlacht zu

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Martin Vincentz, Chef der NRW-AfD, will am Samstag in Marl wiedergewählt werden. Gegen ihn kandidiert eine Doppelspitze.

Martin Vincentz, Chef der NRW-AfD, will am Samstag in Marl wiedergewählt werden. Gegen ihn kandidiert eine Doppelspitze.

In Marl kämpft AfD-Landesparteichef Martin Vincentz an diesem Wochenende um sein Amt. Eine Doppelspitze, unterstützt vom völkischen Lager, will ihn am Samstag entmachten. 

Vor dem Landesparteitag der AfD Nordrhein-Westfalen scheinen nur zwei Dinge sicher: Es wird knapp und es wird schmutzig. An diesem Samstag will der amtierende Parteichef Martin Vincentz von den Delegierten wiedergewählt werden und rechnet fest mit einer Mehrheit. Seine Gegner rechnen damit, Vincentz‘ Parteikarriere in Marl zu begraben. Die Bundestagsabgeordneten Fabian Jacobi und Christian Zaum haben sich zu einer Doppelspitze zusammengeschlossen und gehen gegen Vincentz in die Kampfkandidatur. Die tief zerstrittene NRW-AfD steuert auf einen umkämpften Parteitag zu.

Dabei waren AfD-Parteitage nie berühmt für ihre Harmonie. Da war der Bundesparteitag in Essen 2015, bei dem die AfD ihren Parteigründer Bernd Lucke absetzte. Da war der Sonderparteitag der NRW-AfD 2019 in Warburg, bei dem neun von zwölf Vorstandsmitgliedern ihren Rücktritt verkündeten. Verglichen damit verliefen die letzten Parteitage fast friedlich: Im Februar 2024 wurde Vincentz zuletzt mit 78 Prozent der Stimmen in Marl im Amt bestätigt. In manchen Parteien wäre dieser Wert ein Krisensignal. In der AfD NRW stellte er einen Rekord auf.

Zwei Jahre später treffen erneut 500 Delegierte in Marl zusammen, erneut wählen sie einen neuen Landesvorstand. In einem Punkt scheinen sich die meisten einig: Unabhängig vom Gewinner steht dieses Mal beim Ergebnis vermutlich die Ziffer fünf vorn. Ein Delegierter sagt wenig glücklich: Die anwesenden Journalisten könnten am Samstag Entertainment erwarten.

Fabian Jacobi, Bundestagsabgeordneter aus Köln, kandidiert gegen Vincentz.

Fabian Jacobi, Bundestagsabgeordneter aus Köln, kandidiert gegen Vincentz.

Vincentz zeigt sich siegessicher

Besonders beim Rechenschaftsbericht des Landesvorstands mit anschließender Aussprache könnte es in der Halle hitzig werden. Es werde „viel dreckige Wäsche gewaschen“, heißt es aus Parteikreisen. Davon gibt es genug. Die AfD kann über die Vetternwirtschaftsaffäre streiten, über den Rauswurf von Matthias Helferich, über die frisch zum rechtsextremistischen Verdachtsfall erklärte „Generation Deutschland NRW“ und über den Landtagsabgeordneten Klaus Esser, dem Titelmissbrauch und Urkundenfälschung vorgeworfen wurde. Letzterer Fall gilt als besonders umstritten: Der Dürener Abgeordnete ist ein Verbündeter von Martin Vincentz. Im Herbst endete ein Parteiausschlussverfahren glimpflich: Esser bekam nur eine rückwirkende Ämtersperre von 18 Monaten. Sein Rauswurf ist vom Tisch.

Zwei Tage vor dem Parteitag gab sich Martin Vincentz entspannt. Einen Landesvorstand, in dem seine innerparteilichen Gegner eine Mehrheit stellen, könne er sich „nicht vorstellen“, so der 39-Jährige. Der Krefelder Allgemeinmediziner spricht sich für einen weniger radikalen Kurs seiner Partei aus. In Gesprächen bezeichnet er die AfD konsequent als „konservativ“. Die Unterstützung für diesen Kurs scheint derzeit zu schwinden. Auch enge Verbündete von Vincentz fanden ihre Namen zuletzt in Verfassungsschutzgutachten wieder.

Als einer von Vincentz‘ Stellvertretern kandidiert erneut Kay Gottschalk, stellvertretender AfD-Bundessprecher und Abgeordneter im Bundestag. Dort, in Berlin, scheint es derzeit kaum harmonischer: Zuletzt warf Gottschalk seiner Fraktionskollegin Beatrix von Storch Medienberichten zufolge vor, sie habe ihn im Streit geschlagen. Von Storch widersprach demnach: Sie habe ihm lediglich auf die Stirn getippt. Sven Tritschler, Landtagsabgeordneter aus Köln, will ebenfalls erneut in den Landesvorstand gewählt werden. Im Gegensatz zu Gottschalk unterstützt er Vincentz' Gegner. 

„Generation Deutschland“ unterstützt Doppelspitze

Vermutlich, sagt ein Delegierter, werde der neue Landesvorstand heterogen aufgestellt, mit Vertretern aus beiden Lagern. Das würde allerdings auch bedeuten: Der Streit im Vorstand geht weiter.

Christian Zaum im Bundestag

Christian Zaum geht zusammen mit Jacobi in die Kampfkandidatur gegen Vincentz

Die Doppelspitze aus Christian Zaum und Fabian Jacobi wird vom völkischen Lager um den rechtsextremen Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich unterstützt, aber auch von einigen Delegierten, die sich mit Teilen des Vincentz-Lagers zerstritten haben. Die AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland NRW“ ruft ebenfalls zur Wahl der Doppelspitze auf. „Ich denke nicht, dass Vincentz wieder eine Mehrheit im Landesvorstand bekommt“, sagt Helferich. Auch für ihn geht es am Samstag um viel: Vincentz ließ Helferich aus der Partei werfen. Sollten Helferichs Verbündete künftig den Landesvorstand dominieren, könnten sie den Parteiausschluss zurückziehen – und Helferich wäre womöglich noch am Wochenende zurück in der Partei.

Vor den Abstimmungen wird Alice Weidel ein Grußwort in Marl sprechen. Die Parteichefin soll zuletzt versucht haben, zwischen den Lagern zu schlichten: Sie soll sowohl Vincentz als auch Helferich zu einem gemeinsamen Treffen in Berlin eingeladen haben. Vincentz sagte aus Termingründen ab. Stattdessen soll er ein Treffen mit den Parteichefs und dem gegnerischen Lager in Düsseldorf vorgeschlagen haben. Dies fand nie statt. Manche in der Partei vermuten, Weidel könnte ihr Grußwort für einen Appell für Zusammenhalt nutzen. Fest steht: Matthias Helferich wird die Rede nicht hören. Der Kopf des völkischen Lagers hat beim Parteitag Hausverbot.