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ArzneimittelausgabenWie das deutsche Gesundheitssystem Milliarden einsparen könnte

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Tabletten und Euro-Scheine liegen auf einem Tisch einer Apotheke.

Die Versorgung mit Arzneimitteln ist in Deutschland sehr gut - auch teure Medikamente stehen jedem Versicherten nach der Zulassung sofort zur Verfügung. Im internationalen Vergleich geben wir dafür aber überproportional viel Geld aus.

Die gesetzlichen Krankenkassen geben so viel für Arzneimittel aus wie nie zuvor. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) will nun Sparvorschläge der Finanzkommission umsetzen.

648 Euro. So viel gibt allein die Techniker Krankenkasse ihrem Geschäftsbericht zufolge im Schnitt pro Versichertem und Jahr für Medikamente aus – zehn Prozent mehr als noch 2023. Hochgerechnet auf alle gesetzlich Versicherten in Deutschland summierten sich die Arzneimittelausgaben der GKV 2024 auf fast 55 Milliarden Euro. Nur für Krankenhausaufenthalte zahlten die Kassen mehr. Das Wachstum ist enorm: In zehn Jahren sind die Ausgaben um 57 Prozent gestiegen, von 35 auf 55 Milliarden Euro. Die Einnahmen halten längst nicht mehr mit. Im kommenden Jahr droht den gesetzlichen Kassen ein Finanzloch von gut 15 Milliarden Euro.

Nachdem die Finanzkommission Gesundheit zuletzt einen Maßnahmenkatalog vorgelegt hatte, wie die immensen Kosten für den Gesundheitsapparat gesenkt werden können, kündigte Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nun Einschnitte für Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Pharmahersteller, Apotheken, Krankenkassen sowie Versicherte und Arbeitgeber an. Bei den Preisen und Vergütungen soll demnach eine Koppelung an die Einnahmenentwicklung greifen.

Stärker als bisher soll die Bezahlung an „nachweisbaren Nutzen“ geknüpft werden. Vor bestimmten Eingriffen soll laut Warken verpflichtend eine zweite medizinische Meinung eingeholt werden. Auch die Arzneimittelversorgung kam auf den Prüfstand. Medikamente sollen verstärkt mit günstigeren Rabattverträgen gehandelt werden, so Warken. Tim Steimle, Fachbereichsleiter Arzneimittel bei der Techniker Krankenkasse, unterstützt das Vorhaben und sagt dazu im Gespräch mit unserer Redaktion: „Deutschland hat eine richtig gute Arzneimittelversorgung. Sie ist nur wahnsinnig teuer.“

Medikamente sind in Deutschland besonders schnell verfügbar

Beides stimmt. Deutschland stellt sicher, dass neue Medikamente schneller verfügbar sind als fast überall sonst auf der Welt. Im Schnitt vergehen nach der EU-Zulassung nur vier Monate, bis deutsche Ärzte das erste Rezept ausstellen. In Frankreich dauert es anderthalb Jahre, in Spanien müssen Patienten fast zwei Jahre warten. Und: Sobald ein Mittel zugelassen ist, zahlen die Kassen – bedingungslos, für jeden Versicherten, sagt Steimle: „Das ist in vielen anderen Ländern nicht selbstverständlich. Das sollten wir uns auch weiter leisten können.“

Doch im System lauern auch Konstruktionsfehler, die Milliarden kosten.

Das Arzneimittelgeschäft fächert sich in zwei Teile auf. Auf der einen Seite stehen in der Apotheke Standardmittel wie Aspirin, deren Patentschutz längst abgelaufen ist. Für sie gibt es eine ganze Reihe günstiger Generika, die die Arzneimittelausgaben der Kassen entlasten. Auf der anderen Seite entstehen neue, patentgeschützte Innovationen – Krebsmittel, Diabetes-Therapien, Biologika. Sie machen gerade einmal sieben Prozent aller in Deutschland abgegebenen Packungen aus. Aber sie verursachen 54 Prozent aller Arzneimittelausgaben.

Medizinischer Fortschritt hat seinen Preis. Dank neuer Wirkstoffe sind heute Krankheiten behandelbar, die für Patienten früher tödlich endeten. Das Problem liegt allerdings darin, dass Deutschland für denselben Fortschritt erheblich mehr zahlt als andere Industriestaaten.

Jährlich ließen sich Milliarden sparen, ohne Patienten schlechter zu versorgen

Einzelne Präparate sind in anderen Ländern bis zu 75 Prozent günstiger, hat die Techniker Krankenkasse ermittelt. „Bereits bei den zehn umsatzstärksten Produkten könnten wir bei Anpassung an internationale Preise bis zu 50 Prozent einsparen“, sagt Steimle unserer Redaktion. Das zeigen Berechnungen auf Basis von NAVLIN-Daten, einer Datenplattform für Pharmafirmen. Gut 2,8 Milliarden Euro jährlich ließen sich so einsparen – ohne einen einzigen Patienten schlechter zu versorgen.

Grafik Arzneimittelpreise

Viele Arzneimittel sind in Deutschland erheblich teurer als in anderen Industriestaaten.

Das Beispiel Keytruda verdeutlicht den Mechanismus besonders plastisch. Das Krebsmittel des US-Konzerns MSD ist das umsatzstärkste Medikament im deutschen GKV-Markt. „Hier würden wir beispielsweise eine Milliarde im Jahr sparen, wenn wir es zum selben Preis einkaufen könnten wie Südkorea“, sagt Steimle. Keytruda ist kein Einzelfall. Auf der Liste der überteuerten Medikamente stehen auch Diabetes-Mittel, Blutverdünner, Augenmittel, ein Präparat gegen Mukoviszidose.

Macht man sich auf die Suche nach dem Ursprung der Kostspieligkeit, findet man diesen im deutschen Preisfindungsmodell, dem AMNOG-System, AMNOG steht für Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz. Bringt ein Hersteller ein neues Medikament auf den Markt, darf er in den ersten sechs Monaten jeden Preis verlangen, den er für richtig hält. Die Kassen müssen zahlen. Erst nach diesem halben Jahr verhandeln Kassen und Industrie über einen Erstattungsbetrag. Der Einstiegspreis setzt den Anker. Er beeinflusst die Verhandlung – psychologisch und faktisch.

Hinzu kommt: Die Spielregeln für Hersteller und Kassen sind nicht gleich. Den Herstellern steht der Rückzug offen, wenn der erwünschte Preis nicht durchsetzbar ist. Die Kassen dagegen können aus den Verhandlungen nicht aussteigen. Einigen sie sich nicht mit dem Hersteller, entscheidet eine Schiedsstelle – und der Preis gilt, egal wie hoch er ausfällt. Beim Nachbarn Frankreich beispielsweise ist das anders geregelt. Dort kann eine Kommission dem Ministerium jederzeit eine Nicht-Erstattung empfehlen. Eine Drohkulisse, die geeignet ist, den Preis zu drücken.

Die Tricks der Pharmafirmen

Zur strukturellen Überteuerung kommen noch gezielte Strategien der Industrie, den Hochpreiszeitraum zu strecken, sagt Steimle: „Manche Pharmafirmen verändern einfach die Gabe der Arznei – beispielsweise von intravenös auf subkutan – und verlängern so den Patentschutz um mehrere Jahre. Obwohl der Arzneistoff noch genau derselbe ist.“ Dieses sogenannte Evergreening ist legal, aber kostspielig für die Solidargemeinschaft der Versicherten.

Die Kassen begrüßen den Maßnahmenkatalog der Finanzkommission, beziehungsweise dessen aus Arzneimittelsicht bedeutsamsten Kernstück: die Dynamisierung des Herstellerabschlags. Heute zahlen Pharmahersteller den Kassen einen gesetzlichen Rabatt von sieben Prozent. Für 2027 soll dieser nach den Vorschlägen der Kommission auf 14 Prozent steigen – und ab 2028 an die Einnahmenentwicklung der GKV gekoppelt werden. Wächst das Ausgabenvolumen stärker als die Einnahmen, steigt der Abschlag automatisch mit. Ob das Kernstück aber auch in vollem Umfang Eingang in ein Gesetz findet? Warkens aktuelle Einsparankündigungen seien hier „teilweise noch vage“, sagt Techniker-Chef Jens Baas.

Steimle unterstützt den ursprünglichen Ansatz der Kommission: „Von den arzneimittelbezogenen Vorschlägen bringt der dynamische Herstellerabschlag das meiste Einsparpotenzial. Wir könnten uns Innovationen immer noch leisten, würden die Investitionen aber an den Einnahmenzuwachs koppeln und bei zu starken Ausschlägen die Erstattungen der Pharmaindustrie kürzen."

Darüber hinaus sieht der Katalog eine Preis-Mengen-Regelung vor: Je 100 Millionen Euro Umsatz sollen die Hersteller zwei Prozent Rabatt gewähren – je höher der Umsatz, desto höher der Abschlag. Warken will diesen Vorschlag umsetzen, definiert die Höhe aber noch nicht näher.

Die Konzerne formieren sich bereits. Sie verweisen auf den Koalitionsvertrag, in dem die Bundesregierung den Pharmasektor zur „Leitindustrie“ erklärt hat. Wer hohe Preise beschneide, gefährde Forschung, Produktion und Verfügbarkeit im Land, lautet das Argument.

Die Daten spiegeln das, zumindest was die Verfügbarkeit betrifft, nicht wider. Mehr als 99 Prozent aller GKV-relevanten Arzneimittel sind laut Zahlen der Techniker in Deutschland sofort erhältlich. Die gefürchteten Lieferengpässe haben sich demnach nach Einführung des Arzneimittellieferungs-Verbesserungsgesetzes (ALBVVG) deutlich entspannt: Bei Antibiotika sank die Zahl lieferunfähiger Präparate von 166 im Juni 2023 auf 35 im Oktober 2025.