Der Kölner Arzt Mertcan Usluer klärt bei Instagram als „Gynäkollege“ erfolgreich über Gesundheitsthemen auf. Er spricht über Ungerechtigkeiten,
„Gynäkollege“ Usluer„Unsere Medizin ist auf dem hetero-, cis-, weißen Mann aufgebaut“

Dr. Mertcan Usluer, im Internet unterwegs als der „Gynäkollege“
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Herr Usluer, welcher Mythos über den weiblichen Körper hält sich am hartnäckigsten?
Am hartnäckigsten hält sich der Mythos, dass wir, wenn wir auf Frauenheilkunde, auf Medizin und auf Geschlechter schauen, glauben, dass wir bereits eine faire Medizin haben. Eine Medizin, die Frauen so behandelt und diagnostiziert, wie sie ihren Körper spüren. Das können wir aber leider nicht. Egal, wie sehr sich ein Arzt oder eine Ärztin Mühe gibt, die Person, die gerade vor ihr sitzt, fair und gerecht zu behandeln: Die Medizin, die wir haben, ist auf dem hetero-, cis-, weißen Mann aufgebaut. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, ein feministischer Arzt zu sein, wenn die Grundlagen nicht entsprechend sind, ist das sehr schwierig.
Welche Folgen hat das?
Das Gefährlichste ist, dass sehr viele behandelnde Personen gar nicht auf dem Schirm haben, dass sich Erkrankungen anders darstellen, je nachdem, welche Lebensrealität eine Person hat. Frauen haben etwa ein höheres Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, weil diese in der Notaufnahme viel seltener diagnostiziert werden. Nicht aufgrund von biologischen Begebenheiten, nicht weil Frauenherzen anders schlagen, sondern weil wir beschlossen haben, jahrhundertelang zu sagen: Wir schauen uns einfach nur an, linker Arm tut weh, vielleicht der Kiefer, dann ist es ein Herzinfarkt. Symptome, die davon abweichen, stellen ein Gesundheits- und ein Lebensrisiko für alle anderen dar. Das sollte es nicht mehr geben.
Wie schwer war es, als Kind aus einer Nicht-Akademiker-Familie und mit Migrationsgeschichte erfolgreich ein Medizinstudium zu absolvieren?
Wir hatten kaum Geld, aber meine Eltern haben alles dafür getan, dass wir zur Uni gehen konnten. Ich habe erst spät ein Klassen- und Rassismusbewusstsein entwickelt. Das hat mich auch ein bisschen geschützt. Es gibt aber Doppelstandards. In der Uni gab es vielleicht eine Handvoll Menschen mit Migrationsgeschichte. Ich habe von einer Dozentin, die mich prüfen sollte, gehört: „Die Schwarzköpfe bestehen doch eh nicht.“ Das gibt dir nicht das Gefühl, willkommen in diesem System und an diesem Ort zu sein. Daran störe ich mich sehr. Anscheinend gibt es eine Grenze für das, was marginalisierte Personen und vor allem rassifizierte Personen in Deutschland erreichen sollen. Als meine Oma OP-Säle geputzt hat, war das völlig okay und gesellschaftlich anerkannt. Aber eine Oberärztin mit Kopftuch? Die soll da nicht sein.
Wie war das im Kontakt mit Patientinnen und Patienten?
Es kommt bei mir sehr stark darauf an, wie es mir gerade geht. Ich kann das super wegstecken, wenn ich das Gefühl habe, was die andere Person da sagt, soll mich entweder bewusst oder unterbewusst verletzen oder ausschließen. Die Worte haben am Ende des Tages keine Macht über mich. Aber wenn ich acht Stunden im OP stand und mir noch nach Feierabend die Zeit genommen habe, nach einem Mädchen zu sehen, das ich operiert hatte, und die Mutter sagt „Was ist das denn für ein Arzt? Ich dachte, das wäre der Klempner. Wie sieht der denn aus?“, trifft mich das.
Ich könnte einen Oscar bekommen und müsste die Leute trotzdem davon überzeugen, dass ich einer von den Guten bin
Wie gehen Sie damit um?
Seit ich ein Kind bin, kämpfe ich um Zugehörigkeit und eine externe Validierung. Ich habe lange gedacht, sobald ich das Studium abgeschlossen habe, sobald ich einen Doktortitel habe, sobald ich einen Grimme Online Award habe, habe ich endlich das Gefühl: Jetzt habe ich es geschafft. Aber es hört nicht auf. Ich könnte einen Oscar bekommen und müsste die Leute trotzdem davon überzeugen, dass ich einer von den Guten bin. Das möchte ich nicht mehr. Mir genügt es, dass ich existiere, wie ich bin. Wenn es Leuten passt, dann passt es. Und wenn nicht, dann nicht. Arbeitsamkeit und Wirtschaftlichkeit sind keine Legitimierung für Existenz.
Fällt es Ihnen als queere, migrantische, männlich gelesene Person leichter, Empathie für Menschen zu haben, die im Gesundheitssystem benachteiligt werden?
Diskriminierte und marginalisierte Gruppen müssen sich füreinander einsetzen. Es ist sehr traurig mitanzusehen, wenn Menschen aus verschiedenen deprivilegierten Gruppen Grabenkrieg führen. Am Ende des Tages wäre es doch viel schöner, wenn man als Mensch, der Rassismuserfahrung gemacht hat, die Weitsicht hat, zu sagen: Es ist unfair, was mir passiert. Aber es ist auch sehr unfair – ohne das gegeneinander aufzuwiegen –, welche Benachteiligung queere, finanziell deprivilegierte Menschen und Menschen mit Behinderung erleben. Der Feind ist nicht die Person, die auch deprivilegiert wird.
Braucht es im Medizinstudium einen Ausbildungsteil Empathie und richtige Ansprache?
Ja, es sollte eigentlich in jedem Fachbereich ein essenzielles Modul geben, in dem man lernt, wie man über die Erkrankung spricht und sensibel für die Lebensrealitäten ist. Es wird aber oft so getan, dass man das schon hinkriegt und das Fachliche deutlich wichtiger sei. Dabei ist es entscheidend, dass wir in einem menschlich so lebenswichtigen Bereich die Leute dort abholen, wo sie sind.
Warum gelingt das so selten in der täglichen Arbeit?
Das lässt sich nicht vergüten. Wenn ich eine Stunde lang mit einer Patientin nach einer OP rede oder auch in einer Praxis eine Stunde lang Verhütungsaufklärung mache, gibt es keine Kennzahl, die ich dafür eintragen kann. Ich kriege das nicht bezahlt. Und das System ist ohnehin überlastet. Wir haben viel zu wenige Pflegekräfte, Ärzt:innen, zu wenig Zeit.
Ist das ein Grund, warum Sie Ihren Job im Krankenhaus in Köln gekündigt und einen neuen in Düsseldorf begonnen haben?
Ja, ich möchte nicht mehr in einem System funktionieren, in dem ich das Gefühl habe, ich stehe mit einem Bein im Gerichtssaal und mit dem anderen im Burn-out und in der Therapie. Ich stellte mir den Arztjob anders vor. Ich glaube, das geht sehr vielen Menschen so. Aber es ist ein kapitalistisches Hamsterrad, und wir sind weggekommen von Menschlichkeit und Empathie, die die Medizin eigentlich innehaben sollte. Ich glaube mittlerweile, dieser Systemfrust hat dazu geführt, dass ich aktuell eine Pause im Krankenhaus-Job mache.
Es ist ein kapitalistisches Hamsterrad, und wir sind weggekommen von Menschlichkeit und Empathie, die die Medizin eigentlich innehaben sollte
Der Frust war auch einer der Gründe, warum Sie Ihren Instagram-Kanal „Der Gynäkollege“, auf dem Sie sehr erfolgreich über viele Themen aufklären, gestartet haben, oder?
Absolut. Ich habe im Studium angefangen, hier und da mal journalistisch frei zu arbeiten, und schon seit meiner Kindheit rede ich gerne und drehe gerne Videos. Irgendwann dachte ich: Ich kann diese Kompetenzen zu etwas Neuem bündeln. Es war gleichzeitig eine Art Schutzmechanismus: Wenn ich tagtäglich versuche, in dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, Diskriminierungsstrukturen im Gesundheitssystem anzusprechen, schieße ich mir selbst ins Bein.
Und bei Social Media ist das anders?
Wenn ich in meinem Wohnzimmer ein wütendes Video drehe, kann ich mich immer entscheiden, wann ich die Nachrichten und Kommentare lese und schaue, ob das gut angekommen ist. Das ist für mich eine sehr gute Art und Weise, viele Menschen zu erreichen, millionenfach mehr, als ich es in einer Sprechstunde könnte – und trotzdem meinen Safe Space nicht zu verspielen.
Sie klären als Arzt medizinisch fundiert auf. Gleichzeitig gibt es gerade bei Social Media viele, die Fehlinformationen verbreiten.
Es sollte nicht möglich sein, im Internet ohne Regularien auf großen Social-Media-Plattformen eine Reichweite aufzubauen, indem man mit der Angst von Menschen Geld verdient und denen Sachen verspricht, die nicht zu halten sind. Es herrscht meiner Meinung nach eine riesige Lücke zwischen dem Wissen, das allen Menschen frei zugänglich sein sollte, und dem, was wir Ärtzt:innen tatsächlich an Gesundheitskompetenz vermitteln. Wir vermitteln zu wenig Wissen und wundern uns dann, dass die Menschen versuchen, das auf Social Media zu kompensieren. Ich würde es genauso machen.
Einerseits steigt die Sensibilität für die Themen, die Sie besprechen, andererseits erleben wir einen gewaltigen Backlash, wenn es um Frauenrechte geht. Sind Sie eher pessimistisch oder eher optimistisch, wenn Sie in die Zukunft blicken?
Ich bin optimistisch, aber wenig realistisch, glaube ich. Anders komme ich wirklich nicht klar. Eine Welt, in der alle gerecht behandelt werden und niemand mehr diskriminiert wird, klingt wie eine Utopie. Ich weiß aber, dass ich diesen Traum leben und alles dafür tun möchte. Es hört sich ein bisschen an wie eine Sekte, aber ich will Leute davon überzeugen, dass wir eine nettere Welt haben könnten, auf der allen Menschen ihr Menschenrecht auf Gesundheit zusteht.
Mertcan Usluer, Jahrgang 1997, wuchs in Düren auf. Er studierte bis 2022 Medizin, 2024 wurde er promoviert. Von 2022 bis 2025 war er Assistenzarzt für Geburtshilfe und Gynäkologie am EVK Klinikum Köln Weyertal. Als „Gynäkollege“ Dr. Mertci vermittelt er bei Instagram Wissen rund um Themen wie Endometriose, Verhütung, Abtreibung, reproduktive Rechte oder Diskriminierung im Gesundheitssystem. Dafür wurde er 2025 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.
Am 26. März, 20 Uhr, ist er zu Gast in der Talkreihe „Baby, don’t give up“ im Schauspiel Köln. Dort spricht er mit Traudl Bünger über seine Vision einer Medizin, die alle Menschen sieht und einschließt. Tickets kosten 22, ermäßigt 11 Euro, und sind beim Schauspiel Köln erhältlich.
Das ganze Gespräch mit Mertcan Usluer hören Sie im Podcast „Talk mit K“ kostenlos auf allen gängigen Podcast-Plattformen und unter ksta.de/podcast

