Immer mehr Kinder und Jugendliche wachsen zumindest zeitweise außerhalb ihrer Herkunftsfamilie auf. Zugleich wird es schwieriger, geeignete Pflegeeltern zu finden – eine Entwicklung, die auch in Leverkusen deutlich spürbar ist.
JugendhilfeBedarf an Pflegefamilien in Leverkusen steigt

„Wir begleiten die Kinder und Familien oft über viele Jahre hinweg. Teilweise bis zur Volljährigkeit. Gleichzeitig werden einige Jugendliche jetzt erwachsen, und wir suchen dringend neue Familien", sagt Tamara Chebeko (rechts).
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„Viele Städte in NRW haben aktuell Schwierigkeiten, Pflegefamilien zu finden“, sagt Claudia Karlhofer vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM). „Dabei hat diese Form der Jugendhilfe eine lange Tradition. Wir wünschen uns, dass sie auch in Zukunft bestehen bleibt. Vielleicht wissen viele Menschen gar nicht, dass es diese Möglichkeit gibt", sagt die 59-Jährige.
Aktuell leben in Leverkusen rund 130 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien, ein Großteil von ihnen bei Verwandten. Für akute Notfälle stehen zehn Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung.
Der Bedarf ist groß, bestätigt Tamara Chebeko, Fachberaterin beim Sozialdienst Katholischer Männer: „Wir begleiten die Kinder und Familien oft über viele Jahre hinweg. Teilweise bis zur Volljährigkeit. Gleichzeitig werden einige Jugendliche jetzt erwachsen, und wir suchen dringend neue Familien.“
Wenn Hilfe zu Hause nicht reicht
Warum Kinder und Jugendliche außerhalb ihrer Familie untergebracht werden, hat ganz unterschiedliche Ursachen. Häufig sind die Eltern sehr überfordert. „Manchmal kommen Eltern selbst auf das Jugendamt zu, weil sie merken, dass sie ihr Kind nicht ausreichend versorgen können“, erklärt Tamara Chebeko. In anderen Fällen seien es Lehrkräfte, Nachbarn oder das soziale Umfeld, die Hinweise geben. Wichtig sei dabei: Ein Kind werde nicht vorschnell aus der Familie genommen. „Es wird immer zuerst geprüft, wie man die Familie unterstützen kann“, betont Claudia Karlhofer. „Erst wenn ambulante Hilfen nicht ausreichen, kommen wir ins Spiel.“
Das Thema Kindeswohl sei heute sichtbarer als noch vor einigen Jahren. „Es gibt deutlich mehr Öffentlichkeit dafür“, sagt Tamara Chebeko. Auch Claudia Karlhofer sieht das so, warnt aber gleichzeitig vor einer problematischen Entwicklung: „Die personellen Ressourcen bei Jugendämtern und Trägern werden weniger. Gleichzeitig entscheiden sich weniger junge Menschen für soziale Berufe.“ Daher sei nicht klar, ob die vorhandenen Mittel langfristig ausreichen.
Wer Pflegefamilie werden kann
Ein festes „Idealbild“ gibt es nicht. Pflegefamilien können ganz unterschiedlich aussehen: Einzelpersonen, Paare mit oder ohne eigene Kinder, heterosexuell oder queer. „Familie ist ein breiter Begriff“, sagt Tamara Chebeko. Wichtiger als der Lebenslauf seien persönliche Eigenschaften: Zeit, Stabilität, Geduld und Einfühlungsvermögen. „Man muss sich bewusst sein, was auf einen zukommt“, erklärt sie.
Dazu gehört auch der Kontakt zur Herkunftsfamilie des Kindes. Vor einer Aufnahme werden Interessierte intensiv vorbereitet. „Es bleibt nicht bei einem Gespräch“, sagt Claudia Karlhofer. „In der Regel führen wir bis zu zehn Gespräche, machen Hausbesuche und prüfen die Lebenssituation sehr genau.“

Pflegefamilien geben Kindern die Chance auf unbeschwerte Momente.
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Kinder brauchen vor allem eines: Verlässlichkeit
Besonders häufig werden Pflegefamilien für jüngere Kinder gesucht. „Bei Zwei- bis Sechsjährigen ist die Chance am größten, stabile Bindungen aufzubauen“, sagt Tamara Chebeko. Gleichzeitig bringen viele Kinder besondere Herausforderungen mit: ADHS, Autismus oder Traumafolgen wie Bindungsstörungen. Doch Claudia Karlhofer warnt vor zu starren Kategorien: „Jedes Kind ist individuell. Entscheidend ist, den passenden Rahmen zu finden.“
In der Realität kommt manchmal alles anders als erwartet. Eine Familie, die zunächst nur Interesse bekundete, lernte ein Kind kennen – und entschied sich sofort. „Die Mutter sagt bis heute, sie habe sich ‚schockverliebt‘ “, erzählt Tamara Chebeko. Das Baby habe anfangs wahnsinnig geschrien und ihm wurden ursprünglich schwere Einschränkungen prognostiziert. Heute steht der junge Mann kurz vor seinem Ausbildungsabschluss. „Durch individuelle Förderung haben sie gemeinsam unglaublich viel erreicht.“

Pflegefamilien schaffen Raum für gemeinsame Erfahrungen und neue Erinnerungen.
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Pflegefamilien erhalten finanzielle Unterstützung. Seit 2026 liegen die monatlichen Pauschalen je nach Alter des Kindes zwischen 764 und 1072 Euro, hinzu kommt ein Erziehungsbeitrag von 439 Euro. Doch viele halten das für nicht ausreichend. Steigende Mieten, sinkende Einkommen und unsichere Altersvorsorge setzen Pflegefamilien zunehmend unter Druck. Verbände fordern deshalb mehr Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung. „Bezahlbarer Wohnraum ist für viele ein K.o.-Kriterium“, sagt Claudia Karlhofer.
Ich würde mir mehr Dankbarkeit für die Familien wünschen.
Neben finanziellen Fragen geht es auch um gesellschaftliche Anerkennung. „Ich würde mir mehr Dankbarkeit für die Familien wünschen“, fordert Tamara Chebeko. „Diese Arbeit findet im Privaten statt und ist oft nicht sichtbar.“ Claudia Karlhofer ergänzt: „Leider werden eher negative Beispiele bekannt. Dabei ist es unglaublich wichtig zu zeigen, wie wertvoll diese Arbeit ist.“
Die Entscheidung, ein Pflegekind aufzunehmen, braucht Zeit. „Das ist ein langer Prozess“, betont Tamara Chebeko. Umso wichtiger sei es, immer wieder zu informieren und Menschen anzusprechen.
Kontakt
Wer sich vorstellen kann, ein Pflegekind zu betreuen, kann sich für ein Vorgespräch bei Susanne Eichler unter eichler@skm-leverkusen.de melden. Die Stadt Leverkusen vermittelt ebenfalls Pflegekinder über den Fachbereich Kinder und Jugend. Die Abteilung kümmert sich um Kinder, die vorübergehend oder dauerhaft nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können. Telefon: 0214 406-5101.

