Kickboxer Mykhailo (16) aus der Ukraine hat schon sechs Titel gewonnen. Der Sportclub Best Gym in Bergisch Gladbach ist zu seinem zweiten Zuhause geworden.
Bergisch GladbachWie Kickboxen einem ukrainischen Jungen half, sich einzuleben

Konzentriert und mit Wucht führt Ausnahmetalent Mykhailo aus Bergisch Gladbach die Tritte und Schläge aus. Sein Trainer gibt ihm immer wieder Tipps.
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Es geht ums Kämpfen, aber auch darum, die eigene Stärke zu fühlen: Kickboxer Mykhailo Mykhaylichenko ist gerade erst 16 Jahre alt geworden und die Boxhandschuhe gehören untrennbar zu seinem Leben. Bei deutschen und internationalen Wettkämpfen hat er schon sechs Titel geholt. Es ist eine besondere sportliche Erfolgsgeschichte, aber vor allem auch eine Geschichte darüber, wie Sport und engagierte Trainerarbeit einem jungen Ukrainer helfen, sich in Bergisch Gladbach zuhause zu fühlen.
In der mit grauen Matten ausgelegten Trainingshalle im ersten Stock der Kampfsportschule Best Gym, etwas versteckt in einem Hinterhof an der Kalkstraße gelegen, riecht es nach Gummimatten. Beim Training im Ring geht es konzentriert zu, diszipliniert und still. Mykhailo trägt Schienbeinschoner und Kopfschutz, sein Gesicht wird dadurch zusammengedrückt, sein Blick wirkt ein bisschen grimmig.
Der Trainer gibt Tipps zu Beinarbeit und Schlaglänge
Die Stille im Raum wird vom Geräusch der Beinarbeit durchbrochen, nackte Füße auf Gummi. Dumpfe Schläge der Fäuste gegen die Schaumstoffblöcke, Pratzen genannt, die Trainer Vladislav Suslov um seine Hände geschnallt hat.
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Es sieht aus wie ein vom Trainer choreographierter Tanz: Mykhailo tänzelt in Lauerhaltung hin und her. Dann prescht die Linke nach vorn erst in Kopfhöhe, dann die Rechte auf den Bauch. Dahinter steckt jedes Mal eine enorme Wucht. Immer mal wieder unterbricht Suslov mit einem Tipp zur Beinarbeit oder Schlaglänge. Dann Rückzug, die Fäuste vors Gesicht und wieder von vorn, minutenlang in hohem Tempo. Die Schultern glänzen feucht vom Schweiß.

Ein emotionaler Moment: Mykhailo und sein Trainer Vladislav Suslov ( l.) nach dem ersten Sieg bei der Europameisterschaft.
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Für den 16-Jährigen ist das Gym zu einem Ankerpunkt in seinem Leben geworden. 2022 musste der damals Zwölfjährige mit seiner Mutter vor dem Krieg in der Ukraine und den ständigen Raketenangriffen flüchten, während sein Vater in der frontnahen Heimatstadt Charkiw zurückblieb. Er leistet seinen Kriegsdienst vor Ort und kümmert sich um die Großeltern. Traurig und entwurzelt, kamen Mutter und Sohn im Flüchtlings-Containerdorf in Lückerath unter.
„Als ich am zweiten Tag hörte, dass es in Bergisch Gladbach eine Kampfsportschule gibt, habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin dorthin gefahren“, erinnert er sich. In seiner Kindheit habe er immer Sport gemacht: „Ich suchte einen Ort, wo ich als normal angesehen werde.“

Der 16-Jährige Ausnahmeathlet Mykhailo aus Bergisch Gladbach mit seinen Trophäen.
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Trainer Suslov war zu jener Zeit der richtige Mann am richtigen Ort. Schon bei den ersten Trainingseinheiten habe er das Talent seines neuen Schützlings erkannt. Aber, dass sich der Junge zu einem Star im Kickboxen und Thaiboxen, bei der koreanische Kampfsportart werden zusätzlich die Ellenbogen und Knie eingesetzt, entwickeln würde, sei da noch nicht abzusehen gewesen.
„Das wichtigste im Kampfsport ist Disziplin. Es kommen nicht automatisch die weiter, die das größte Talent haben, sondern die, die Lernbereitschaft, mentale Stärke und Ausdauer zeigen“, betont Suslov.
Anders als beim Fußball gibt es nicht einen großen Verband, sondern viele kleinere, einige davon privat. Seinen ersten Titel als Deutscher Meister holte er 2024. „Ich war wohl der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt“, sagt Mykhailo.
Inzwischen zählen sechs Gürtel zu seinen Trophäen: Er wurde drei Mal Deutscher Meister und drei Mal Europameister. Bei den Amateurwettkämpfen tritt er für den Sportclub Best Gym an, repräsentiert aber als Sportler gleichzeitig auch die Stadt Bergisch Gladbach.
Nach den Hausaufgaben, wird trainiert, fünfmal in der Woche
Fünfmal in der Woche wird trainiert, immer nach den Hausaufgaben, nur sonntags ist Ruhetag. „Gerade junge Menschen, die schwierige Erfahrungen gemacht habe, profitieren von klaren Strukturen, Verlässlichkeit und einem Umfeld, das sie unterstützt“, sagt der Trainer.
Für den jungen Ausnahmeathleten ist der Sportclub dabei viel mehr als eine Trainingsstätte. „Hier kann ich alles rauslassen, kann abschalten und mich auf bestimmte Dinge konzentrieren “, meint der 16-Jährige. Es ist aber auch ein Ort, wo er Vertrauen aufbaute, Freundschaften schloss und Teil einer Gemeinschaft wurde. Inzwischen wohnt er mit seiner Mutter in einer eigenen Wohnung, spricht hervorragend Deutsch und besucht das Albertus-Magnus-Gymnasium in Bensberg.
„Mykhailo hat seinen Weg gefunden, er kann sich besser durchsetzen und verfolgt eigene Ziele“, freut sich Suslov. „Ich möchte gerne Physiotherapeut werden“, sagt sein Schützling. Ein Leben ohne Kickboxen? „Das ist nicht vorstellbar“. Dieser Sport sei seine Leidenschaft, mehr noch ein Lebensinhalt, sagt Mykhailo. Im Mai steigt er wieder bei einem großen Wettkampf in den Ring: Er will wieder Deutscher Meister werden.

