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Vor Keller-Duell FC gegen WerderVerkehrte Welt an Rhein und Weser

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Im Hinspiel in Bremen trennten sich der FC (l. Jakub Kaminski) und Werder (Cameron Puertas) 1:1.

Im Hinspiel in Bremen trennten sich der FC (l. Jakub Kaminski) und Werder (Cameron Puertas) 1:1.

Abstiegskampf pur am Sonntag zwischen Köln und Bremen – doch die Stimmungslage bei den Traditionsklubs könnte kaum unterschiedlicher sein.

Wenn sich am Sonntag (15.30 Uhr) die Traditionsklubs 1. FC Köln und SV Werder Bremen gegenüberstehen, ist Abstiegskampf pur angesagt. Der FC steht mit 27 Punkten auf Rang 15, Werder liegt mit einem Zähler mehr einen Platz darüber auf Position 14. Viel trennt die beiden also nicht – auf dem Papier zumindest. Die Gemengelage rund um beide Klubs könnte allerdings unterschiedlicher kaum sein.

Am Donnerstag herrschte am Geißbockheim eitel Sonnenschein – zumindest meteorologisch. Für eine Mannschaft allerdings, die seit acht Spielen sieglos ist und aus den vergangenen 18 Ligapartien lediglich zwei Siege geholt und jüngst den Trainer gewechselt hat (René Wagner übernahm für Lukas Kwasniok), wirkt die Stimmungslage bemerkenswert stabil. Ein Grund für die vergleichsweise ruhige Atmosphäre: Der FC ist Aufsteiger und trotz der dürftigen Ergebnisse waren die Leistungen zuletzt keine Katastrophe. In den jüngsten Partien gegen Borussia Dortmund (1:2), beim HSV (1:1), im Derby gegen Borussia Mönchengladbach (3:3) sowie zuletzt bei Wagners Premiere als Chef beim 2:2 in Frankfurt wäre mehr möglich gewesen. Die Chancen waren da – genutzt wurden sie jedoch nicht. Konsequenz: Der FC steckt tief im Tabellenkeller, hat es aber in der eigenen Hand, die Wende zu schaffen.

Diese Leistung gibt uns Zuversicht, dass uns nun im eigenen Stadion gegen Bremen ein enorm wichtiger Schritt zum Klassenerhalt gelingt.
Kölns Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler über das 2:2 in Frankfurt und den Blick nach vorne

„Natürlich hätten wir uns gewünscht, in Frankfurt zu gewinnen. Trotzdem kann dieser Punkt noch enorm wichtig werden. Ein Befreiungsschlag war möglich, den haben wir uns durch klare Fehler selbst genommen – das haben wir intern deutlich angesprochen. Entscheidend ist aber: Wir sind bei einem starken Gegner zurückgekommen, haben mutig gespielt und uns mehrere hochkarätige Chancen erarbeitet, die wir früher nutzen müssen. Diese Leistung gibt uns Zuversicht, dass uns nun im eigenen Stadion gegen Bremen ein enorm wichtiger Schritt zum Klassenerhalt gelingt“, sagt Geschäftsführer Sport Thomas Kessler im Gespräch mit dieser Zeitung.

Tatsächlich entsteht rund um das Geißbockheim derzeit der Eindruck, dass die Mannschaft nach der Trennung von Kwasniok noch enger zusammengerückt ist und intern eine Art Wagenburg gebildet hat. Dabei gäbe es durchaus genügend brisante Themen, die im Falle eines Abstiegs schnell wieder an die Oberfläche kommen könnten.

Doch nach sieben Abstiegen ist der Umgang mit Krisen ein anderer geworden. Die Demut ist beim mehr als 165.000 Mitglieder starken Traditionsklub spürbar gewachsen. Wer den FC genauer beobachtet, erkennt: Das alte Bild des notorisch unruhigen, ungeduldigen und bisweilen divenhaften Vereins greift so nicht mehr. Die Mechanismen der Branche wirken zwar auch in Köln, doch Kwasniok musste erst nach dem Absturz in der Tabelle und diversen Nebengeräuschen gehen – und der umstrittene Sportchef Christian Keller hielt sich mehr als drei Jahre im Amt. Auch im Vorstand gab es zuletzt Veränderungen, ohne dass daraus größere Unruhe entstanden wäre. Der anstrengende, emotionale Wahlkampf um die Macht war mit der Wahl des neuen Präsidiums beendet.

Ganz anders die Lage in Bremen. Der SV Werder galt lange – nicht zuletzt seit der Ära Rehhagel/Lemke/Fischer – als Inbegriff eines familiär geführten Klubs, der auch in schwierigen Phasen eng zusammensteht. Ein Selbstverständnis, das über Jahre hinweg auch sportlichen Erfolg begünstigte. Doch in dieser Saison weht ein deutlich rauerer Wind an der Weser und nicht nur ein laues Lüftchen wie am Rhein. Beobachter sprechen von der unruhigsten Spielzeit seit vielen Jahren. Vor allem Sportchef Clemens Fritz steht unter Dauerbeschuss. Kritik gibt es an der Transferpolitik, an Trainerentscheidungen und an organisatorischen Pannen im Winter-Transferfenster. Die Folge ist wachsender Unmut im Umfeld. Eine Mitgliederinitiative will sogar Abstimmungen über Fritz und Präsident Hubertus Hess-Grunewald herbeiführen – ein für Werder ungewöhnlicher Vorgang.

Dass es auch innerhalb der Mannschaft rumort, machte zuletzt Mitchell Weiser nach der 1:2-Niederlage gegen Leipzig deutlich. „Im vergangenen Sommer sind viele Dinge passiert, die fragwürdig waren. Neben der Entlassung von Ole Werner wurden auch wichtige Entscheidungen im Kader getroffen. Spieler sind gegangen, denen wir jetzt nachtrauern“, sagte der gebürtige Rheinländer und Ex-FC-Profi bei „Sky“. Und weiter: „Diese Entscheidungen waren für mich etwas fahrlässig.“ Gemeint gewesen sein dürfte unter anderem Torjäger Marvin Ducksch, der inzwischen in Birmingham spielt. Die Aussagen sorgten intern für Gesprächsbedarf, eine Sanktion blieb jedoch offenbar aus.

Ich bin ja bekannt dafür, ein Freund offener Worte zu sein, aber die Aussagen von Mitchell Weiser sind für mich nichts anderes als ein öffentlicher Frontalangriff auf die Vereinsführung. Sorry, aber so etwas geht nicht.
Werder-Legende Torsten Frings über die öffentliche Kritik von Bremens Mitchell Weiser

Deutlichere Worte fand hingegen Klublegende Torsten Frings. In seiner neuen Kolumne in der „Deichstube“ kritisierte er Weisers Vorstoß scharf und sprach von einem „öffentlichen Frontalangriff auf die Vereinsführung“. Gerade in der aktuellen Situation sei ein solches Vorgehen problematisch, weil es zusätzliche Unruhe schaffe. Gleichzeitig zeigte Frings aber auch Verständnis für den inhaltlichen Kern der Kritik. Die angesprochenen Punkte seien „nachvollziehbar“ und dürften nicht einfach beiseitegewischt werden. Dennoch, so Frings, gehöre eine solche Diskussion intern geführt – gerade in einer Phase, in der es für den Klub um nicht weniger als den Klassenerhalt gehe. So entsteht vor dem Duell der Eindruck einer verkehrten Welt an Rhein und Weser: Hier ein sportlich angeschlagener, aber erstaunlich stabil wirkender Aufsteiger – dort ein ebenfalls gefährdeter Traditionsklub, bei dem es hinter den Kulissen spürbar rumort. Gut möglich, dass sich diese unterschiedliche Gemengelage am Sonntagabend ab 17.15 Uhr noch weiter manifestiert. Andererseits gilt ebenso: Sollte der FC verlieren, dürfte die Lage am Geißbockheim schnell wieder deutlich angespannter werden.