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30.000 Deutsche sitzen festWie der Krieg im Nahen Osten die Reisebranche trifft

7 min
Ein Airbus A-380 von Emirates landet nach seinem Flug aus Dubai auf dem Flughafen.

Der erste Emirates-Linienflug mit deutschen Urlaubern an Bord landete um kurz nach 13.30 Uhr am Frankfurter Flughafen. 

Die ersten Deutschen sind aus Dubai in Frankfurt gelandet, die Bundesregierung startet ihre Rückholaktion. Ein Überblick über die Lage.

Seit Tagen sitzen Zehntausende Reisende aus Deutschland im Nahen Osten fest. Und auch viele Flugreisende, die über eines der global bedeutenden Flughafen-Drehkreuze in Dubai, Abu Dhabi oder Doha in den Urlaub oder nach Deutschland zurückreisen wollten, mussten ihre Pläne ändern. Viele Staaten haben ihren Luftraum geschlossen, Kreuzfahrtschiffe liegen in Häfen fest. Ein Überblick über die Lage.

Wie ist die aktuelle Situation?

Von Samstag bis Montag waren wegen des Iran-Kriegs in der Region fast 13.000 Flüge gestrichen worden. Die Zahl der Plätze betrug etwa 900.000 pro Tag – betroffen waren also weit mehr als eine Million Passagiere. Allein aus Deutschland sitzen in der Region rund 30.000 Pauschalurlauber fest, hinzu kommt eine unbekannte Zahl Individualreisender, die im Nahen Osten Urlaub machen oder einen der dortigen Flughäfen als Drehkreuz nutzen wollten.

Nach tagelangem Ausharren sind am Dienstag nun erste Urlauber aus der Golfregion nach Hause zurückgekehrt. In Frankfurt am Main landete am Mittag ein erstes Flugzeug aus Dubai, ein weiteres startete am späten Vormittag mitteleuropäischer Zeit in Abu Dhabi. Am frühen Nachmittag hob eine weitere Maschine von Dubai nach München ab. An Bord sind nach Angaben eines Sprechers des Reisekonzerns Tui voraussichtlich rund 200 Tui-Gäste.

Auch in Saudi-Arabien und Oman starteten am Dienstag bereits wieder zahlreiche Flüge Richtung Europa, Amerika, Asien und Australien. Warum die Flüge nun teils wieder aufgenommen wurden, teilten die emiratischen Behörden nicht mit. Denn die Gefahr iranischer Angriffe im Land und der Region besteht weiterhin. Ziel ist vermutlich, zumindest teilweise eine Heimkehr für gestrandete Touristen zu ermöglichen. Die Emirate wollen auch den Eindruck vermitteln, dass der Alltag im Land trotz der Angriffe weitergeht – dazu zählt auch eine schrittweise Normalisierung des Flugverkehrs.

Holt das Auswärtige Amt Deutsche zurück?

Noch am Sonntag hatte Außenminister Johann Wadephul deutlich gemacht, dass es keine Evakuierungen seitens der Regierung geben werde. Nun bereitet die Bundesregierung die Rückholung besonders schutzbedürftiger Personen aus der Region vor. Die Rückholaktion soll am Mittwoch starten, ein erster Flug sei nach Maskat geplant, der Hauptstadt des Oman. Die Bundesregierung werde versuchen, alte, kranke und schwache Menschen sowie Kinder und schwangere Frauen  nach Deutschland zurückzubringen. „Wir müssen schauen, wen wir dort mitnehmen können“, sagte Wadephul.

Die Lufthansa nannte Details zu dem geplanten Evakuierungsflug im Auftrag der Bundesregierung: Demnach soll ein Jet vom Typ Airbus A340-300 in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag die Menschen nach Hause bringen. Die Maschine hat in der Konfiguration der Lufthansa 279 Passagiersitze. Wie viele Passagiere mit an Bord sein könnten, wollte der Minister nicht sagen. Dies werde sich nach der Größe des Flugzeuges richten, die er noch nicht exakt kenne. Es werde aber eine Maschine in der Größenordnung sein, mit der auch sonst üblicherweise Touristen über entsprechend große Entfernungen transportiert würden.

Man müsse „ein bisschen danach gehen, welche Personen da sind“, sagte Wadephul. Die Passagiere müssten teils zunächst aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in den Oman ausreisen. Das Auswärtige Amt habe in diesem Zusammenhang sein Personal verstärkt. „Aber es hängt natürlich auch davon ab: Wer schafft diesen Landweg. Wer kann sich ein Fahrzeug besorgen.“ Hier sei man auf eine enge Zusammenarbeit mit den Reiseverkehrsunternehmen angewiesen. Zudem werde der eine oder andere auch individuell anreisen.

Allen anderen deutschen Staatsbürgern außerhalb dieser besonders hilfsbedürftigen Gruppe müsse man entweder noch einen längeren Aufenthalt zumuten oder anbieten, direkt von den Vereinigten Arabischen Emiraten aus nach Deutschland zu fliegen. „Ich bin guter Dinge, dass wir jetzt in den nächsten Tagen vorankommen“, sodass „die allermeisten der deutschen Touristen endlich zurückkommen können nach Deutschland“, sagte Wadephul.

Aus der Opposition kommt weiter Kritik am Krisenmanagement der Bundesregierung. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann forderte einen entschlosseneren Einsatz zur Rückholung deutscher Staatsbürger. „Die Bundesregierung muss jetzt dafür Sorge tragen, dass die Zivilistinnen und Zivilisten, die in der Region festsitzen, weil es keine Möglichkeit für Flüge gibt, nach Deutschland kommen können“, sagte sie. „Wir haben hier eine Schutzverantwortung.“

Wie gehen andere Länder mit der Situation um?

Auch andere Länder wie Italien fliegen erste Staatsbürger aus. Ein Charterflug mit 127 Italienern an Bord startete von Maskat, wie das Außenministerium in Rom mitteilte. Die Menschen saßen demnach im Oman fest oder waren zuvor mit Unterstützung der italienischen Behörden aus Dubai dorthin gebracht worden. Nach Angaben von Minister Antonio Tajani halten sich Zehntausende Italiener derzeit in der Golfregion auf.

Tschechien kündigte an, zwei Militärflugzeuge in den Nahen Osten zu schicken, um Bürger des EU- und Nato-Mitgliedstaats in Sicherheit zu bringen. Eine Maschine werde in den ägyptischen Küstenort Scharm el Scheich fliegen, die andere in die jordanische Hauptstadt Amman, sagte Regierungschef Andrej Babis nach einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrats in Prag.

Die französische Regierung will besonders schutzbedürftige Landsleute aus den vom Iran-Krieg betroffenen Ländern der Region ausfliegen. Frankreich habe Plätze bei kommerziellen Fluggesellschaften reserviert, werde aber voraussichtlich auch eigene Flugzeuge chartern oder möglicherweise Regierungsmaschinen einsetzen. Die Botschaften und Konsulate in den betroffenen Ländern kümmerten sich derzeit darum, die Listen von schutzbedürftigen Ausreisewilligen zu erstellen, sagte der französische Außenminister Jean-Noël Barrot.

Welche Pflichten haben Reiseveranstalter und Fluggesellschaften?

Bei Pauschalreisen ist der Veranstalter in der Pflicht – er muss Rückflüge organisieren, sobald der Luftraum wieder offen ist. Sollten Reisende länger als gebucht am Urlaubsort festhängen, muss der Veranstalter laut der EU-Pauschalreiserichtlinie auch die Kosten für Übernachtung und Mahlzeiten tragen. Rechtlich gilt das für drei Tage.

Und danach? „Wir wissen nicht, wie sich die Veranstalter dann verhalten“, sagt Karolina Wojtal vom Europäischen Verbraucherzentrum. Vielleicht übernehmen sie kulant weiter die Kosten, vielleicht regen sie an, in günstigere Unterkünfte umzuziehen. Doch auch, dass Urlauber sich dann an Kosten beteiligen müssten, ist nicht ausgeschlossen.

Auch Pauschalreisen zu anderen Fernreisezielen wie den Malediven waren von den Luftraumsperrungen betroffen, weil Flüge ausfielen: Veranstalter suchen in solchen Fällen nach alternativen Flugverbindungen und bieten sonst in aller Regel kostenlose Umbuchungen oder Stornierungen an. Dass Reisenden auch Entschädigungen wegen entgangener Urlaubsfreude zustehen, wenn der Urlaub deshalb ganz ins Wasser gefallen ist, ist aber unwahrscheinlich.

Hatte man einzeln und nicht im Rahmen einer Pauschalreise einen Flug von einem Flughafen in der Konfliktregion gebucht, der von der Luftraumsperrung betroffen ist, hängen die Rechte im Fall einer Flugstreichung auch davon ab, mit welcher Airline man fliegt. Hat sie ihren Sitz in der EU wie Lufthansa oder Finnair, gelten auch dann die EU-Fluggastrechte.

Airlines müssen in solchen Fällen für Unterkunft, Verpflegung und Zugang zu Kommunikation aufkommen. Gut zu wissen: Eine Höchstgrenze für Übernachtungen sieht die entsprechende Verordnung laut Wojtal nicht vor. „Die Betreuungspflichten sind erst mal unbegrenzt.“ Und die Airline muss sich um Ersatzflüge kümmern, sobald das wieder möglich ist. Für Fluggesellschaften wie Qatar Airways, Etihad oder Emirates gelten die EU-Regeln für Abflüge aus dem Nahen Osten nach Europa nicht. 

Wie reagieren Reiseveranstalter und Fluggesellschaften?

Der Reisekonzern Tui wollte nach Möglichkeit noch am Dienstag damit beginnen, im Nahen Osten festsitzende deutsche Touristen nach Deutschland zu holen. Allein auf den beiden Kreuzfahrtschiffen des Reisekonzerns Tui hängen 5000 Gäste in Dubai fest, weitere 5000 sind deutsche Pauschaltouristen in der Region. „Die Gäste werden nun mit den jeweiligen Airlines, mit denen sie angereist sind, ausgeflogen“, sagte Tui-Chef Benjamin Jacobi dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Rande einer Pressekonferenz in Berlin.

Tui verfügt laut einem Sprecher über rund  120 eigene Flugzeuge, die aber keine Verkehrsrechte für die Region hätten. Derzeit liefen Gespräche mit der Bundesregierung unter Beteiligung auch anderer Airlines und Reiseveranstalter, wie zusätzliche Kapazitäten bereitgestellt werden könnten, um Deutsche zurückzuholen.

Auch das Kölner Unternehmen Dertour arbeitet mit Hochdruck an Lösungen für die Gäste. Derzeit halte sich eine niedrige vierstellige Zahl Reisender in von Reisewarnungen betroffenen Ländern im Nahen Osten auf, heißt es vom Veranstalter. Dieser hat alle Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Saudi-Arabien, Katar, Bahrain, in den Oman, nach Jordanien, nach Israel sowie nach Kuwait bis einschließlich Donnerstag abgesagt. Kundinnen und Kunden von Dertour und den Tochterunternehmen, die bereits unterwegs waren und jetzt wegen der Sperrung der Lufträume in der Golfregion gestrandet sind, werden nach Unternehmensangaben vor Ort betreut.

Die Lufthansa meidet den Nahen Osten weitgehend. Die gesamte Gruppe werde den Luftraum der Vereinigten Arabischen Emirate bis einschließlich Freitag nicht nutzen. Auch sämtliche Flüge von und nach Larnaka auf Zypern sind ausgesetzt. Die Airlines der Gruppe sollen auch den Luftraum des EU-Landes nicht nutzen. Das ist eine Verlängerung um zwei Tage gegenüber den bisherigen Ankündigungen. Unverändert müssen die Gesellschaften bis einschließlich Sonntag die Lufträume von Israel, Libanon, Jordanien, Irak, Qatar, Kuweit, Bahrain, Dammam und Iran meiden. Flüge nach Tel Aviv, Beirut, Amman, Erbil, Dammam und Teheran sind bis dahin ausgesetzt. (mit dpa/afp)