Wettbewerbsfähigkeit beginnt im Kopf, sagt der Vorstandschef des Kölner Spezialchemie-Konzerns Lanxess, Matthias Zachert. Aber er hat auch klare Erwartungen an die Politik.
Gastkommentar Lanxess-Chef ZachertAlarmruf für Deutschland – Unser Wohlstand ist bedroht

Die guten alten Zeiten sind vorbei, sagt der Vorstandschef des Kölner Spezialchemie-Konzerns Lanxess, Matthias Zachert. (Symbolbild)
Copyright: IMAGO/IlluPics
Dies ist ein Weckruf, vielleicht sogar ein Alarmruf. Alarm, weil unser Wohlstand bedroht ist. Das deutsche Geschäftsmodell bröckelt, doch viele verharren in einer trügerischen Gemütlichkeit – womöglich auch, weil die Gefahr nur schleichend näherkommt.

Matthias Zachert, Vorstandsvorsitzender Lanxess AG
Copyright: Lanxess
Aber die guten alten Zeiten sind vorbei. Wir stehen globalen Blöcken gegenüber, die das Recht des Stärkeren ausspielen – vor allem wirtschaftlich. In einstigen deutschen Vorzeigebranchen wie Automobil, Maschinenbau oder Chemie haben andere Länder aufgeholt. China etwa ist vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur geworden und bietet mittlerweile viele Produkte in unserer Qualität, aber deutlich günstiger an. Die USA wiederum schotten sich ab und machen es durch Zölle der deutschen Exportindustrie schwerer, vor Ort wettbewerbsfähig zu sein. Die deutsche Exportnation hat damit ein strukturelles Problem.
Die Konsequenz: Zehntausende gut bezahlte Arbeitsplätze sind in den vergangenen Monaten in unserer Industrie bereits verschwunden. Menschen verlieren ihr Einkommen, der Staat wichtige Steuereinnahmen. Viele Industrieunternehmen zahlen hierzulande kaum noch Gewerbesteuern: Weil die Standortfaktoren einfach nicht mehr wettbewerbsfähig sind, fallen hierzulande Gewinne nicht mehr an. Den daraus resultierenden Einnahmenschwund der Kommunen bekommen Bürgerinnen und Bürger am Zustand von Schulen, Schwimmbädern und vielem mehr zu spüren.
Alles zum Thema Deutscher Bundestag
- Vor CDU-Parteitag Kanzler auf „längere Zeit“: Merz strebt zweite Amtszeit an
- Politischer Aschermittwoch „Keine politische Macht für Extremisten“ – Wüst warnt vor AfD, Ziemiak greift Linke an
- Politischer Aschermittwoch Söder liefert sich Schlagabtausch mit den Grünen – und die SPD ist auch noch da
- Gastkommentar Lanxess-Chef Zachert Alarmruf für Deutschland – Unser Wohlstand ist bedroht
- „Zitrone ist ausgequetscht“ Bundeskanzler Merz widerspricht SPD-Steuerplänen
- Social-Media-Verbot Merz offen für Socia-Media-Verbote für Minderjährige
- Erholung in Trippelschritten Mühsam aus der Krise - Industrie streicht über 120.000 Jobs
Es passiert zu wenig, es geht zu langsam.
Um den Wohlstandsverlust aufzuhalten, brauchen wir mehr Wettbewerbsfähigkeit – in Deutschland, in Europa und auch in den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger.
Was dafür zu tun ist, wurde oft genug benannt: weniger Bürokratie, günstigere Energie, konkurrenzfähige Arbeitskosten und vor allem mehr Tempo. Rhetorisch höre ich aus der Politik in Berlin vieles, das Mut macht. Doch zugleich entsteht der Eindruck: Es passiert zu wenig, es geht zu langsam. Industriestrompreis, Strompreiskompensation und andere Entlastungen sind angekündigt, aber noch nicht umgesetzt. Wettbewerbsfähigkeit muss neben der Verteidigungsfähigkeit des Landes die politische Priorität Nummer eins sein. Das scheint in der Regierung aber noch nicht überall angekommen zu sein.
Wohlstand muss wie seit jeher erarbeitet werden. Vater Staat allein kann dies nicht leisten.
In Brüssel zeigt sich ein noch viel schlimmeres Bild. Die EU-Kommission spricht viel über Wettbewerbsfähigkeit, bringt aber gleichzeitig so viele neue „delegierte Rechtsakte“ auf den Weg wie seit 2010 nicht mehr. Bürokratieabbau sieht anders aus. Wo bleibt der große Wurf? Wo der Wille, das überkomplexe und lähmende europäische Regelwerk zu reformieren? Europas Wohlstand lässt sich nur sichern, wenn Europa eine Politik für Wirtschaft und Arbeitsplätze betreibt – nicht gegen sie.
Auf globaler Ebene ist die Aufgabe, neue Partner zu finden. Viele Staaten suchen – wie wir – ihren Weg zwischen den „America/China/Russia first“-Blöcken. Hier sind Chancen für neue Allianzen. Diese gilt es aber auch schnell zu ergreifen. Blockaden einzelner Parteien sind Eigentore für den eigenen Wohlstand der Gesellschaft.
Für uns alle gilt: Wettbewerbsfähigkeit brauchen wir auch im Kopf, sprich die richtige Mentalität. Wohlstand fällt uns weder individuell noch als Gesellschaft in den Schoß. Er muss wie seit jeher erarbeitet werden. Vater Staat allein kann dies nicht leisten.
Es lohnt sich, für Wohlstand, Wirtschaft, Arbeitsplätze zu kämpfen.
Was sinkender Wohlstand zudem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet, zeichnet sich schon länger ab. Die Schere von Arm und Reich geht weiter auseinander, Neid und Missgunst regieren, und populistische Menschenfänger an den politischen Rändern haben leichtes Spiel.
Es lohnt sich also, für Wohlstand, Wirtschaft und Arbeitsplätze zu kämpfen. Anpacken, Tempo machen, raus aus der Komfortzone – dieses Denken muss in unsere Köpfe. In Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Medien, Bildung und Wissenschaft. Die Verteidigung unseres Wohlstands hat viele Facetten, und jede und jeder von uns wird gebraucht.
Matthias Zachert, geb. 1967, kam 2004 als Finanzvorstand zur Lanxess AG. Seit 2014 ist der studierte Betriebswirt Vorstandsvorsitzender des Spezialchemie-Konzerns mit Sitz in Köln.

