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Wohnen oder Feiern?Bauprojekte in Ehrenfeld gefährden Kölner Clubkultur – Das sagen die Betreiber

6 min
CÕEST KARMA spielt im Jahr 2022 im Artheater.

CÕEST KARMA spielt im Jahr 2022 im Artheater.

Mit einer Schutzzone wollte die Politik die Musikclubs in Ehrenfeld schützen. Doch der Plan gilt immer noch nicht. Eine Analyse.

Die Clubkultur in Ehrenfeld gerät weiter unter Druck. Vor allem das Artheater und das Bumann & Sohn am Ehrenfeldgürtel sind davon betroffen. Bislang wollte nur ein Investor das alte Postamt direkt zwischen den beiden Clubs zunächst zum Wohngebäude umbauen, später änderte er seine Pläne zu Hotelzimmern um – und mittlerweile tut sich an der Stelle augenscheinlich zunächst nichts.

Doch es ist nicht das einzige Bauprojekt in direkter Nachbarschaft: Nördlich des Artheaters will ein weiterer Investor ein Wohngebäude bauen, es handelt sich um die Heinrich und Josepha Kievernagel Stiftung. Sie hat auch schon gegen die Stadt geklagt. Denn noch gilt der Bebauungsplan nicht, über den die Clubs und ihr Bestand geschützt werden sollen.

Es geht an dieser Stelle nahe des S-Bahnhofs Ehrenfeld um ein grundsätzliches Problem großer Städte: Was ist dort wichtiger? Wohnen oder Feiern? Für Wohngebiete gelten strenge Lärmwerte, die nicht überschritten werden dürfen.

Der Ehrenfeldgürtel mit dem alten Postamt (helles Gebäude) und Artheater und Bumann & Sohn sowie dem Bahndamm im Hintergrund.

Der Ehrenfeldgürtel mit dem alten Postamt (helles Gebäude) und Artheater und Bumann & Sohn sowie dem Bahndamm im Hintergrund.

Um die drohenden Lärmstreitigkeiten schon im Vorfeld abzuräumen, hatte die Kölner Politik beschlossen, die insgesamt sechs Clubs in Ehrenfeld zu schützen. Laut Friedrich Lindenstruth vom Bumann & Sohn hat diese Entscheidung überregional und international viel Zuspruch erhalten. „Man schaut beeindruckt nach Köln, dass die Politik hier diesen Weg gegangen ist“, sagt Lindenstruth.

Zwei Clubs stehen in unmittelbarer Nähe also zwei Bauprojekten gegenüber. Artheater-Betreiber Bernd Rehse sagt: „Auch bei dem dringend gewünschten Wohnungsbau kann eine Gefährdung der Kulturflächen nicht zielführend sein.“ Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Diese Visualisierung zeigt die zuletzt veröffentlichten Pläne für das alte Postamt.

Diese Visualisierung zeigt die zuletzt veröffentlichten Pläne für das alte Postamt.

Worum geht es grundsätzlich?

Ob die Clubs oder neue Wohnungen wichtiger sind: Der Stadtrat hatte diese Frage klar beantwortet, er sprach sich für eine Schutzzone für Clubs aus, „so dass diese im Bestand und in ihrer zukünftigen Entwicklung vor heranrückender Wohnbebauung geschützt werden können“.

Gemeint sind damit sechs Clubs in Ehrenfeld, die nahe beieinander stehen: Artheater und Bumann & Sohn im Norden, Club Bahnhof Ehrenfeld und Yuca in der Mitte sowie Sonic Ballroom und Live Music Hall im Süden.

In der Praxis heißt das: Auf Basis von Schallgutachten ermittelt die Stadt, ab welchem Abstand zu den sechs Clubs jeweils neue Wohnungen erlaubt sind und wo nicht. Sie zieht dafür vereinfacht gesagt einen Kreis um jeden einzelnen Club. Und beim Arttheater war das Ergebnis: Die geplanten Wohnungen der Heinrich und Josepha Kievernagel Stiftung liegen innerhalb dieses fiktiven Kreises – und gefährden den Bestand des Clubs.

Anders ist es beim alten Postamt: Wenn dort Menschen für einige Nächte im Hotel übernachten, gefährdet der Lärm der Clubs nicht ihre Gesundheit. Deshalb wäre ein Hotel erlaubt, Wohnungen aber nicht: Der Abstand zu Bumann & Sohn und Artheater ist zu gering. An anderer Stelle im Geltungsbereich des Bebauungsplans sind aber neue Wohnungen erlaubt, sie müssen nur weit genug von den Clubs entfernt sein.

Die Stadtverwaltung schreibt: „Ziel der Planung ist, die bestehenden Clubs planungsrechtlich vor Verdrängungsmechanismen, wie zum Beispiel einer heranrückenden Wohnbebauung, baurechtlich zu schützen.“ 

Gilt der Bebauungsplan schon?

Nein. Noch gilt der Bebauungsplan nicht, weil der Geltungsbereich des Bebauungsplanes in den vergangenen Jahren mehrfach erweitert werden musste, unter anderem nördlich des Artheaters, auch um das Bauvorhaben der Heinrich und Josepha Kievernagel Stiftung abzuwehren. Seit 18. März und noch bis 10. April findet nun die Öffentlichkeitsbeteiligung für Bürgerinnen und Bürger statt, um den zugrunde liegenden Flächennutzungsplan sowie den Bebauungsplan anzupassen. 

Was ist der Anlass für die Schutzzone?

Das Clubsterben in Ehrenfeld. Die Liste geschlossener Clubs in Ehrenfeld ist lang: Unter anderem Underground, Heinz Gaul, Papierfabrik und Werkstatt zählen dazu.

Wie bewerten die Betreiber vor Ort die Schutzzone?

Die Rede ist von einem Paradigmenwechsel bei Stadtverwaltung und Politik. Rehse sagt: „Vor fünf Jahren war das noch nicht denkbar. Es ist etwas passiert im politischen Denken.“ Und Friedrich Lindenstruth vom Bumann & Sohn sagt: „Die Kulturraumschutzzone kann ein Instrument sein, um die Clubstandorte langfristig zu schützen. Daher ist die Errichtung dieser Zone extrem wichtig und notwendig.“

Das Bumann & Sohn am Ehrenfelder Bahndamm.

Das Bumann & Sohn am Ehrenfelder Bahndam.

Die Betreiber haben sich mit Unterstützung des Kulturraummanagements der Stadt und mit Unterstützung der politischen Vertreter zusammengetan. „Es herrscht ein nachbarschaftliches Miteinander: Man kennt sich, man hilft sich, und man steht zusammen“, sagt Lindenstruth. Die Einrichtung des Kulturraummanagements der Stadt Köln im Jahr 2021 sei ein Meilenstein. Diese Stelle berät Veranstalter und hilft bei langwierigen Genehmigungsverfahren.

Wie sehen die beiden Bauprojekte konkret aus?

Das erste ist das frühere Postamt, das seit Jahren leersteht. Ursprünglich wollte die Savvy Group, die zum Schweizer Investment-Manager Empira Invest gehört, dort sogenannte Mikro-Appartements bauen. Dabei handelt es sich um möblierte Wohnungen. Die Monatsmiete für vergleichbare Savvy-Wohnungen in Düsseldorf-Oberbilk oder Berlin-Friedrichshain lag 2024 bei mindestens 1000 Euro für 18 Quadratmeter. Doch die Politik lehnte das ab und beschloss stattdessen die Schutzzone für die Clubs.

Die schwarz umrandete Schutzzone für Clubs.

Die schwarz umrandete Schutzzone für Clubs

Danach änderte der Investor seine Pläne (wir berichteten). Im Erdgeschoss sollte es demnach einen großen Supermarkt und eine Drogerie geben, dazu kleinere Geschäfte wie einen Weinhandel und eine Bäckerei. In den Etagen darüber soll ein Hotel entstehen, zu dem im Erdgeschoss auch eine Gastronomie gehören könnte. Doch auf dem Gelände tut sich schon lange nichts mehr, mittlerweile nutzt Parkplatz-Vermieter Ampido sogar schon den Hof hinter dem Gebäude.

Empira Invest und  Savvy Group ließen mehrere Anfragen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ dazu unbeantwortet, wie es an der Stelle weitergeht. Laut Grundbuch gehört das Grundstück aber noch der Projektgesellschaft namens Savvy 6 PropCo. 2024 stand auf der Savvy-Webseite: „Köln Ehrenfeld, coming soon.“ Mittlerweile ist das Projekt dort nicht mehr zu finden. 

Und das zweite Bauprojekt?

Die Heinrich und Josepha Kievernagel Stiftung will laut ihres Anwalts auf dem Grundstück nördlich des Artheaters „ihrem Stiftungszweck entsprechend Wohnraum für Studierende“ bauen – und zwar soll dafür eine Werkhalle aufgestockt und umgebaut werden. Weitere Fragen ließ der Anwalt mit Blick auf das laufende Gerichtsverfahren unbeantwortet.

Worum geht es in dem Gerichtsverfahren?

Die Stiftung hatte in der Vergangenheit eine sogenannte Bauvoranfrage an die Stadt gestellt. Damit kann ein Unternehmen klären, ob ein Bauvorhaben rechtlich zulässig ist – es handelt sich aber noch nicht um eine Baugenehmigung.

Zunächst lehnte die Stadt die Bauvoranfrage laut eigener Aussage ab, später hob sie diese Entscheidung demnach wieder auf und stellte die Entscheidung am 19. Mai 2025 zunächst nur zurück, weil das Bauvorhaben den Plänen der Club-Schutzzone widerspricht. Dagegen klagte die Stiftung, die Beschwerde im Eilverfahren wurde aber Anfang Januar vor dem Oberverwaltungsgericht Münster zurückgewiesen. In der grundsätzlichen Hauptsache ist aber laut eines Sprechers vor dem Verwaltungsgericht noch eine Klage anhängig.

Bernd Rehse, Betreiber des Artheaters am Ehrenfeldgürtel.

Bernd Rehse, Betreiber des Artheaters am Ehrenfeldgürtel.

Was sagt das Artheater dazu?

Laut Rehse hat er keinen Kontakt zu den Eigentümern am Ehrenfeldgürtel 131. Er weiß nur, dass sich dort eine Schreinerei befindet und ein Büro für Film und Veranstaltungen. Doch mit dem Kauf des Nachbargeländes am Ehrenfeldgürtel 129 haben die Artheater-Chefs die Kulturraumschutzzone vor rund einem Jahr um eine Adresse erweitert: Wo früher PKW an- und verkauft wurden, veranstaltete das Artheater-Team im vergangenen Sommer bereits erste Open-Air-Kulturveranstaltungen, ein Bar- und Clubraum für die Location „EFG129“ wird gerade gebaut.

Erst, wenn der neue Bebauungsplan für diesen Bereich den Wohnungsbau nicht mehr vorsieht, wird Rehse sich entspannen können, sagt er. „Ich fühle mich erst auf der sicheren Seite, wenn es juristisch dingfest gemacht ist und man nicht mehr dagegen klagen kann.“ Es müsse einen Kompromiss zwischen Wohnungsbau und Kultur geben: „Beides braucht man, damit die Stadt lebenswert bleibt“, sagt Rehse.