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Köln früher und heuteWie ein Casino zum wichtigen Treffpunkt der Kölner Stadtgesellschaft wurde

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historisches Bild vom Casino an der Ecke Große Sandkaul/ Pipinstraße um 1900

Das Casino-Gebäude etwa um 1900.

Das 1832 eröffnete Casino war unter anderem Veranstaltungsort für Bälle und Konzerte. Aber auch viele Geschäfte wurden hier abgeschlossen.

Volksnähe zahlte sich für die Regierenden schon vor 100 Jahren aus. Die Feierlichkeiten zum Abzug der britischen Besatzer führten Reichspräsident Paul von Hindenburg Ende März 1926 auch an den Augustinerplatz. Nach dem Essen im großen Festsaal des Casinos trat er auf den Balkon, hielt eine Ansprache an seine „lieben Kölner“ und schloss mit den Worten „Alaaf Kölle“. „Hierauf brach die Menge in langanhaltende Hochrufe aus, die auch ununterbrochen den Reichspräsidenten bei der Rückfahrt zu seinem Quartier begleiteten“, schrieb die Kölnische Zeitung.

Die alliierte Rheinlandbesetzung in Folge des verlorenen Ersten Weltkriegs hatte den Alltag in Köln ab 1918 bestimmt. Auch das Casino, das stolz an der heutigen Ecke Große Sandkaul/ Pipinstraße in der Innenstadt stand, blieb nicht verschont. 1919 beschlagnahmten die Briten zunächst den ersten Stock, dann das gesamte Gebäude. „Über 5 Jahre musste die Casino-Gesellschaft im Gästezimmer des Opernhaus-Restaurants am Rudolfplatz hausen“, heißt es in der Vereinschronik.

Geselliger Herren-Club aus bürgerlichen Kreisen

Die Casino-Gesellschaft war 1809 unter dem Namen „Société“ von 40 Kölner Bürgern vor allem aus dem Kaufmannsstand ins Leben gerufen worden. Es war ein reiner Herren-Club aus bürgerlichen Kreisen, der die Geselligkeit pflegte, sich vernetzte und sich offen für alle Konfessionen zeigte. Zu den Gründern zählten die Bankiers Samuel Wolff und Salomon Oppenheim – Juden, die sich erst unter französischer Herrschaft ab 1794 wieder in Köln ansiedeln durften. Die Amtssprache in Köln war Französisch, in der Société allerdings pflegte man den kölnischen Dialekt.

Auch dem Karneval fühlte man sich verbunden. Als 1823 der erste Rosenmontagszug durch Köln lief, war das Société-Mitglied Emanuel Zanoli als „Held Karneval“ dabei, Simon Oppenheim verkörperte 1824 die Figur der Prinzessin Venetia. Die Mitgliederzahlen stiegen und so wuchs um 1830 auch der Wunsch, das bisherige Domizil im Hackeney-Palast am Neumarkt gegen ein eigenes Gebäude einzutauschen.

Verkehr in der Kölner Innenstadt am ehemaligen Standort des Casinos

Statt festlicher Bälle viel Verkehr: Für ihren Ost-West-Durchbruch vom Rudolfplatz bis zum Heumarkt ließen die Nazis 1939 das Casino abreißen.

Den Plan trieb Bauinspektor Matthias Biercher maßgeblich voran, den Architektenwettbewerb gewann der Berliner Johann Heinrich Strack, Schüler des berühmten Architekten Karl Friedrich Schinkel. Sein Entwurf, ein klassizistischer Bau mit viersäuligem Portikus, lag an der Ostseite des Augustinerplatzes, wo sich bis zur französischen Herrschaft ein Kloster der Augustiner-Mönche befunden hatte. Durch Bäume und Pflanzen kam auch die Basilika St. Maria im Kapitol südlich des Casinos gut zur Geltung.

Konzerte, Klüngel und Bälle: Casino als gesellschaftlicher Treffpunkt

Das Casino wurde Ende 1832 feierlich eröffnet und avancierte zu den wichtigsten gesellschaftlichen Treffpunkten Kölns. Bälle und Konzerte füllten den großen Saal mit seiner Empore, der kölsche Brauch des Klüngelns kam offenbar auch nicht zu kurz. „Im Casino wurden damals viele Geschäfte abgeschlossen, zumal in diese Zeit die Gründungen der großen Versicherungen Kölns fielen“, schreibt der Chronist: „Man sprach später davon, dass die „Häre“ samstagabends bei einem Glase Mumm die Aktien unter sich verteilten.“

Die britische Besatzung tat dem Gebäude nicht gut. Sein Zustand wird nach ihrem Abzug Mitte der 1920er Jahre als desolat beschrieben. Eine Renovierung für 200 000 Mark verleiht dem Casino neuen Glanz, die Gesellschaft blüht noch einmal auf. Während die unteren Räume den Casino-Mitgliedern vorbehalten sind, darf sich im ersten Stock die Allgemeinheit vergnügen. Eine monumentale Treppe führt in die oberen Festsäle, wo die Gäste „im Banne einer feierlichen Stimmung“ stehen, ausgelöst durch die „schöne klassizistische Baukunst“.

Nazis ließen Casino 1939 abreißen

Als Paul von Hindenburg 1926 zu Besuch ist, empfangen ihn „Unmengen von Blumen“. Zur patriotischen Gefühlslage, die seine Stippvisite bei den Kölnern auslöst, passt das Denkmal für Reichskanzler Otto von Bismarck, das 1879 als eines der ersten in Deutschland überhaupt auf dem Augustinerplatz aufgestellt wurde.

Kasino- und Augustinerstraße erinnern heute noch an den Augustinerplatz nahe St. Maria im Kapitol. Ansonsten ist nichts davon übriggeblieben. Für ihren Ost-West-Durchbruch vom Rudolfplatz bis zum Heumarkt ließen ihn die Nazis 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abbrechen, allen Protesten der Casino-Gesellschaft zum Trotz. Statt festlicher Bälle gibt es nun viel Verkehr.

Casinogesellschaft ist heute ältester Verein Kölns

Obwohl der Zweite Weltkrieg einen großen Bruch bedeutete, ist die Tradition nicht ganz untergegangen. Die „Casinogesellschaft Köln von 1809“ mit ihren 23 Mitgliedern sei heute der älteste Verein Kölns, sagt Vorsitzender Ralf Bröker. Der Vernetzungsgedanke stehe nicht mehr im Vordergrund, es gehe eher um freundschaftliche Verbindungen jenseits von Politik, Religion und Karneval.

„Den bürgerlichen Gedanken tragen wir weiter“, so Bröker. Bei Stadtführungen lernen die Mitglieder heute die unbekannten Seiten Kölns kennen. Ein Vereinsdomizil gibt es seit 2011 nicht mehr, dafür sind die Zeiten des reinen Männer-Clubs vorbei: „Heutzutage dürfen auch Frauen Mitglied werden“, so Ralf Bröker.