Die autofreie Deutzer Freiheit sorgte in der Vergangenheit für Konflikte unter Anwohnerinnen und Anwohnern und Geschäftsleuten.
Nach gescheitertem VerkehrsversuchStadt Köln nimmt zweiten Anlauf an der Deutzer Freiheit

Die autofreie Deutzer Freiheit während des Verkehrsversuchs im Juni 2022
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Die autofreie Deutzer Freiheit sollte im Juni 2022 ein Musterbeispiel eines gelungenen Verkehrsversuchs werden – doch das genaue Gegenteil war der Fall. Am Ende war das Viertel gespalten, Befürworter und Gegner hatten sich zerstritten. Den Schlusspunkt setzte im August 2023 das Verwaltungsgericht, das den Verkehrsversuch einkassierte. Die Stadt Köln hatte sich bei der Umwandlung in eine Fußgängerzone nicht an die gesetzlichen Vorgaben gehalten.
Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ unternimmt das Mobilitätsdezernat jetzt einen neuen Anlauf, um die Deutzer Freiheit dauerhaft umzugestalten. Und das geschieht bislang weitgehend im Hintergrund, was für erste Kritik sorgt.
Stadt Köln wählt Anwohner per Los
Demnach erhielten ausgewählte Kölnerinnen und Kölner eine Einladung der Stadt Köln zu einem Bürgerdialog. Es handelt sich laut des Schreibens, das der Leiter des Amtes für nachhaltige Mobilitätsentwicklung verschickte, um „Vertreter der Bürgerschaft und des lokalen Gewerbes sowie eine Gruppe zufällig ausgewählter Bürger aus der Nachbarschaft“. Etwa die Hälfte davon sollen Anwohner sein, welche das Mobilitätsdezernat per Los ausgesucht habe. In drei Sitzungen sollen sie für Politik und Verwaltung Empfehlungen erarbeiten, wie es auf der Deutzer Freiheit weitergehen soll.
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Öffentlich zugänglich sind die Veranstaltungen nicht, auch eine offizielle Kommunikation seitens der Stadt dazu existiert bislang nicht. Auf Anfrage bestätigte die Stadt Köln, dass sich 150 Menschen beworben hatten. Der Dialog sei eine Art „Mediation“. Es handele sich aber nicht um eine Mediation im klassischen Sinne, sondern um „eine Konfliktklärung mit mediativen Elementen“, so ein Stadtsprecher.
ADAC-Verkehrsexperte Roman Suthold mahnt an, dass unbedingt ein transparenter Prozess mit einer neutralen Moderation notwendig sei. Entscheidend sei zudem, dass Akteure von außen bei der Diskussion um die künftige Gestaltung nicht den Ton angeben dürften. „Es wichtig, dieses Mal die Bedürfnisse der Anwohner und der Geschäftsleute zu berücksichtigen, sie haben sich bei dem Verkehrsversuch nicht richtig mitgenommen gefühlt“, sagt Suthold. Man dürfe nicht vergessen, dass die Stadt in den vergangenen Jahren in Deutz sehr viele Parkplätze am Straßenrand entfernt hat, das habe den Parkdruck im Viertel deutlich erhöht.
Das wird am Ende dazu führen, dass wieder dagegen geklagt wird – und wieder mit Erfolg
Auch Friseurmeister Julian Neumann, dessen Geschäft sich auf der Deutzer Freiheit befindet und der den Verkehrsversuch vor drei Jahren erfolgreich beklagt hatte, zeigt sich im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ skeptisch. „Ich werde an diesem Bürgerdialog teilnehmen, halte es aber für problematsich, dass die Stadt Köln einen illegal durchgeführten Verkehrsversuch als Grundlage dafür verwendet. Das wird am Ende dazu führen, dass wieder dagegen geklagt wird – und wieder mit Erfolg“, sagt er. Aus seiner Sicht sei es vorstellbar, dass dieses Mal auch Anwohner aus den Nebenstraßen klagen werden, weil der Autoverkehr dahin ausweichen werde, falls die Deutzer Freiheit wieder autofrei werden sollte.
Verkehrsdezernent Ascan Egerer hatte den Verkehrsversuch trotz der Beanstandung durch das Verwaltungsgericht und die Kritik eines Teils der Anlieger als Erfolg verkauft. „Verkehrsversuche bieten die Möglichkeit, Maßnahmen im Straßenraum vor ihrer dauerhaften Umsetzung lokal zu erproben und zu evaluieren. Wir vermeiden dadurch unnötige Baukosten. Bei der Deutzer Freiheit haben wir wertvolle Erkenntnisse gewonnen und können somit die zukünftige Planung optimieren“, sagte er im August 2023.
22,4 Prozent für die Autofreiheit
Und das Mobilitätsdezernat hat in seiner Auswertung des Verkehrsversuchs bereits angedeutet, in welche Richtung die Reise gehen soll. „Die Rückmeldungen ergeben, dass Anwohner, Besucher und Arbeitnehmer in großer Mehrheit die Autofreiheit befürworten“, heißt es im Bericht zu einer Befragung der Stadt nach dem Verkehrsversuch. Die Autofreiheit landete zwar unter den 2759 Befragten bei den Wünschen für die Zukunft auf dem ersten Platz, tatsächlich sprachen sich aber nur 22,4 Prozent dafür aus – von einer großen Mehrheit kann also nicht die Rede sein.
Die Stadt räumt in der Auswertung zudem ein, dass vor allem die Geschäftsleute die Autofreiheit kritisierten. „Es gibt eine stark abweichende Perspektive, die der Geschäftstreibenden“, heißt es im Resümee. Sie hätten den Einbruch ihrer Umsätze und sinkende Kundenzahlen beklagt und auf den Verkehrsversuch zurückgeführt. Von ihnen sei zudem gemeldet worden, dass der Versuch zu einer Verschlechterung der Erreichbarkeit der Geschäfte für ältere und gehbehinderte Menschen geführt habe.

Das Straßenschild an der Deutzer Freiheit
Copyright: Eduard Bopp
Das sieht auch Friseurmeister Julian Neumann als Problem. Der Verkehrsversuch sei sehr teuer gewesen, denn die Stadt habe nicht nur für das Projekt Geld bezahlt, sie habe deshalb auch weniger Gewerbesteuern und Parkgebühren eingenommen. „Seit der Verkehrsversuch abgebrochen wurde, hat sich die Situation für den Einzelhandel zwar wieder gebessert, aber alle Kunden sind nicht zurückgekommen. Der von der Stadt angerichtete Schaden ist also zum Teil dauerhaft“, sagt er.
Jenseits der Kritik der Geschäftsleute aufgrund einbrechender Umsätze sorgten vor allem Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern für Probleme. Das sei als zentraler Nachteil des Verkehrsversuches zurückgemeldet worden, sagt das Mobilitätsdezernat. Daneben sei auch der Wegfall von Parkplätzen, vor allem für mobilitätseingeschränkte Menschen, kritisiert worden.
„Auf der Deutzer Freiheit ist weniger Durchgangsverkehr möglich, ganz weg bekommt man ihn aber nicht“, sagt ADAC-Experte Suthold. Es gebe einen notwendigen Autoverkehr, den man nicht wegdenken dürfe. Dazu gehörten die Müllabfuhr, Pflegedienste, Handwerker, Lieferanten und Rettungskräfte. Es müsse ein „Weg der Mitte“ gefunden werden.
Als Knackpunkt sieht Suthold, eine Lösung für den Radverkehr zu finden, damit es keine Konflikte mit den Fußgängern gibt, wie es beim Verkehrsversuch der Fall war. Denkbar sei etwa eine Teilung der Straße mit einer klaren Markierung für den Radverkehr. „Ganz grundsätzlich müsste die Stadt die Deutzer Freiheit aber komplett umbauen, ein paar Verkehrsschilder und Markierungen reichen nicht aus“, sagt Suthold. In diese Kerbe schlägt auch Friseurmeister Neumann: „Gegen einen Komplettumbau der Deutzer Freiheit hätte ich nichts einzuwenden, aber so viel Geld will die Stadt nicht in die Hand nehmen, und bei der schlechten Haushaltslage wird sie das auch weiterhin nicht machen.“
Diskussion noch nicht abgeschlossen
Auch Christoph Schmidt, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Köln, empfiehlt für die Deutzer Freiheit eine vollständige Trennung des Radverkehrs vom Fußverkehr, um Konflikte zu vermeiden. „In der Mitte sollte ein gut erkennbarer Bereich für den Radverkehr geschaffen werden“, sagt er. Das könne ein Zweirichtungsradweg oder eine Fahrradstraße sein. Bei Beibehaltung des Autoverkehr wäre auch ein verkehrsberuhigter Geschäftsbereich denkbar.
„Die Diskussion über die künftige Gestaltung der Deutzer Freiheit ist noch nicht abgeschlossen“, teilte ein Stadtsprecher auf Anfrage mit. Mit dem neuen Dialog wolle die Stadt Köln die unterschiedlichen Sichtweisen konstruktiv zusammenführen – mit dem Ziel, eine Perspektive für die Zukunft der Deutzer Freiheit zu schaffen, die von vielen getragen wird. Mitte April soll der Bürgerdialog einen Abschluss finden. Danach will das Mobilitätsdezernat die Ergebnisse auswerten.


