Eva Maria Michaelmann wurde am 18. Januar zum letzten Mal gesehen. Das Auswärtige Amt äußert sich nur kryptisch zu dem Fall.
Kölner Journalistin vermisstMutter befürchtet Tod ihrer Tochter und hofft auf Freilassung in Syrien

Eva Maria Michelmann (36) wird seit mehr als zwei Monaten in Syrien vermisst.
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Seit 65 Tagen gibt es kein Lebenszeichen von der Kölner Journalistin und Sozialarbeiterin Eva Maria Michelmann. Ihre Mutter Rotraut Hake-Michelmann sagt: „Ich habe große Sorge um sie. Nicht nur, weil sie für kurdische Medien gearbeitet und sich für die Unabhängigkeitsbewegung in der Region Rojava engagiert hat, sondern auch, weil sie eine hübsche, blonde Frau ist.“
Zeugen zufolge wurde die 36-jährige Eva Maria Michelmann am 18. Januar zum letzten Mal gesehen: Als syrische Regierungstruppen die von Kurden kontrollierte Stadt Rakka angriffen, soll die Kölnerin gemeinsam mit dem türkisch-kurdischen Journalisten Ahmed Polad mit anderen Zivilisten in einem kurdischen Jugendzentrum Zuflucht gesucht haben.
Kölner Journalistin und Sozialarbeiterin Eva Maria Michelmann wird seit Januar vermisst
„Mehrere Zeugen bestätigen, dass Milizen des islamistischen Bündnisses HTS sie in ein Auto der syrischen Regierungseinheiten verfrachtet haben“, sagt Hake-Michelmann, die sich wundert, dass die Bundesregierung „augenscheinlich rein gar nichts über den Verbleib meiner Tochter weiß“. Noch am Montag habe ihr Anwalt das Auswärtige Amt konsultiert. Neue Informationen gebe es nicht.

Rotraut Hake-Michelmann
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„Die Deutsche Botschaft Beirut ist mit dem Sachverhalt befasst und bemüht sich um Aufklärung“, hieß es zuletzt in einer Antwort des Auswärtigen Amtes auf Fragen des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Und: „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir uns zu konsularischen Einzelfällen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes grundsätzlich nicht äußern können.“
Die dürre Nachrichtenlage ist auch vor dem Hintergrund erstaunlich, da die Bundesregierung und die EU die Beziehungen zu Übergangspräsident Ahmed Al-Scharaa vertieft haben. Außenminister Johann Wadephul war im Oktober 2025 nach Syrien gereist, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte im Januar bei einem Besuch 620 Millionen Euro EU-Hilfen angekündigt.
Eva Maria Michelmann arbeitete für kurdische Medien
„Die Lage in Syrien ist sehr unübersichtlich – es gibt dschihadistische Milizen, IS-Truppen, lokale Truppen, von der Türkei unterstützte Truppen“, sagt Hake-Michelmann, die drei Szenarien für möglich hält. „Meine Tochter könnte sich in Gefangenschaft der syrischen Regierungstruppen oder islamistischer Milizen befinden, möglich wäre auch, dass sie in die Türkei verschleppt wurde. Oder sie ist tot.“
Hoffnung macht Rotraut Hake-Michelmann, dass zunächst 100 und dann noch einmal 300 der insgesamt 1070 in Rakka gefangengenommenen Menschen jüngst bei einem Austausch zwischen syrischer Armee und kurdischen Kräften freigelassen worden seien. „Es war allerdings keine einzige Frau darunter“, sagt die Mutter.
Das letzte Mal habe sich ihre Tochter am 5. Dezember per Mail aus der Krisenregion gemeldet, erinnert sich die Mutter und zitiert: „Ihr könnt euch sicher sein, dass es mir gut geht. Wenn ihr lange nichts von mir zu hören bekommt, liegt das daran, dass ich weit weg in diesem oder jenem Projekt stecke.“
Meine Tochter wusste, dass sie sich in ein chaotisches, auch gefährliches Gebiet begibt. Aber sie hat immer gehofft, dass sie ihr Journalistenausweis und der deutsche Pass schützt.
Dass ihre Arbeit für prokurdische Medien auch gefährlich war und sie sich fortwährend in umkämpften Gebieten aufhielt, habe sie in E-Mails an die Familie nicht erwähnt, sagt Rotraut Hake-Michelmann. „Eva Maria ist sehr eigenständig und wollte nicht, dass ich mir Sorgen mache.“
Die habe sie sich freilich schon gemacht, als ihre Tochter vor vier Jahren aus Köln aufgebrochen sei, um im Norden Syriens ein neues Leben zu beginnen. Sie wollte dort auch Teil eines politischen Projekts sein, mit dem sie sympathisierte: der Unabhängigkeitsbewegung in den kurdischen Autonomiegebieten namens Rojava, die für Basisdemokratie, Gleichberechtigung und kollektive Selbstverwaltung steht – für viele Linke aus der ganzen Welt ein Sehnsuchtsort.
„Meine Tochter wusste, dass sie sich in ein chaotisches, auch gefährliches Gebiet begibt“, sagt die Mutter. „Aber sie hat immer gehofft, dass sie ihr Journalistenausweis und der deutsche Pass schützt.“
Für die Nachrichtenagentur ETHA schrieb Eva Maria Michelmann in ihrem letzten Artikel am 15. Januar über eine kurdische Demonstration in der Stadt Hassaka. Sie berichtete, dass kurdische Frauen die Festung des IS zerstört hätten.

Bruder Antonius Michelmann bei einer Kundgebung der Mahnwache Stimmen der Solidarität in Köln
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„Für Frauenrechte hat sich Eva Maria schon in Köln engagiert“, erzählt Rotraut Hake-Michelmann. „Meine Tochter hat sich früh für Minderheiten eingesetzt, Geflüchtete bei Behördenangelegenheiten geholfen und Asylanträge ausgefüllt.“ Die Familie lebte in Eva Maria Michelmanns Jugend in Windeck neben einem Flüchtlingswohnheim.
„Die Geflüchteten waren oft bei uns zu Gast – wir haben unseren Kindern beigebracht, dass alle Menschen gleich viel wert sind sind und die gleichen Rechte haben sollten“, sagt die Mutter. Ihr inzwischen verstorbener Ehemann sei als jüdisches Kind 1943 nur deswegen nicht von Köln aus ins KZ deportiert worden, weil eine Nachbarin seine Mutter rechtzeitig gewarnt habe, erzählt Rotraut Hake-Michelmann. Die Familiengeschichte habe die Tochter geprägt.
Seit dem Verschwinden von Eva Maria Michelmann versucht die Familie, den Fall bekannt zu machen: Die Mutter demonstriert vor dem Auswärtigen Amt in Berlin und vor der syrischen Botschaft in Bonn, der Bruder Antonius Michelmann, Lehrer an einer Kölner Gesamtschule, hat auch seinen Schülern vom Verschwinden seiner Schwester erzählt – die dann spontan Tiktok-Videos aufnahmen. „Jede Aufmerksamkeit hilft“, sagt Rotraut Hake-Michelmann. „Ich hoffe sehr, das Eva Maria noch lebt und bei einem weiteren Gefangenenaustausch freigelassen werden könnte.“


