Die Kokainschwemme sorgt nicht nur für eine Verelendung der Drogenszene auf dem Neumarkt. Die Droge ist auch unter Jugendlichen angekommen. Helfen könnte ausgerechnet der Rapper Haftbefehl.
Suchtberatung warntUnter Kölner Jugendlichen steigt der Kokain-Konsum

Kokain ist längst auch unter Jugendlichen angekommen (Symbolbild).
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Eine vermummte Menschenkette aus Polizei- und Zollbeamten reicht einen Karton nach dem anderen zum Brennschacht einer Müllverbrennungsanlage in Baden-Württemberg. Über Stunden läuft der Vorgang. 40 Tonnen Kokain im Wert von 2,6 Milliarden Euro vernichteten die Beamten im Zuge der Operation „Plexus“ im Sommer 2024. NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) sprach damals vom größten Kokainfund in Deutschland und einem „Schlag gegen die internationale Organisierte Kriminalität“. Der Fall wird aktuell vor dem Kölner Landgericht verhandelt.
Jahr für Jahr berichten Polizei und Zoll von immer größeren Funden von Kokain. Gleichzeitig kommt immer mehr davon in den Straßenverkauf. In einem Europol-Bericht hieß es zuletzt, der Handel habe „beispiellose Ausmaße erreicht“ – angetrieben durch die hohe Produktion in Südamerika und eine wachsende Nachfrage in der EU. Kokain erreiche Europa inzwischen auf neuen Routen und mit nahezu perfekter Tarnung.
Kokain unter Jugendlichen: Verdopplung in vier Jahren
Die Folgen sieht man nicht nur in der offenen Drogenszene, etwa auf dem Kölner Neumarkt, wo Kokain zu Crack verarbeitet die Verelendung der Süchtigen beschleunigt. Kokain, lange Statussymbol der Oberschicht, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie zuletzt eine Barmer Studie zeigte. Die Zahl der Menschen, die wegen Kokainmissbrauchs ärztlich behandelt werden, hat sich demnach verdreifacht. Laut dem Zentrum für Suchtforschung (ZIS) hat sich die Zahl der konsumierenden Erwachsenen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.
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Der Trend ist auch bei jungen Menschen deutlich sichtbar, sagen Stefan Becker und Silvia Hüls-Knobloch von der Jugend-Suchtberatung des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM). „Wir beobachten seit einigen Jahren, dass Kokain eine immer größere Rolle unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen spielt. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Hauptdiagnose Kokain bei uns verdoppelt“, sagt Hüls-Knobloch. Sie stieg 2025 im Vergleich zu 2021 auf fünf Prozent.

Stefan Becker und Silvia Hüls-Knobloch von der Jugend-Suchtberatung des Sozialdienst Katholischer Männer (SKM)
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Auch wenn die absoluten Zahlen noch niedrig sind, sei der Anstieg alarmierend, sagt Becker. „Grundsätzlich spielen bei Jugendlichen die klassischen Drogen wie Alkohol, Nikotin und Cannabis die größte Rolle.“ Dazu kämen Partydrogen wie Amphetamine. „Dass eine harte Droge wie Kokain nun immer beliebter wird, ist fatal.“ Unter den 14- bis 17‑Jährigen in der Einrichtung hätten aktuell vier eine Kokainabhängigkeit. „Das gab es in den vergangenen zehn Jahren so nicht.“
Hüls-Knobloch und Becker arbeiten seit den späten 90er-Jahren in der Einrichtung, die vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM) betrieben wird. Sie beobachten also seit Jahrzehnten, wie sich der Drogenkonsum junger Menschen verändert. Die Einrichtung arbeitet mit Schulen, Jugendämtern und sozialen Trägern zusammen, bietet neben Präventionskursen und Fortbildungen auch Beratungen für Eltern, Lehrer und betroffene Jugendliche und junge Erwachsene an.
Neben der hohen Verfügbarkeit der Droge sei auch der Preis ein Grund für den Anstieg, sagt Hüls-Knobloch: „Für Konsumierende war es noch nie schwierig, an Kokain heranzukommen“, Man kennt jemanden im Veedel – oder bestellt mittlerweile per Instagram oder Telegram.“ Entgegen des Vorurteils sei ein Kokain-Rausch nicht so teuer, wie man denken würde. „Eine Line kostet zwischen fünf und acht Euro. Das ist ein Einstiegspreis, den sich viele Jugendliche leisten können“, sagt sie. Experten berichten davon, dass die Straßenpreise für Kokain in Deutschland zuletzt sogar gesunken sind.
Das Problem wird oft erst sichtbar, wenn Kollateralschäden auftreten: Führerscheinverlust, finanzielle Probleme, verpasste Verpflichtungen
Gleichzeitig habe Kokain ein besseres Image als andere harte Drogen: „Anders als Heroin oder Crack gilt Kokain als Droge mit hohem Status. Für Jugendliche, die cool wirken wollen, ist das anziehend.“
Die Folgen von langfristigem Kokainkonsum sei gerade für Jugendliche enorm, so Hüls-Knobloch: „Körperlich saugt es einen total aus, Gewichtsverlust ist da nur das geringere Problem.“ Psychisch verändere es Wahrnehmung, Empathiefähigkeit und Motivation von Konsumierenden. „Das Problem wird oft erst sichtbar, wenn Kollateralschäden auftreten: Führerscheinverlust, finanzielle Probleme, verpasste Verpflichtungen. Je früher der Einstieg, desto schwerwiegender die Auswirkungen – zwischen 15 und 25 ist viel Entwicklung, die beeinträchtigt wird.“
Was aber hilft, um Jugendliche zu schützen? Vor allem keine moralischen Appelle. „Wir wollen nicht einfach sagen, dass Konsum schlecht ist“, sagt Becker. „Wir müssen verstehen, warum jemand konsumiert – und welche Funktion die Droge hat.“ Erst dann lasse sich über Alternativen sprechen. Prävention sei kein Einzeltermin, sondern ein Prozess. „Gute Prävention funktioniert nur, wenn sie regelmäßig stattfindet“, sagt Hüls‑Knobloch. Sie müsse in den Schulalltag passen, anknüpfen an Stress, Leistungsdruck oder Gruppendynamiken – die Themen, die Jugendliche tatsächlich beschäftigen.
Wichtig sei auch das Umfeld. Eltern, Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte müssten sich sicher fühlen, das Thema immer wieder aufzugreifen. „Viele haben Angst, etwas falsch zu machen“, sagt Becker. „Aber Schweigen ist riskanter als ein unperfekter Einstieg ins Gespräch.“
Helfen könne dabei auch die Netflix-Dokumentation über den Gangster-Rapper Haftbefehl, die im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit erhielt und sehr drastisch die dramatischen Konsequenzen von jahrelangem exzessiven Kokain-Konsum aufzeigt. „Solche Einblicke können wirken – aber sie müssen vorbereitet und aufgefangen werden.“ Die Einrichtung zeige so etwas nur, wenn danach jemand bereitstehe, um mit Jugendlichen weiterzusprechen. „Es darf nicht einfach Unterhaltung sein.“
Neben Wissen gehe es vor allem um Lebenskompetenzen: den Umgang mit Stress, Belastungen, Konflikten und Selbstzweifeln – Fähigkeiten, die nach der Pandemie vielerorts brüchiger geworden seien. „Wenn junge Menschen lernen, mit Druck umzugehen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie riskant konsumieren“, sagt Hüls‑Knobloch.
Und schließlich brauche es Räume, in denen Jugendliche untereinander offen sprechen können – ohne Heroisierung, aber auch ohne Tabu. „Wenn ein Freundeskreis differenziert über Drogen reden kann“, sagt Becker, „ist das schon ein wichtiger Schutzfaktor.“

