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Ute Lemper kommt nach Köln„Möchte mein Leben nicht von Staatspolitik bestimmen lassen“

6 min
Ute Lemper bei einem Konzert in Kölner Philharmonie (Archivbild)

Ute Lemper bei einem Konzert in Kölner Philharmonie (Archivbild)

Ute Lemper war 1989 die deutsche Gesangsstimme des Disney-Films „Arielle“. Am 29. Oktober findet Disney in Concert in der Arena statt. Ein Gespräch über Disney, Trump und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Frau Lemper, Sie waren 1989 die Gesangsstimme der deutschen Arielle, der Meerjungfrau von Disney, und 1996 der Esmeralda im Zeichentrickfilm „Der Glöckner von Notre Dame“. Mit „Disney in Concert" und dem Hollywood-Sound-Orchestra gehen Sie im Oktober erstmals auf Tour und machen Halt in der Arena in Köln. Wie kam es dazu?

Ich bin zum ersten Mal dabei und habe mir das sehr gut überlegt: Ich weiß natürlich, dass es damals eine große Aufgabe war, die kleine Meerjungfrau Arielle zu singen. Aber es ist schon 35 Jahre her und liegt so viele Lebenskapitel zurück! Es war eine süße Sache, für die ich allerdings nur einen Nachmittag gebraucht habe, um das Lied einzusingen: In den Rundfunkstudios im alten Kalter-Krieg-Berlin, als die Mauer noch stand. 1995, bei dem Lied „Gott, Deine Kinder“ hatte ich meinen ersten Sohn bekommen und lebte in Paris. Den Aufnahmen merkt man an, dass die Stimme reifer war. Es ist ein wunderbares Lied mit den schönsten Crescendos. Die Melodie vergisst man nicht.

Üblicherweise singen Sie in Konzertsälen, sind auf Theaterbühnen präsent. Eine Arena mit mehreren Tausend Zuschauern ist etwas ganz anderes. Ist das eine willkommene Abwechslung oder schon eine Herausforderung?

Ja, die ganze Unternehmung ist herausfordernd, weil ich jetzt ein älterer Mensch bin und nun noch einmal in diesen Charakter hineinschlüpfe, der eine neugierige, süße Meerjungfrau ist. Zunächst hatte ich abgelehnt, mich aber schließlich dazu entschieden. Ich habe damals mit so viel Herz und Seele gesungen, an das Gefühl konnte ich mich genau erinnern. Die Leute wissen ja, dass sie nicht die 14-jährige Ute Lemper bekommen und auch nicht die 30-jährige. Damals war ich gerade mal 25. Ich versuche mein Bestes zu geben und werde neben den beiden Liedern noch ein paar andere Songs singen, das sind aber Überraschungen.

Bühne mit Orchester und Leinwand mit Szene aus dem Film „Arielle“

Die Disney in Concert-Jubiläumstournee macht am 29. Oktober 2026 Halt in der Lanxess-Arena in Köln.

Ute Lemper: Hunderte Briefe von Arielle-Fans

Wie hat sich der Erfolg der Filme auf Sie ausgewirkt?

In den Jahren danach haben mich immer wieder Leute darauf angesprochen. Ich bekam Hunderte Briefe von Mädchen, sie identifizierten mich mit der Meerjungfrau und ihrer Traumwelt und sprachen mich auf meine schöne rote Haarfarbe an. Ich habe verstanden, dass ich ihnen in ihrer Kindheit etwas Liebes gegeben und damit Menschen berührt habe.

Diese Filme gehörten der sogenannten goldenen Ära von Disney an. Hatten Sie irgendwelche Bezüge dazu außer Ihrer zwei Aufträge für die Lieder?

In den 1990ern waren meine ersten beiden Kinder geboren. Mein Sohn Max, der heute 31 ist, hat „Der König der Löwen“ jeden Tag geschaut. Ich habe das geliebt, es mit ihm gemeinsam noch einmal zu entdecken. Und meine Tochter hat „Pocahontas“ geliebt. Meine Kinder schauten Filme auf Englisch, die wussten kaum von meinen deutschen Versionen, weil sie in New York aufgewachsen sind. Irgendwann habe ich sie gefragt: Wisst ihr eigentlich, dass ich die deutsche Gesangsstimme der Arielle bin? Ach, really, mommy, really mommy? Sie waren ganz überrascht.

Stefan Thalemann

Ute Lemper

Sie kommen ursprünglich aus Münster, Ihre Wahlheimat ist seit Jahrzehnten New York. Mit 17 Jahren haben Sie auch mal für mehrere Wochen die Tanzakademie in Köln besucht. Welche Erinnerungen haben Sie an Köln?

Ich bin immer zurückgekommen. 2024 war ich noch im WDR-Funkhaus mit dem Programm „Berliner Lichter“: ein tolles, intensives und integres Programm mit vergessenen jüdischen Liedern und auch großem Entertainment aus der Weimarer Zeit. Und Ende November bin ich wieder da für die große Aids-Gala. Es muss 1982 gewesen sein, als ich den Sommer an der Tanzakademie verbrachte. Als Tänzer muss man sich die Füße prägen und den Bogen immer wieder spannen, damit der Knochen sich verändert. Ich habe den ganzen Tag getanzt und dann habe ich eine Stunde unter einem Holzschrank den Bogen des Fußes geknickt. Das sind Dinge, die man nicht vergisst.

Ute Lemper und wie sie Trumps Politik erlebt

In einem Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger" sagten Sie, dass Sie sich auch vorstellen können, nach Europa zurückzukommen: Ist das ein konkreter Plan oder mehr eine mentale Flucht aus den USA vor dem Hintergrund der politischen Unruhen unter Präsident Trump?

Ich muss zugeben, dass der Alltag hier in New York von der amerikanischen Politik nicht beeinträchtigt wird, auch wenn die extremen Maßnahmen von Trump schockierend sind und für viele auch sehr real. Aber ich möchte mein Leben nicht von einer Staatspolitik bestimmen lassen. Ich liebe mein Leben hier, ich liebe die Nachbarschaft und die Kinder sind hier voll eingeflochten in das Netzwerk von New York. In den letzten Wochen habe ich viel Zeit in Berlin verbracht. Gerade habe ich noch ein schulpflichtiges Kind, aber ich kann mir schon vorstellen, in den nächsten zehn Jahren einen zweiten Wohnsitz zu haben, wahrscheinlich in Berlin.

27.05.2022 Köln.
Diney in Concert in der Lanxess Arena.

Disney in Concert in der Lanxess Arena (Archivbild)

Ist ihr Künstleralltag immer noch so eng getaktet wie früher? Denken Sie schon an einen Ruhestand?

Mein Modus ist: Go with the flow. Viele Sachen habe ich nicht gemacht, um einfach zu Hause zu sein: Filme und Projekte, die mich monatelang in andere Länder geschickt hätten. Jetzt habe ich gerade eine neue Hüfte bekommen. Im letzten Jahr musste ich drei Monate aussetzen. Und als es wieder losging mit Shows in Paris und London, habe ich es nur noch mehr genossen. Diesmal ohne Schmerzen. Es macht noch so viel Spaß, zu arbeiten, Neues zu kreieren. Musik ist immer noch meine Lebensflamme. So schnell wird ein endgültiger Ruhestand nicht eintreten.

Wie war es für Sie als Mutter von vier Kindern, einer internationalen Karriere und Ihrer Familie gerecht zu werden?

Entspannt gab es nie, und wenn man es nicht anstrengend haben will, kann man auf der Couch sitzen, und dann zieht das Leben an dir vorbei. Oder man akzeptiert, dass man ein reiches Leben hat: reich an Liebe, an Menschen, an Kümmern, an Verantwortung, an Kreativität – und all das ist überwältigend, aber dann doch möglich. Ich habe diese Variante gewählt. Achtmal am Broadway in der Woche zu spielen für zwei, drei Jahre und gleichzeitig kleine Kinder zu haben, bedeutete, kaum zu schlafen, früh aufzustehen und abends wieder auf der Bühne zu stehen.

Ute Lemper: Spagat zwischen Beruf und Familie

Würden Sie etwas anders machen im Nachhinein?

Ich hätte mich ein bisschen mehr um meine Gesundheit kümmern müssen. Wenn man jung ist, ist einem all das egal. Da stand ich immer an letzter Stelle, aber auf der Bühne stand ich an erster Stelle. Jetzt im Rückblick bin ich so dankbar, dass ich stark war: Mutter Courage auf und hinter der Bühne, aber diese Konflikte zwischen Familienleben und erfolgreichem Berufsleben sind wirklich schwer. Die Männer kennen das nicht, weil sie oft einfach zur Arbeit gehen und vor dem Herzzerreißen flüchten.

Woran lag es, dass es dann doch alles geklappt hat?

Ich habe gefühlt, dass je mehr ich meine Batterie anzapfe, desto mehr Kraft finde ich in mir. Zudem war mein Ticket nicht mit einem wahnsinnig erschöpften Herzchirurgen oder Politiker verheiratet zu sein, sondern mit jemandem, der ebenfalls Musik aus Leidenschaft macht. Jemand, der die Kinder genauso liebt und genauso mit anpackt. Dieses Rollenspiel von Frau und Mann ist völlig verschmolzen in meinem Gefüge. Das war mit meinem ersten Mann und mit meinem zweiten Mann so. Zusätzlich hatten wir auch noch Kindermädchen und Au-pairs. Ich hätte es am liebsten alles selbst gemacht, aber es ging einfach nicht.


Zur Person: Ute Lemper, 1963 in Münster geboren, ist Sängerin, Schauspielerin, Musicaldarstellerin und Komponistin mit über 40-jähriger Karriere. International bekannt wurde sie als Velma Kelly im Musical „Chicago“ und durch ihre Interpretationen von Kurt Weill und Marlene Dietrich. Ihre Autobiografie „Die Zeitreisende“ aus dem Jahr 2023 wurde ein Bestseller. In ihrem aktuellen Musikalbum „Pirate Jenny“ interpretiert sie Kurt Weills Songs auf Englisch und verknüpft sie mit zeitgenössischen Klängen wie elektronischen Beats. Lemper lebt mit ihrer Familie in New York. (gam)

Die Tickets für die Jubiläumstournee von Disney in Concert am 29. Oktober 2026 in der Lanxess-Arena kosten zwischen 63,90 Euro und 93,90 Euro.