Der Star-Pianist spielte Brahms mit dem Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia in der Kölner Philharmonie.
Kölner PhilharmonieIgor Levit lässt die Taktstriche tanzen

Igor Levit
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Nein, der Start – das Eröffnungstutti von Brahms' erstem Klavierkonzert – geriet noch nicht so richtig gut: Basslastig, pastos, fast schwerfällig und dabei sogar etwas splittrig im Sound der Geigen präsentierte die Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter ihrem Chefdirigenten Daniel Harding das zerklüftete, im Fortgang kanonisch geführte Hauptthema. Eine fette, irgendwie in einer Aufführungs-Vergangenheit angesiedelte Vorstellung, die der Schutzpatronin der römischen Eliteformation wenig Ehre machte.
Igor Levit, der Star des Abends am Flügel, schien die Defizite zu spüren, denn gleich mit seinen in Terzen und Sexten geführten Auftritts-Achteln zog beim jüngsten Meisterkonzert ein belebendes Lüftchen durch die Kölner Philharmonie – nicht nur wegen einer minimalen Tempo-Steigerung, die den Begleitern trotzdem Beine machte, sondern vor allem wegen der schlank-vitalen und zugleich introvertierten Tongebung. In der Reprise kam das Orchesterthema dann – im Klavier – so, wie es sich gehört: mit einem kristallklaren, konzisen und rhythmisch gut fokussierten Martellato.
Das erste Brahms-Konzert gilt wegen seiner sinfonischen Struktur – der vermeintlichen Unterrepräsentanz des Soloparts – seit jeher als heikel. Manchmal wurde man jetzt an diese Kritik erinnert – etwa wenn Levits Arpeggien-Eleganz in der massiven Orchestergrundierung unterging. Auf weite Strecken indes machte er aus der angeblichen Not eine Tugend, wurde zum mustergültig hinhörenden Kammermusiker. Dabei zogen dann auch die Begleiter, deren Forte-Intonationen freilich auch fürderhin nicht durchweg den Schönheitsgipfel erklommen, spürbar inspiriert mit – nicht nur das Horn mit seinem dann vom Klavier übernommenen romantischen Quintenmotiv.
Verständiger Zugang zu Brahms' Klangsprache
Wichtiger als Levits gelassene, auf Showeffekte verzichtende Brillanz und die Vielfalt der expressiven Möglichkeiten ist sein verständiger Zugang zur Klangsprache des jungen Brahms, ihrem Überschwang, ihren fantastischen Gegensätzen und Entgrenzungen. Das schließt, zumal wenn er allein auf weiter Flur ist, den seligen Stillstand ein. Bisweilen, im langsamen Satz, gab es ein nächtliches Raunen, oder die intensivierte Klangrede sprengte zwanglos den Käfig der Metrik.
Im Finale brachte Levit auch die Taktstriche geradezu zum Tanzen. Diese Performance hatte alles zugleich: großen Atem, Grandezza, Bereitschaft zur Versenkung und Selbstzurücknahme. Letztere zeigte noch einmal sehr gewinnend die Zugabe, eines von Mendelssohns Liedern ohne Worte. So ohrwurmträchtig wie dessen Thema ist auch – dank der Religioso-Anmutung und der Ausstattung mit den süffigen Quintfall-Sequenzen – der legendäre „Nimrod“-Satz aus Edward Elgars Enigma-Variationen, die nach der Pause erklangen. Harding und die Seinen bekamen dessen inbrünstige Steigerung prima hin, jetzt war das Orchester hörbar in seinem Element – offensichtlich liegt gerade Elgars gelegentlich von Wagner gestreifte melodische Emphase den Römern.
Um sie zu erleben, musste man auch keineswegs auf Nimrod warten. Insgesamt fesselte die Aufführung durch eine genaue Differenzierung der Klanggruppen und dramaturgische Abstufung der Variationen gegeneinander. Witz, Emphase, Tragik – da wurde nicht weniger als ein spätviktorianisches Welttheater hingestellt. Für den inbrünstigen Applaus dankten die Gäste mit Elgars „Salut d'amour“.
