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Kölner Theaterkollektiv boy:band über die BundeswehrDrill, Demütigung und „Pommes“

2 min
Ein Soldat in bauchfreier Tarnweste schultert eine übergroße Ketchup-Tüte.

In der Koproduktion von boy:band und studiobühneköln verschwindet die Individualität des Einzelnen hinter Tarnanzügen und Demütigung

Das Theaterkollektiv boy:band fragt in seiner neuesten Produktion, was das neue Wehrpflichtgesetz für junge Menschen bedeutet.

Einen Blick auf die Bundeswehr wirft das Kölner Theaterkollektiv boy:band in seiner aktuellen Produktion „Pommes“. Dafür streift das fünfköpfige Ensemble, bestehend aus Noelle Fleckenstein, Isabella Kolb, Carmen Konopka, Jan van Putten und Katharina Rettich, Camouflage-Kleidung über.

Vom ersten Strammstehen bis zum blutigen Ernst

Vom ersten Strammstehen bis zum blutigen Ernst im Kriegsfall wird hier auf der Bühne durchexerziert, was es heißt oder heißen könnte, in der Bundeswehr zu sein. Die Frage, die nach Ende des Kalten Krieges noch einen anachronistischen Anstrich hatte, ist spätestens seit dem Angriffskrieg in der Ukraine und der Wehrpflichtdebatte wieder von beängstigender Brisanz. So fehlt es der Inszenierung von Noelle Fleckenstein und Carmen Konopka auch nicht an dem nötigen Ernst, auch wenn die Bühne den Titel des Stückes aufgreift und den Kasernenhof mit dem Interieur einer Frittenbude kombiniert.

Was aber ist die Bundeswehr im Jahre 2026? Ein Sammelbecken für Militaristen, Machos und den ein oder anderen Rechtsextremisten, der hier für die Machtübernahme trainiert? Oder eine demokratische Armee mit mündigen Bürgern in Uniform, die für das Gemeinwohl und die Sicherheit unseres Landes eintritt? Fakt ist, dass die unsichere globale Lage und die Milliarden des Bundeswehr-Beschaffungsbeschleunigungsgesetzes einen regelrechten Run auf die Rekrutierungsbüros ausgelöst haben. Gleichzeitig gilt seit Januar 2026 ein neues Wehrpflichtgesetz. Was das im Normalfall für den Einzelnen heißt, kann das zumeist junge Publikum direkt auf der Bühne beobachten.

Dekonstruktion des Soldatentums

Dabei werden auf der Textebene in erster Linie Originalzitate aus dem Alltag der Bundeswehr-Beschäftigten verwendet. Der demonstrierte Drill folgt dabei der üblichen Logik weltweiter Militärsysteme. Es gilt, den einzelnen Soldaten seiner Individualität zu entledigen, um ihn normgerecht als Teil der kollektiven Truppe zu formen. Die Absurditäten und schikanösen Auswüchse einer solchen Grundausbildung gibt es auch hier zu sehen. Unterlegt wird das Geschehen mit einem von dem Musiker „Zureall“ live eingespielten und gesungenen Score. Dazu herrscht ein bellender Tonfall, der durch die häufige Sprache im Chor noch verstärkt wird. Die Dramaturgie einer Dekonstruktion des Soldatentums erinnert an Stanley Kubricks Klassiker „Full Metal Jacket“, und wie im Film folgt auf die Deformierung auf dem Kasernenhof der traumatische Ernstfall im Feld.

Eine schlüssige Antwort auf das Dilemma, wie die Verteidigung eines zunehmend auf sich allein gestellten demokratischen Europas aussehen könnte, sucht man hier allerdings vergeblich. Mehr als einen fast pflichtschuldig daherkommenden Appell, sich dem Dienst an der Waffe zu verweigern, gibt es zum Schlusswort nicht.


Pommes – Ein Stück über die Bundeswehr: Studiobühne in der Tanzfaktur, 9. – 11.4. 20 Uhr, 12.4. 18 Uhr