Warum Andy Warhol und die Pop Art die Kunstwelt eroberten und im Kölner Museum Ludwig bis heute Publikumslieblinge sind.
Pop Art im Museum LudwigAndy Warhol entzauberte die Hochkultur – und machte Alltagswaren unsterblich

Andy Warhol 1968 mit seinem Werk „Brillo Boxes“ im Stockholmer Moderna Museet
Copyright: IMAGO/TT/Lasse Olsson
Mitte der 1950er Jahre dämmerte den Künstlern zum ersten Mal, dass sie den Kampf um das Bildgedächtnis der Menschheit verloren hatten – und zwar unwiderruflich und für alle Ewigkeit. Das lag nicht an den unvorstellbaren Weltkriegsgräueln, sondern an der Revolution, die dem Kapitalismus das freundliche Gesicht einer im Überfluss lebenden Konsumgesellschaft verlieh.
Deren Siegeszug erfüllte den britischen Maler Richard Hamilton mit einer sehr europäischen Mischung aus Ehrfurcht und Zynismus. Einerseits konnte Hamilton nicht umhin, Werber, Designer, Fotografen oder Filmer für ihre Gabe zu bewundern, Ikonen des modernen Alltags buchstäblich in Serie zu produzieren. Andererseits war das nach Maßgabe von mehr als 2000 Jahren westlicher Kunstgeschichte alles Schrott.
Europa mag nicht die Pop-Art erfunden haben, den Begriff hingegen schon. Der Brite Hamilton schuf mit einer ironischen Fotocollage aus US-Magazinen zudem das erste offizielle Pop-Art-Kunstwerk, wobei sich seine Ironie schon bald als ganz und gar unpoppig erweisen sollte. Während die Künstler in Europa verzweifelt um das Erbe der Kunstgeschichte kämpften, wunderte sich Andy Warhol, wie man einen verlorenen Posten so hartnäckig verteidigen konnte.
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Andy Warhol entstammte jenem Milieu, dessen geschäftstüchtige Glätte Hamilton bewunderte und fürchtete: Er begann seine Karriere als Werbegrafiker, und als es in der Werbung für ihn nichts mehr zu erreichen gab, erfand er sich als Künstler neu. Er war spät dran, denn die Aufnahme der Warenwelt in den Kunstkanon war dank Hamilton und Malern wie Jasper Johns bereits in vollem Gange. Man erzählt sich, Warhol habe sich darüber im Freundeskreis beklagt und gefragt, ob jemandem ein populäres Motiv einfiele, das noch nicht besetzt sei.
Plötzlich sollten verklärte Wegwerfartikel die Museen füllen
Jemand wusste Rat, und Warhol machte im Supermarkt für 50 Dollar das Geschäft seines Lebens. Er kaufte sämtliche 32 Sorten von Campbell's Dosensuppen – das Sujet seiner ersten Pop-Art-Montage. Es folgten ähnliche Bilder von Coca-Cola-Flaschen, Ein-Dollar-Noten, Marilyns und Elvisse. Innerhalb weniger Jahre schuf er etliche klassische Kunstwerke der Moderne. Über den Umweg des Sammlers Peter Ludwig kamen einige davon nach Köln – und geistesverwandte Werke von Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg und James Rosenquist.
Zunächst hatte Peter Ludwig seine „Kunst der 60er Jahre“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum gezeigt, mit der Pop-Art als Kernbestand der Sammlung. Aus der Leihgabe wurde dann eine aus 350 Werken bestehende Schenkung, die den Grundstock des 1986 eröffneten Museum Ludwig bildete. Im „Doppelmuseum“ aus Wallraf und Ludwig konnte man die Kunstgeschichte von der mittelalterlichen Madonna bis zu Tom Wesselmanns „Great American Nude No. 98“ begehen.
Hochdekorierten Kunsthistorikern wie Ernst Gombrich fehlte damals jegliches Verständnis dafür, dass verklärte Wegwerfartikel plötzlich die Museen füllen sollten. Trotzdem bewundern wir im Museum Ludwig heute Warhols „Brillo Boxes“, einen Stapel aus Holzkisten, die vorgeben, handelsübliche Verpackungen von Putzschwämmen zu sein; Roy Lichtenstein blies für „M-Maybe“ ein Comicbild zum Gemälde auf und Claes Oldenburg baute mit seinem „Giant Soft Swedish Light Switch“ einen schwedischen Lichtschalter aus knautschigen Stoffballen nach.
James Rosenquist, ein anderer Ludwig-Favorit, nutzte seine Erfahrungen als Plakatmaler, um für „Horse Blinders“ eine Motivcollage auf insgesamt 23 Leinwandstücken zu komponieren. Banales mischt sich darauf mit Politischem, vieles erschließt sich, wenn überhaupt, erst auf den zweiten Blick, denn die Überforderung des Auges war für Rosenquist Programm. Ihm ging es darum, die alltägliche Bilderflut von Medien und Werbung als Teil unserer zweiten Natur zu inszenieren.
Mit der Pop-Art wurde erstmals der Massengeschmack zur Hochkultur
Kein Wunder, dass die Pop-Art zunächst eine Sache der Neureichen war und die Propheten im eigenen Land wenig galten. Durchgesetzt wurde die Pop-Art in Deutschland, und zwar nicht von Museumsleuten, sondern von Händlern und Sammlern wie Karl Ströher, Wolfgang Hahn oder eben Peter Ludwig, der 1967 in einen wahren Kaufrausch geriet. Als 1972 auch die Documenta in Kassel der Pop-Art eine Bühne bereitete, war diese endgültig im Kanon der Moderne angekommen.
Dieser Geschmackswandel lässt sich allenfalls mit der Revolution des Impressionismus knapp hundert Jahre zuvor vergleichen. Mit der Pop-Art wurde erstmals der Massengeschmack zur Hochkultur erklärt, und Warhol war der Prophet dieser neuen Kunstreligion. Er lebte in einer Welt, in der Stars von den Massenmedien zu anbetungswürdigen Idolen erhoben wurden und die Teilhabe am Konsum das neue Heilsversprechen war. Also verlieh er banalen Produkten der Konsumgesellschaft den Segen der modernen Kunst, indem er Unikate aus ihnen machte.
In der Pop-Art fand die Massengesellschaft einen gültigen Ausdruck ihrer selbst, auch weil ein Sammelbild von Suppendosen nichts Elitäres hatte. Hinter Warhols Siebdrucken von Elvis oder Marilyn Monroe steckte zudem die einfache, aber zunächst unerhörte Erkenntnis, dass in der Konsumgesellschaft alles zur Ware wird, man diese Ware aber trotzdem innig lieben kann. Hinter dieser Demokratisierung des Kunstgeschmacks verbarg sich für alle offensichtlich eine Amerikanisierung der (westlichen) Welt. Selbst die rebellierenden Studenten erlagen den US-Kulturimporten und mussten sich Jean-Luc Godards berühmter Einsicht fügen, sie seien „die Kinder von Marx und Coca-Cola“.
Mittlerweile sehen die Pop-Art-Ikonen nicht deswegen von gestern aus, weil sie aus der Zeit gefallen wären, sondern weil sich die Produktpalette der Konsumgesellschaften geändert hat. Als geistige Wegbereiter unserer Gegenwart sind Warhol, Lichtenstein und Rosenquist weiterhin aktuell. Ihr künstlerisches Erbe liegt in der Aufwertung der Populärkultur – und in der Demokratisierung des künstlerischen Lebensstils. Seit den späten 60er Jahren darf sich jeder herausnehmen, was bis weit in die Nachkriegszeit als Vorrecht des Künstlers galt: auf die bürgerliche Ordnung pfeifen, den eigenen Leidenschaften folgen und ein Leben auf Kredit führen. Heute ist das Recht, sich selbst zu verwirklichen, in der bürgerlichen Konsumgesellschaft praktisch Allgemeingut. Wir leben immer noch in Andy Warhols Welt.

