Bei der Verleihung des Grimme-Preises führt in diesem Jahr Linda Zervakis als Moderatorin durch die Gala in Marl.
„Die Politik geht alle an“Linda Zervakis über ihre Grimme-Moderation und Diversität im TV

Linda Zervakis moderiert die diesjährige Verleihung des Grimme-Preises. (Bild: IMAGO / Horst Galuschka)
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Wenn in diesem Jahr die Grimme-Preise für die besten Produktionen im deutschsprachigen Fernsehen vergeben werden, führt eine Frau durch den Abend, die sich sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privaten TV bestens auskennt: Linda Zervakis, einst „Tagesschau-“Sprecherin und seit 2021 für ProSieben tätig, moderiert die große Gala im nordrhein-westfälischen Marl und präsentiert die Gewinnerinnen und Gewinner in vier Kategorien sowie der drei Sonderpreise (Freitag, 24. April, Highlights ab 22.25 Uhr bei 3sat). Im Interview verrät die 50-Jährige, wie sich auf den Abend vorbereitet und wie man angesichts schwerer Themen in Krisenzeiten den richtigen Ton trifft, warum Diversität im Fernsehen nicht selbstverständlich ist und weshalb sie als Moderatorin mit Migrationsgeschichte noch immer als Symbolfigur für Jüngere gilt.
teleschau: Frau Zervakis, der Grimme-Preis gilt als Qualitäts-Instanz des deutschen Fernsehens. Wie bereitet man sich als Moderatorin auf einen Abend vor, an dem der qualitative, intellektuelle und künstlerische Wert im Vordergrund steht?
Linda Zervakis: Bei jeder Moderation ist es wichtig, im Thema zu sein und zu verstehen, worum es geht bei einer Veranstaltung. Und in diesem Fall heißt das, dass ich mir von den ausgezeichneten Werken ein Bild machen muss. Damit meine ich kein Urteil, ich bin ja nicht Teil der Jury, aber ich muss ein Gefühl dafür entwickeln, warum diese Produktionen mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet werden.
teleschau: Insgesamt werden 16 Preise und drei Sonderpreise verliehen. Haben Sie überhaupt Zeit, in die prämierten Formate im Vorfeld hineinzuschauen?
Zervakis: Natürlich wäre es ideal, alle Formate in voller Länge gesehen zu haben. Von einigen Produktionen kann ich das auch sagen, bei anderen habe ich mir zumindest einen substanziellen Eindruck verschafft. Außerdem hat mir der intensive Austausch mit der Redaktion geholfen.
teleschau: Bei den Prämierten stehen relevante und schwere Themenfelder wie Rassismus und soziale Missstände neben lockerer Unterhaltung. Wie findet man in diesen krisenhaften Zeiten bei einer feierlichen Gala dahingehend den passenden Ton?
Zervakis: Dafür gibt es kein Patentrezept. Es ist ein Balanceakt: Die schweren Themen angemessen ernst nehmen, ohne den Abend in Schwere zu ertränken. Hoffen wir, dass es gelingt. Ganz sicher kann man sich da nie sein.
„Beide Systeme zu kennen, öffnet jedenfalls den Blick“
teleschau: RTLZWEI wird für eine Dokumentation über Rassismus ausgezeichnet. Als jemand, der heute auch im Privatfernsehen arbeitet: Wie ordnen Sie die vermehrten ernsteren und politischen Ansätze bei den Privaten in den letzten Jahren ein?
Zervakis: Ich finde es gut und wichtig, dass sich die privaten Sender nicht auf reine Unterhaltungsprogramme beschränken. Die Politik geht letzten Endes alle an, auch die Zuschauer von RTL, ProSieben oder SAT.1.
teleschau: Blicken Sie auf die Konkurrenz der Sendergruppen eigentlich inzwischen mit der Freiheit einer „Grenzgängerin“, die sowohl im Öffentlich-Rechtlichen als auch im Privatfernsehen tätig ist?
Zervakis: Beide Systeme zu kennen, öffnet jedenfalls den Blick und hilft, die Dinge einzuordnen. Wichtiger als das Senderumfeld war mir immer die Frage, wie ich die Menschen für Themen interessiere, die mir relevant erscheinen.

Linda Zervakis kennt sich sowohl mit den öffentlich-rechtlichen als auch den privaten Sendern in Deutschland aus. (Bild: 2022 Getty Images/Sean Gallup)
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teleschau: Sie haben Nachrichtensendungen moderiert, präsentieren aber auch Unterhaltungsformate. Der Grimme-Preis ehrt oft die Greifbarkeit von Qualität, etwa beim Format „MAITHINK X“. Wo verläuft für Sie persönlich die Grenze, an der Information aufhören sollte, nur Fakten zu liefern, sondern auch unterhalten sollte und darf?
Zervakis: Infotainment sehe ich positiv. Gute Information darf unterhalten, und was unterhaltsam ist, muss deswegen nicht weniger seriös sein. „MAITHINK X - Die Show“ ist dafür ein gutes Beispiel.
„Frank Elstner vermittelt Herzlichkeit und Wärme“
teleschau: Frank Elstner, der in diesem Jahr die „Besondere Ehrung“ erhält, gilt als eine Ikone des „Lagerfeuer“-Fernsehens. Was kann eine junge Generation von Moderatorinnen und Moderatoren von einem wie ihm lernen, um in Zeiten von TikTok noch Relevanz zu behalten?
Zervakis: Frank Elstner vermittelt Herzlichkeit und Wärme. Er gibt den Menschen das Gefühl, dabei zu sein, mehr zu sein als nur ein Zuschauer. Dieses Gefühl entsteht, glaube ich, dadurch, dass er sich wirklich für seine Gesprächspartner und sein Publikum interessiert. Das ist nicht gespielt, das ist authentisch. Und das ist eine Haltung, die auch heute noch, in der fragmentierten Medienwelt, den Unterschied zum Mittelmaß ausmacht. Wer das für mich auch verkörpert, wenn auch auf ganz andere Weise, ist Anke Engelke. Die bewundere ich schon seit vielen Jahren.
teleschau: Für die besondere journalistische Leistung wird in diesem Jahr Golineh Atai geehrt, insbesondere für ihre Berichterstattung aus der arabischen Welt. Wie wichtig sind in diesen krisenhaften Zeiten die laut Jury „ruhig erzählten Berichte“ im Kontrast zum Sensationalistischen, auch wenn die politische Lage Letzteres sogar bedient und herausfordert?
Zervakis: Solche Leistungen kann man gar nicht genug würdigen. Journalisten und Journalistinnen wie Golineh Atai zeigen, was man ohne Zuspitzung erreichen kann. Dem populistischen Geschrei und Gezeter kann man vielleicht sogar am besten ruhig und analytisch begegnen.
„Ich werde bis heute auf meine Rolle angesprochen“
teleschau: Sie waren die erste Moderatorin der Hauptausgabe der „Tagesschau“ mit Migrationshintergrund; auch in Ihrem Podcast „Gute Deutsche“ setzen Sie sich mit den Erfahrungen von Menschen mit nicht-deutschen Wurzeln auseinander. Wenn Sie die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger beim Grimmepreis in diesem Jahr sehen - haben wir heute mehr Diversität im Fernsehen, und welchen Wert und Bedeutung hat das eigentlich?
Zervakis: Es hat sich, was das Thema Diversität angeht, viel bewegt in der Welt des Fernsehens. Die Preisträgerinnen und Preisträger des Grimme-Preises 2026 bilden die vielen unterschiedlichen Perspektiven, aus denen deutsche Fernsehformate inzwischen erzählt werden, ab. Es gibt viele tolle Geschichten, die früher so nicht erzählt worden wären.
teleschau: Kann man sich darauf, auch mit Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Lage, ausruhen?
Zervakis: Für die kommenden Jahre wünsche ich mir, dass diese Entwicklung weiter voranschreitet und wir uns nicht entspannt zurücklehnen. Sonst kann eine Entwicklung wie die der letzten Jahre sich auch wieder zurückdrehen: Diversität ist sicher kein Thema, an das man in naher Zukunft ein Häkchen setzen darf. Für mich ist das natürlich auch ein ganz persönliches Anliegen: Ich werde bis heute auf meine Rolle angesprochen und bin für viele jüngere Menschen mit Migrationshintergrund eine Art Symbolfigur.
teleschau: Die Direktorin des Grimme-Instituts, Çiğdem Uzunoğlu, gab sich mit Blick auf fehlende Themen in diesem Jahr auch kritisch: „Die Kriege in Europa und im Nahen Osten kommen nicht vor, ebenso die Klimakrise. Fehlt es hier an Mut?“. Glauben Sie, dass hinter diesen Lücken tatsächlich eine mangelnde Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit heiklen Themenfeldern steckt?
Zervakis: Damit bin ich, ehrlich gesagt, überfragt. Ich will den Medienschaffenden nicht pauschal den Mut absprechen. Im Übrigen ist es ja nicht nur eine Frage des Mutes, welchen Film, welches Format man macht. Man braucht ja auch einen erzählerischen Ansatz. Vielleicht ist der für bestimmte Themen noch nicht gefunden. Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Lücken noch schließen werden.
teleschau: Welches Gefühl möchten Sie am Ende der 62. Grimmepreis beim Publikum im Saal und vor den Bildschirmen hinterlassen haben?
Zervakis: Ganz kurz gesagt: Ich möchte für das Publikum, ob im Saal oder zu Hause, einen Abend schaffen, der hängenbleibt, ohne allzu schwer auf den Schultern zu liegen. (tsch)
