Viel Tüll und Seide, glitzernde Fummel und mit Pailletten besetzte Roben: Die Travestiekünstlerinnen boten etwas fürs Auge und fürs Herz.
TravestieshowRegina Red und Adelheid von Seidennaht begeistern Gäste in Kall

Mit Kollegin Adelheid van Seidennaht (r.) stand Regina Red im Kaller Saal Gier auf der Bühne.
Copyright: Stephan Everling
Wenn sie im Saal Gier in Kall auftritt, ist volles Haus garantiert: Regina Red, die in großer Garderobe und mit großer Geste ihr Publikum unterhält. Auch wenn — oder vielleicht auch gerade weil — sie im bürgerlichen Leben René Berlin heißt und mit ihrer Familie in Hecken in der Gemeinde Hellenthal lebt. Denn hier im Saal Gier hat sie sozusagen Heimrecht und spielt an altgewohnter Stelle. Am Samstag trat sie in ihrer Travestieshow gemeinsam mit ihrer Kollegin Adelheid van Seidennaht aus Köln auf die Bühne.
Beide kennen sich von der Bühne des Kölner Kulturschocks und waren gemeinsam Mitglieder des Ensembles Schockletts und der Star-Treff Follies. Geboren wurde diese Mischung aus Travestie, Comedy, Kabarett und Trash im Jahr 1992 im Schulz, dem Schwulen- und Lesbenzentrum in der Kölner Südstadt und bot vielen Bühnentalenten wie zum Beispiel Bernd von Fehrn, Jonathan Briefs und Sascha Korff die Möglichkeit, auf der Bühne Erfahrungen zu sammeln. Auch wenn das Schulz mittlerweile nicht mehr existiert, lebt der Kulturschock weiter und findet an verschiedenen Orten wie dem Atelier Theater oder dem Theater im Walzwerk statt.
Schon viele gemeinsame Auftritte hinter sich
Nicht zum ersten Mal waren Adelheid und Regina gemeinsam in Kall auf der Bühne. „Wir sind jetzt über zwölf Jahre befreundet“, sagte Adelheid. Tom Jäkle heißt sie, wenn sie nicht auf der Bühne steht, doch hier, in dem kleinen Flur neben dem Saal Gier, der zur Garderobe umfunktioniert wurde, ist sie ganz Adelheid. Als Maske dient ein kleiner Tisch, auf dem zwei Spiegel stehen, ansonsten platzt der Raum fast aus den Nähten vor lauter von Tüll und Seide, glitzernden Kostümen und mit Pailletten besetzten Roben.
„Jedes Programm, das wir gemeinsam machen, ist anders. Wir stellen es immer wieder neu zusammen“, berichtet Adelheid, während sie nach der anstrengenden ersten Hälfte des Programms Luft schnappt. Es ist heiß im Saal, erst recht unter den Scheinwerfern auf der Bühne, und die beiden Damen arbeiten mit vollem Körpereinsatz, singen, tanzen, reden und werfen sich die Pointen zu.

Auch als Sängerin Helene Fischer trat Regina Red auf.
Copyright: Stephan Everling
Zum fünften Mal, so weiß es das Archiv des Hauses Gier, tritt René Berlin als Regina Red im Saal auf. „Das ist, was am meisten Spaß macht. Hier waren die Anfänge“, sagt sie. Mittlerweile ist sie bundesweit unterwegs, besonders aber oft in Hamburg, wo sie mehrmals im Jahr im legendären Star Club in der Show von Deutschlands derzeit bekanntester Drag Queen, Olivia Jones, auftritt. „Ich bin vielleicht fünfmal im Jahr im Hamburg“, sagt Berlin, alias Regina. Es sei schon etwas Besonderes, dort aufzutreten, wo einst auch die Beatles auf der Bühne gestanden hätten. Touristen aus aller Welt kämen dorthin, um die Show zu sehen.
Viele Gesangsnummern ohne Playback
Da sei Kall doch etwas anderes. „Ich liebe den direkten Kontakt zum Publikum“, sagt Regina Red. Und stellt das auch immer wieder unter Beweis, wenn sie souverän die Zuschauer in die Show mit einbezieht. Der Saal ist mit genau 102 Zuschauern ausverkauft. Nur wenige Kaller sind mit dabei, der überwiegende Teil des Publikums ist von auswärts gekommen, um die Show zu sehen.
Auf der Bühne wechseln sich Regina und Adelheid ab, was den beiden immer wieder die Möglichkeit gibt, die Kostüme zu wechseln und damit auch die Rollen. Routiniert spielen die beiden gemeinsam, und immer wieder ist in den Dialogen der anarchische Humor zu spüren, der im Kulturschock seit Urzeiten gepflegt wird. Wer auf der Bühne steht, kann zum Beispiel nie sicher sein, dass nicht aus der Garderobe in den Auftritt hineingesprochen wird – die Funkmikros machen es möglich.
Viele Gesangsnummern singen die beiden selbst, Playback ist verpönt. Und das Publikum muss immer wieder mitmachen, „Ihr seid ja nicht zum Spaß hier“, flachst Adelheid, während Assistentin Jenny wie eine Gebärdendolmetscherin den Zuschauern die Choreo vortanzt. Regina tritt als Helene Fischer oder Miss Doubtfire auf, dann wieder als Putzfrau Herta Hurtig. „Bei mir kann man vom Boden essen, es liegt ja noch genug herum“, sagt sie. Auch Prominente bekommen ihr Fett weg: „Egal, wann ich das Fernsehen anmache, ich sehe Florian Silbereisen. Der ist überall, man traut sich kaum, abends eine Dose aufzumachen.“
Mit vielen Lachern und spontanen Gags boten die beiden Akteure ihrem Publikum einen vergnügten Abend, bevor es mit einem Schlagermedley in die Abschiedsrunde ging.

