Dass Hitdorfer Kinder auf das nächstgelegene Gymnasium gehen, hat eine lange Tradition. Nun wird damit gebrochen.
Otto-Hahn-GymnasiumNah, aber unerreichbar: 28 Hitdorfer Kinder in Monheim abgewiesen

Betroffene Eltern und Kinder haben sich vor der Hitdorfer Hans-Christian-Andersen-Grundschule versammelt.
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Das Otto-Hahn-Gymnasium in Monheim hat für das kommende Schuljahr 28 Bewerberinnen und Bewerber auf einen Schulplatz abgelehnt. Das Brisante: Alle 28 kommen aus Leverkusen, zumeist aus Hitdorf.
Dass Hitdorfer Kinder nach Monheim aufs Gymnasium gehen, hat eine lange Tradition, nicht nur wegen der kurzen Entfernung. Als das Otto-Hahn-Gymnasium 1969 gegründet wurde, war Hitdorf noch ein Teil von Monheim, erst mit der kommunalen Neugliederung 1975 wurde Hitdorf nach Leverkusen eingemeindet. Eine eigene weiterführende Schule hat der Stadtteil nicht. „Wenn ältere Hitdorfer sagen: Ich gehe in die Stadt, dann meinen sie Monheim, nicht Wiesdorf“, sagt Dustin Flock.

Lara und Luzie sind Zwillinge. Nach der Ablehnung am OHG gefiel einer das Lise-Meitner-Gymnasium besser, der anderen das Landrat-Lucas-Gymnasium. „Natürlich sollen sie auf die gleiche Schule gehen, jetzt muss eine nochmal zurückstecken“, sagt ihr Vater.
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Was ist nun geschehen, dass die Leverkusener Kinder in Monheim entgegen der üblichen Praxis nicht mehr angenommen werden? 2023 hat der Monheimer Stadtrat einen „Privilegierungsbeschluss“ gefasst. Dieser besagt, dass an den städtischen Schulen vorrangig Monheimer Kinder aufgenommen werden. Eine derartige Regelung gibt es auch in Leverkusen, sie ist nur für die spezialisierten Sportklassen an der NRW-Sportschule Landrat-Lucas-Gymnasium aufgehoben.
Das Otto-Hahn-Gymnasium wird regulär als siebenzügige Schule geführt. Obwohl laut Schulentwicklungsplan die Klassengröße auf 29 festgelegt ist, wurden diese sieben Eingangsklassen bereits auf 31 erweitert, vorrangig mit Monheimer Kindern und ein paar wenigen auswärtigen. Die übrig gebliebenen 28 Hitdorfer Kinder bekamen eine Ablehnung. „Wir hatten Kontakt mit dem Schulleiter, der uns signalisiert hat, dass die Schule gerne einen weiteren Zug einrichten könnte“, sagt Vater Dustin Flock, der eine Elterninitiative der betroffenen Kinder zusammenberufen hat.

Der zehnjährige Vincent ist schon in Monheim zur Kita gegangen, außerdem spielt er dort im Verein Fußball. „Wenn ich in Leverkusen zum Gymnasium gehen muss, schaffe ich das Training um 16.30 Uhr nicht mehr, dann muss ich vielleicht mit Fußball aufhören.“
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Mit einer weiteren Eingangsklasse könnten alle Leverkusener Interessenten unterkommen. Das allerdings will die Stadt Monheim nicht. Man könne Kinder nur „im Rahmen der Zügigkeit“ aufnehmen, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung aus der Monheimer Stadtverwaltung. Bürgermeisterin Sonja Wienecke schreibt in einem Brief an die Elterninitiative, eine Überhangsklasse sei „aus schulfachlicher Sicht nicht geboten“.
Rechtlich möglich wäre sie. Im NRW-Schulgesetz steht dazu: „Der Schulträger kann ohne Änderung der Schule im Einvernehmen mit der Schulleiterin oder dem Schulleiter mit Genehmigung der oberen Schulaufsichtsbehörde die Zahl der Parallelklassen einer Schule vorübergehend durch Bildung einer Mehrklasse erhöhen.“ Der Schulträger ist die Stadt Monheim, diese müsste die weitere Klasse beschließen, die Schulleitung alleine darf das nicht.

Oskar (l.) besucht die sechste Klasse am Otto-Hahn-Gymnasium, sein Bruder Luis hat keinen Platz bekommen. „Das ist doof, wir hätten zusammen Fahrrad fahren können, zum Landrat-Lucas-Gymnasium muss Luis lange mit dem Bus fahren. Auf meiner Schule gefällt es mir gut, es gibt auch eine Schach-AG, die Luis auch gefallen würde“, sagt Oskar.
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Auf die Frage, was passieren müsse, damit die Hitdorfer Kinder doch in Monheim zur Schule gehen können, antwortet die Monheimer Verwaltung: „Sobald die Anzahl der gemeindeeigenen Schülerinnen und Schüler rückläufig ist, können im Rahmen der Zügigkeit auch wieder auswärtige Schülerinnen und Schüler aufgenommen werden.“
Eine offizielle Aufforderung zur Kostenübernahme gibt es nicht, dennoch steht die Frage im Raum: Wer zahlt für eine Mehrklasse? Das mittlerweile wegen des Gewerbesteuereinbruchs ebenfalls hochverschuldete Monheim gibt an, dass die städtischen Aufwendungen, die pro Kind in einer städtischen Schule entstehen, noch nicht genau geprüft wurden. Aber 1000 bis 1500 Euro pro Monat seien es wohl. Diese Zahl kennt man auch in der Leverkusener Verwaltung und rechnet vor: „Bezogen auf 28 Kinder über neun Schuljahre entspräche das rund drei Millionen Euro.“

Hanna und Ronja sind beste Freundinnen. „Wir spielen zusammen Inline-Hockey bei den Monheim Skunks. Eigentlich machen wir alles zusammen. Dass wir jetzt nicht mehr auf die gleiche Schule gehen können, ist doof.“
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Die Elterninitiative argumentiert, dass Leverkusen dieses Geld pro Kind ohnehin aufbringen muss, ob es nun in Leverkusen zur Schule geht oder anderswo. Eine entsprechende Zahlung an Monheim kommt für Oberbürgermeister Stefan Hebbel aber nicht in Frage: „Die Stadt Leverkusen kann – vor allem aus Gründen der Gleichbehandlung und nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der nachhaltig prekären Haushaltssituation – keine Plätze an Leverkusener Schulen unbesetzt lassen, dafür aber gleichzeitig in anderen Kommunen Schulplätze besetzen und dafür zusätzlich finanzielle Mittel in nicht unerheblicher Höhe aufwenden.“ Denn: In Leverkusen gibt es genug Gymnasialplätze, um alle Leverkusener Kinder zu versorgen.
Hobbys in Monheim, Schule in Leverkusen
„Das verhindert das soziale Leben der Kinder“, klagt Stephan Coppel, der seine Zwillinge Lara und Luzie auf dem OHG angemeldet hatte. Im Gegensatz zum Monheimer Gymnasium sind fast alle Leverkusener Ganztagsschulen, dazu kommen Busfahrten zwischen 30 und 70 Minuten. „Ich spiele in Monheim Fußball, das Training um 16.30 Uhr kann ich nicht mehr schaffen, wenn ich in Leverkusen zur Schule gehen muss“, sagt Vincent. Auch Luis hat seine Hobbys in Monheim, er spielt ebenfalls Fußball und Schach im Verein. Zum OHG wollte er zusammen mit seinem großen Bruder Oskar mit dem Fahrrad fahren.
Auch für Ronja wären es nur sieben Minuten mit dem Fahrrad an das OHG, wo sie sogar schon zwei ältere Geschwister hat. Nun ist sie an der Peter-Ustinov-Gesamtschule in Monheim angemeldet. „Damit sind wir auch unglücklich, aber wir hatten solche Angst davor, dass sie am Ende auf das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium gehen muss, diese Fahrtzeit könnten wir mit drei Kindern niemals stemmen“, sagt ihre Mutter. Ronja ist vor allem traurig, dass sie nicht mehr mit ihrer besten Freundin Hanna zur Schule gehen wird. „Bisher machen wir eigentlich alles zusammen.“ Zum Beispiel Inline-Hockey. Natürlich in Monheim.
Lange Fahrtzeiten
Egal, zu welcher Leverkusener Schule die Hitdorfer Kinder letztlich gehen: Die Fahrtwege werden deutlich länger. Aus dem Hitdorfer Zentrum sind es ans OHG rund fünf Kilometer, der direkte Bus braucht dafür 13 Minuten. Die Leverkusener Gymnasien sind deutlich weiter entfernt: Das Landrat-Lucas-Gymnasium in Opladen und das Lise-Meitner-Gymnasium in Wiesdorf sind rund acht Kilometer entfernt, Busverbindungen mit Umstieg dauern rund 40 Minuten. Das Freiherr-vom-Stein- und das Werner-Heisenberg-Gymnasium, die zumeist eher noch freie Plätze haben, sind je rund zwölf Kilometer und je nach Verbindung 50 bis 70 Minuten Busreise entfernt.
Auch wenn Bürgermeisterin Wienecke Verständnis für die logistischen Probleme der Hitdorfer Familien zeigt: Bislang ist sie nicht bereit, die Mehrklasse anzuordnen. Dafür bietet sie den Eltern freie Plätze an der benachbarten Ulla-Hahn-Gesamtschule an: „Hier ist der Zugang mit der Gymnasialempfehlung möglich und der gleiche Abschluss zu erwerben.“
Auch auf der Rheindorfer Käthe-Kollwitz-Gesamtschule könnten die Kinder unterkommen. Das aber wollen die meisten Eltern nicht. „Alle abgelehnten Kinder haben eine uneingeschränkte Gymnasialempfehlung“, sagt ein Vater. „Wir haben den Kindern gesagt: Strengt euch an in der Schule, damit ihr diese Empfehlung bekommt.“ Sie jetzt zur Gesamtschule zu schicken, wäre für ihn ein Signal an die Kinder, dass sich Leistung nicht lohnt.


